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Aus Mist Gold machen: Der Traum der Alchemisten wird hier fast wahr

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Von: Gisbert Sander

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Dothias Schulze Böing vor der Biogas-Anlage in Hamm-Lerche
Dothias Schulze Böing vor der Biogas-Anlage, die er vor elf Jahren gebaut hat: In dem unscheinbaren Tank in der Mitte findet die Hauptvergärung statt, in dem mit der markanten, gewölbten Kunststoffhaube die Nachvergärung. In dem Gebäude hinten stehen die beiden mächtigen Motoren, die zur Stromerzeugung dienen. © Robert Szkudlarek

„Aus Mist Gold machen“: Das ist den mittelalterlichen Alchemisten natürlich nicht gelungen, aber die heimischen Landwirte sind zumindest nah dran. Und das nicht nur sprichwörtlich, wenn es um Biogas-Anlagen geht.

Hamm – Dothias Schulze Böing betreibt eine solche seit elf Jahren im Ortsteil Lerche. Darin vergärt er als Hauptenergieträger Mais, Grünroggen und Silphie, ein bei Bienen beliebtes Staudengewächs. Tatsächlich mischt er noch 30 bis 40 Prozent Mist – auch Gülle – von Rindern, Schweinen und Puten unter, das ihm benachbarte Landwirte liefern.

Die wiederum erhalten die Gärreste zurück, denn die sind laut Schulze Böing ein wertvoller Dünger. „Davon kann ich gar nicht so viel produzieren, wie gewünscht wird“, sagt er. Davon haben auch die Anwohner der Felder, auf denen dieser Dünger ausgebracht wird, wiederum etwas, so Schulze Böing: „Im Gegensatz zu Gülle stinkt der nicht.“

20 Tonnen „Futter“ für die Biogasanlage täglich

Der Landwirt betreibt eine sogenannte „Nawaro“-Anlage, die mit nachwachsenden Rohstoffen betrieben wird – im Gegensatz zu einer Koferment-Anlage, bei der auch Schlachtabfälle vergoren werden. Schulze Böing ist sich der Kritik daran, dass Grundstoffe für Lebensmittel zur Energie- statt zur Nahrungsmittelproduktion verwendet werden, durchaus bewusst: „Diese Tank-Teller-Diskussion halte ich für ziemlich absurd.“

In der Landwirtschaft seien „immer schon“ 20 bis 30 Prozent der Produktion nicht zur Nahrungsmittelproduktion verwendet worden, sondern um Tierfutter (Hafer) und Textilien (Wolle, Leinen) herzustellen. Und als Schulze Böing begann, sich mit Biogas-Anlagen auseinanderzusetzen und seine eigene zu planen, habe es in der Europäischen Union noch eine Nahrungsmittel-Überproduktion gegeben – Stichworte Butterberg und Milchsee.

Der Motorenraum der Biogas-Anlage in Hamm-Lerche
Blick in den Motorenraum der Biogas-Anlage: Durch die Verbrennung des Gases wird hier Strom erzeugt. © Robert Szkudlarek

Sein landwirtschaftlicher Betrieb umfasst 190 Hektar Fläche, auf der Hälfte baue er Getreide an, auf der anderen Hälfte „Futter“ für die Biogasanlage. Tatsächlich werde es „füttern“ genannt, wenn der Anlage Material zugeführt wird. Rund 20 Tonnen seien das täglich. In dem Tank mit flacher Stahlbetondecke werden sie von Bakterien zu rund 90 Prozent zu Methangas vergoren, die „Nachgärung“ findet in dem Tank mit der markanten, gewölbten Kunststoffhaube statt. „Das Ganze muss im anaeroben Zustand geschehen, also vollkommen ohne Sauerstoff“, sagt Schulze Böing.

3 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr

Das gelte auch für die Leitungen, die das Gas den beiden mächtigen Motoren zuführen. Durch die Verbrennung des Methangases werden die Motoren angetrieben und so elektrische Energie erzeugt. Etwas mehr als 3 Millionen Kilowattstunden (kWh) Strom erzeuge er pro Jahr: „Das ist keine große Anlage, sondern immer noch ein bäuerlicher Betrieb.“

Mit einer Effizienz von 80 bis 85 Prozent sei der Wirkungsgrad sehr hoch. Laut Schulze Böing könnten mit dem Strom rund 1000 Haushalte versorgt werden, tatsächlich wird er aber ins öffentliche Stromnetz eingespeist. Die Menge wird elektronisch gesteuert, denn wenn beispielsweise gerade viel Solarenergie eingespeist wird, wird die Menge aus der Lercher Biogasanlage reduziert.

Wärme für die Nachbarschaft

Es gibt aber noch eine zweite Energie, die genutzt wird: Wärme. Die Motoren produzieren so viel davon, dass sie mit enormen Klimaanlagen gekühlt werden müssen, um keinen Schaden zu nehmen. Dennoch bleibt so viel Wärme übrig, dass er damit – wie bei einem Blockheizkraftwerk – zahlreiche Nachbarn, unter anderem die Gaststätte Keitmann, mit Heizungswärme versorgt.

Vier Angestellte hat Schulze Böing, die die Anlage „füttern“ und warten. „Mehrere Millionen Euro“ habe er in seine Biogasanlage investiert. Sie amortisiere sich nach rund 20 Jahren. „Damit ist kein schnelles Geld zu machen“, sagt Schulze Böing, der übrigens ursprünglich nicht Landwirt gelernt hat: Er ist Diplom-Ingenieur Architektur.

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