Karl Wulf dokumentiert heimischen Luftkrieg

24 Angriffe, 1100 Tote: Bilanz des Bombenkriegs in Hamm

+
Die Weststraße mit der Pauluskirche im Hintergrund kurz nach dem Bombenangriff vom 22. April 1944. Der Kirchturm wird am 30. September brennend zusammenstürzen.

Hamm - Bei 24 Luftangriffen starben im Zweiten Weltkrieg in Hamm mehr als 1100 Menschen. Karl Wulf hat die Geschehnisse für ein Buch dokumentiert.

Der Luftkrieg über Hamm begann lange, bevor das erste alliierte Flugzeug Kurs auf die Stadt nahm. Luftschutzübungen gehörten ab 1933 zum Alltag im nationalsozialistischen Deutschland. Am 12. Mai 1940 wurde es ernst, als der erste britische Bomber Hamm angriff – und abgeschossen wurde. Als die Royal Air Force am 27. März 1945 zum letzten Mal kam, waren 1121 Hammer tot und mehr als 5500 Wohnungen zerstört. Karl Wulf schildert den Ablauf der Angriffe, ihre Folgen für die Bevölkerung und für die Bomber-Besatzungen in „Hamm im Bombenkrieg“.

Zehn Jahre lang hat Wulf an seinem sechsten Buch gearbeitet. Der pensionierte Vermessungsingenieur hatte sich immer wieder mit Stadtplanung und Stadtgeschichte beschäftigt. In „Planen und Bauen 1936-1945“ beschrieb er 2002 den Bau der Luftschutzbunker; von da war es thematisch nur ein kurzer Schritt zu den Luftangriffen selbst.

Die Quellenlage war dabei zunächst dürftig: Die Unterlagen der Hammer Polizei, die für den Luftschutz zuständig war, waren kurz vor der Kapitulation im April 1945 vernichtet worden. Erhalten blieben Angriffsmeldungen bei der Bezirksregierung und eine Chronik der Brandwache am Oberlandesgericht, die das Stadtarchiv 1995 veröffentlicht hatte.

Karl Wulf (Dritter von links) bei der Präsentation von „Hamm im Bombenkrieg“ im Stadtarchiv.

Vielversprechender waren da die Einsatzprotokolle der Alliierten. Aus dem US-Nationalarchiv in Washington wurden Wulf rund 450 Dokumente in Kopie übermittelt, die er großem Aufwand auswertete.

Sie bilden das Grundgerüst für Wulfs chronologische Darstellung des Luftkriegs über Hamm. Er zählt Angriff für Angriff auf, vermerkt Uhrzeiten, Angriffsziele, Bomben- und Flaktreffer, Opfer am Boden und in den Maschinen. Zeitungsmeldungen und Tagebucheinträge ergänzen die Angaben aus den Akten. Die historische Einordnung des Bombenkriegs fällt zwar knapp aus, doch die Reihung der Ereignisse spricht für sich.

Wulfs Buch ist ein Dokument des Grauens. 1940, während des deutschen Westfeldzugs, griffen die Briten erstmals aus der Luft an. Es waren Entlastungsangriffe, die nur geringe Schäden verursachten, aber die ersten Toten zurückließen. Auch bei den Angreifern: Drei Bomber wurden abgeschossen.

Es wurde immer schlimmer

Von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr wurde es schlimmer. Traueranzeigen im Westfälischen Anzeiger vom 8. März sprechen Bände. Vier Tage zuvor hatte die US Air Force mit einem Angriff auf den Hammer Bahnhof die Luftschlacht um das Ruhrgebiet begonnen, 149 Menschen kamen dabei ums Leben.

Benannt werden durfte das Offensichtliche nicht: Ein „tragisches Geschick“ wurde in den Anzeigen unisono als Todesursache genannt. Dem NSDAP-Gauleiter war es vorbehalten, in einer Traueranzeige einen „anglo-amerikanischen Terrorangriff“ zu brandmarken.

Keine Aufrechnung von Toten

Wulf, der die Angriffe als Jugendlicher selbst erlebt hat, zeigt Fotos der Zerstörung, zitiert Zeitzeugen, die in Bunkern und Kellern überlebten. Und er bezieht die Flugzeugbesatzungen ein. Am 22. April, beim schwersten Angriff auf Hamm, verloren die Amerikaner 28 Maschinen und 249 Mann; bei der Luftwaffe waren es 25 Flugzeuge und 27 Flieger.

„Hamm im Bombenkrieg“ ist keine Aufrechnung von Toten, auch keine Abhandlung über die militärische Wirkung der Angriffe. Die Dokumentation ist vielmehr Mahnung und Grundlage für weitere Forschungen.

Karl Wulf: Hamm im Bombenkrieg. Dokumentation der Luftangriffe auf die Stadt Hamm im Zweiten Weltkrieg. Hamm 2018. 188 Seiten. 15,50 Euro; erhältlich in den Buchhandlungen Edmund Peters, Oststraße 28, und Margret Holota, Weststraße 11.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare