Corona, Kampfmittel und die Kostenfrage

Halbzeit beim Superprojekt: Bilanz und Ausblick im „Erlebensraum Lippeaue“

Silke Bielefeld und Dr. Oliver Schmidt-Formann vor dem künftigen Plateau im Erlebensraum Lippeaue.
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Standortbestimmung: Projektleiterin Silke Bielefeld und ihr Vorgänger Dr. Oliver Schmidt-Formann vor dem künftigen Plateau-Block. Als Umweltamtsleiter der Stadt Hamm ist er inzwischen ihr Chef.

Für den künftigen „Erlebensraum“ haben die Projektplaner der Stadt Hamm und des Lippeverbands große Teile der Lippeaue weithin sichtbar regelrecht auf links gezogen. Jetzt ist Halbzeit auf der mächtigsten Baustelle der Region. Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Hamm - Gebetsmühlenartig betonen Dr. Oliver Schmidt-Formann und Silke Bielefeld, dass die Umwelt bei allem absolute Priorität hat, dass es eben nicht Erlebnis-Raum heißt, sondern Erlebens-Raum, und dass schon gar kein Freizeitpark entstehe. Ja, die Menschen sollen kommen – aber sie sollen das im Einklang mit Fauna und Flora tun, sie sollen sie kennenlernen, sie aber nicht zertrampeln. (Alle Berichte zum Thema „Erlebensraum Lippeaue“ hier.)

Dass entlang dieses Balanceakts Begehrlichkeiten aufkommen, liegt angesichts des Werbens für das Projekt in der Natur der Sache: Bestes Beispiel ist das schon jetzt verführerisch aussehende Lippeufer östlich der Münsterstraße, das zwar der Erholung dienen soll, aber eben doch kein „Strand“ sein darf und als solcher auch nicht wie geleckt aussehen wird.

„Erlebensraum“ in Hamm: wichtigste Projekte 2020 und 2021

Vor gut zwei Jahren wurde im Dreieck Mitte/Heessen/Bockum-Hövel der erste Spatenstich gesetzt, in weiteren zwei Jahren soll alles weitgehend fertig sein.

Das Freilegen des Uferbereichs über rund 500 Meter zählen Umweltamtschef Schmidt-Formann und seine Projektleiterin Bielefeld zu den wichtigsten Erlebensraum-Einzelprojekten des ablaufenden Jahres. Die weiteren sind für beide der Einbau der 1,3 Kilometer langen Spundwand für die verlegte Hochwasserschutzanlage (HWS) im Ostteil, der Beginn der Aufschüttung für das Plateau und die Fertigstellung des Teilabschnitts 2 zwischen Münsterstraße und Bahndamm („Schweinemersch“).

Als wichtigste Punkte für das Jahr 2021 benennen die Stadtplaner den kompletten Rückbau des Altdeichs zwischen Kläranlage und Fährstraße, den Bau eines neuen Kanals nördlich der neuen HWS, den Einbau des Bodens für das Plateau, die Planung des Auenparks (das soll der eigentliche Besucherbereich werden) mit einem archäologischen Infopunkt und den Beginn der Flächenbewirtschaftung im Teilabschnitt 3 („Borgstätte“, unter anderem ist eine Beweidung durch Hochlandrinder geplant).

Halbzeit auf der Baustelle für den „Erlebensraum Lippeaue“

Halbzeit auf der Baustelle für den „Erlebensraum Lippeaue“ (Ende 2020).
Halbzeit auf der Baustelle für den „Erlebensraum Lippeaue“ (Ende 2020).
Halbzeit auf der Baustelle für den „Erlebensraum Lippeaue“ (Ende 2020).
Halbzeit auf der Baustelle für den „Erlebensraum Lippeaue“ (Ende 2020).
Halbzeit auf der Baustelle für den „Erlebensraum Lippeaue“

„Erlebensraum“ in Hamm: Kurskorrekturen aus Kostengründen

Insgesamt rund 34.500.000 Euro investieren die Stadt Hamm, der Lippeverband und das Land NRW in den Erlebensraum; 7,4 Millionen davon trägt die Stadt. Um diese Vorgabe nicht zu gefährden, wurden zwischenzeitlich zwei nachhaltige Kurskorrekturen vorgenommen: Die geplante 700-Meter-Verlängerungsschleife der Lippe im Teilabschnitt A3 auf Bockum-Höveler Gebiet wurde bis auf weiteres zurückgestellt, und die Verlegung des Bestandsdeichs zwischen Kläranlage und Münsterstraße fiel komplett weg. Daraus resultierte schließlich die Plateau-Idee und der Wegfall von 18.000 Lkw-Fahrten durchs Stadtgebiet.

