Gustav-Lübcke-Museum

Mit Volldampf auf der Suche nach Raubkunst

Die Rückseite eines Bildes kann viel aussagen: Dr. Diana Lenz-Weber, Dr. Ulf Sölter und Susanne Birker (von links) schauen auf die vielen Etiketten und Beschriftungen, die Aufschluss über die Herkunft geben könnten.
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Die Rückseite eines Bildes kann viel aussagen: Dr. Diana Lenz-Weber, Dr. Ulf Sölter und Susanne Birker (von links) schauen auf die vielen Etiketten und Beschriftungen, die Aufschluss über die Herkunft geben könnten.

Die Herkunftsforschung zu Kunstwerken im Gustav-Lübcke-Museum gehört zu den 25 Projekten, die jetzt eine Förderung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste in Magdeburg erhalten. Das Museum schreibt dafür die Stelle eines Kunsthistorikers beziehungsweise einer Kunsthistorikerin aus.

Hamm – Alle Projekte beschäftigen mit Nachforschungen zum Verbleib von in der NS-Zeit geraubten Kulturgütern beziehungsweise Objekten ungeklärter Provenienz. Mit der Bewilligung der Fördermittel kann das Museum nun konsequent den Weg fortsetzen, den es vor einigen Jahren eingeschlagen hat: den Bestand zu überprüfen, Herkünfte soweit möglich aufzuklären und unrechtmäßig erworbene Kunstgegenstände an Nachfahren zurückzugeben.

2016 war die wissenschaftliche Mitarbeiterin Susanne Birker im Zuge einer Recherche über den ehemaligen Museumsleiter Ludwig Bänfer auf zwei Objekte in der Sammlung aufmerksam geworden, die 1943 angekauft, sich als eindeutig jüdisches Eigentum identifizieren ließen und 2019 schließlich den Nachkommen der Eigentümer zurückgegeben wurden.

Mehrere Verdachtsfälle auf Raubkunst

2019 folgte noch ein weiterer Schritt: Zwei Expertinnen der Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe hatten im Rahmen des Projekts „Provenienzforschung in NRW“ im Frühjahr anhand von Inventarlisten eine erste Sichtung des Museumsbestandes als sogenannten „Erstcheck“ auf Kulturgüter zweifelhafter Herkunft vorgenommen. Für das Projekt hatte sich das Museum freiwillig beworben.

Mit den daraus hervorgegangenen Empfehlungen will das Museum nun weiter arbeiten. Konkret hatten sich mehrere Verdachtsfälle auf NS-Raubkunst ergeben, darunter ein Leuchter, der aus der Hammer Synagoge stammt und laut Inventarbuch über einen Altmetallhändler ins Haus gelangte. Dazu gehören ebenso Gemälde und Kunstgegenstände, die während der NS-Zeit über Auktionen angekauft wurden, als Dauerleihgabe des Bundes aus Reichsbesitz stammen oder jüdische Objekte, die einfach als „alter Museumsbestand“ klassifiziert sind.

70 Objekte im Fokus

Die Förderung der Vollzeitstelle ist zunächst für ein Jahr bewilligt, mit Aussicht auf eine Fortführung des Projekts über ein weiteres Jahr (Eigenanteil der Stadt: 10 Prozent). 70 Objekte, zumeist Bilder, deren Herkunft ungewiss ist, und der Erwerbszeitraum von 1933 bis 1962 stehen zunächst im Fokus. Das entspricht einem einzigen von insgesamt 14 Inventarbüchern mit zusammen 23 000 Einträgen.

„Das ist echte Detektivarbeit“, sagt Museumsdirektor Dr. Ulf Sölter. Im normalen Betrieb wäre das nicht zu leisten. Nun sucht das Haus einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin mit Erfahrung, für die beispielsweise der Umgang mit internationalen Datenbanken oder Auktionskatalogen kein Neuland ist. Idealerweise soll das Projekt in Hamm im nächsten Frühjahr starten.

Datenbank bisher stiefmütterlich

Damit gingen auch der Ausbau der Datenbank und die entsprechende Dokumentation der Objekte einher, so Sölter. In der Vergangenheit sei damit stiefmütterlich umgegangen worden. Gleiches geschieht aktuell in der ägyptischen Sammlung.

Ausdrücklich betont der Museumsdirektor: „Provenienzforschung ist kein Modethema. Es gibt auch keinen Grund, sich nicht über ungeklärte Herkünfte zu äußern. Es geht um Aufarbeitung. Wir schauen jetzt, wo wir stehen, und werden diese Forschung auch nach außen hin sichtbar machen.“ Nach Abschluss des Projekts sollen eine Ausstellung und eine Publikation der Ergebnisse folgen. Im besten Fall können am Ende Objekte zurückgegeben werden.

„Von sensationell bis gar nichts“

Eine Prognose sei schwierig, ergänzt Susanne Birker. „Das Ergebnis kann von sensationell bis gar nichts reichen.“ Aber selbst für die Aufklärung in einem einzigen Fall würde sich die Arbeit lohnen.

Bei der Erforschung der Herkunft und möglicherweise einer Rückgabe gehe es nicht um so etwas wie Vergeltung, sagt Dr. Ulf Sölter. „Hinter all diesen Fragen steht ein großes Unrecht. Die Zeit verschwindet mit wachsendem Abstand mehr und mehr aus den Köpfen. Der Blick auf Einzelschicksale macht es aus, dass sie nicht in Vergessenheit gerät.“

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