„Der ursprüngliche Kostenrahmen bei den Maßnahmen der Wasserrahmenrichtlinie und bei den Maßnahmen der Grünen Infrastruktur wird eingehalten“, formuliert Silke Bielefeld mit Blick auf den aktuellen Stand.

„Erlebensraum“ in Hamm: Fertigstellung verschiebt sich

Nicht ganz eingehalten wird indes der Zeitplan. War für die Fertigstellung des Gesamtprojekts bislang stets von „Mitte 2022“ die Rede, lautet die Sprachregelung jetzt „Ende 2022“. Daran geht übrigens auch kein Weg vorbei, denn dieses Zieldatum ist gleichbedeutend mit dem Auslaufen der zugesagten Fördergelder. Die Corona-Probleme gingen eben auch am Hammer Leuchtturmprojekt nicht spurlos vorbei: So herrschte während des Lockdowns im Frühjahr Stillstand bei der Kampfmittel-Sondierung (weil für mögliche Entschärfungsarbeiten keine Evakuierungen möglich gewesen wären), so kam es zu Einschränkungen bei den beauftragten Baufirmen, so kam es zu Verzögerungen im wasserrechtlichen Genehmigungsverfahren des Plateau-Bereichs, und obendrauf mussten die Planer starke Einschränkungen in der Öffentlichkeitsarbeit hinnehmen.

Was am Ende aber nicht bedeutet, dass die Menschen „ihren Erlebensraum“ nicht doch schon früher erobern dürften. Denn Amtsleiter Schmidt-Formann will Einzelfreigaben vor Ende 2022 nicht ausschließen. Je nach Fortschritt könnten das das Plateau, der Radweg oder auch das Lippeufer sein.

Einflugschneise Münsterstraße?

Abgestellt auf einem ungenutzten Abstellgleis scheint die Frage der Anbindung des „Erlebensraums“ an die Innenstadt zu sein. Ob dafür auch künftig nur die wenig attraktive Münsterstraße bleibt, kann auch zwei Jahre nach dem ersten Spatenstich niemand beantworten. Und das, obwohl die Besucher doch möglichst ohne Auto kommen sollen (die Idee einer Seilbahn ist schon seit Mai 2017 vom Tisch).

Klar ist, dass die Münsterstraße eine zentrale Rolle spielen wird: Zwischen Plateau und Lippeufer wird eine Treppe hinab in den Auenpark führen, die Sicht auf diesen soll durch das Entfernen von Bäumen und Sträuchern ermöglicht werden; das Dach des Trafohäuschens am Hamtec könnte als Ausguck dienen.

Immerhin: Die künftige Bushaltestelle in Höhe des Plateaus hat schon einen Namen – nämlich „Flugplatz/Lippeaue“. 

„Erlebensraum“ in Hamm: Schafe, Kita-Kinder und ein Ranger

Wenn es nach den Planern im Umweltamt geht, werden künftig ganzjährig Schafe statt Rasenmäher die Grünflächen im „Erlebensraum“ angemessen kurz halten. Ihr Stall ist auf dem Gelände eines Bauernhofs vorgesehen, der im Bereich Brökermersch in der Nähe des dortigen Geschäftszentrums geplant ist. Der komplette Gebäudeblock könnte 700 Quadratmeter umfassen.

Sollte die Suche nach entsprechenden Fördermöglichkeiten in den Bereichen „Klimaschutz“ und „Biologische Vielfalt/Biodiversität“ zeitnah genug erfolgreich sein, könnte das Projekt noch im Jahr 2022 umgesetzt werden, erklärt Projektleiterin Silke Bielefeld. Denn über den Schafstall hinaus wollen die Planer auf dem Hof auch ein Umweltbildungszentrum und eine Natur-Kita installieren. Deren Kinder hätten mit dem „Erlebensraum“ das ideale Umfeld sozusagen direkt vor der Haustür.

Die selbe Haustür wird womöglich dann auch ein Ranger benutzen: Denn ein solcher „Hüter eines Landschaftsraumes“ (so die ursprüngliche Wortbedeutung) könnte von dort aus den „Erlebensraum“ betreuen, mit den Besuchern kommunizieren und bei Bedarf auch mal eine klare Ansage machen.

All diese spannenden Module sind derzeit allerdings noch eher Wunsch als Wirklichkeit, sagt Silke Bielefeld. Man stecke in der „in der Projektplanungsphase: Erste Gespräche haben stattgefunden.“

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