Rückblick auf die Anfänge der Partei bei uns

Als die Grünen sich in Hamm fanden und sofort wieder auflösten

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Ein Ur-Hammer Thema für die Grünen: 2500 Menschen demonstrierten im September 1983 in Uentrop gegen den Probebetrieb des THTR .

Vor 40 Jahren wurden „Die Grünen“ auf Bundesebene gegründet. In Hamm geschah dies sogar einige Wochen früher. Grün waren sich die Grünen in ihren Gründungstagen aber längst nicht immer. Wenige Wochen später wurde der Verband wieder aufgelöst.

Hamm – Freitags gab es keine Demos. Samstag war der Tag, an dem die Jugend in Scharen in der Innenstadt zusammenkam. Immer mittags, wenn die Schule zu Ende war. Der Treffpunkt war bei Eduscho an der Ecke Weststraße/Rödinghauser Straße, wo bis vor Kurzem Schanzenbach einen Imbiss betrieben hat.

Man trug Latzhosen, Birkenstocks und Selbstgestricktes, und die Mädchen hatten hennarote Haare. Aufkleber und Anstecknadeln mit den Slogans „Atomkraft? Nein Danke“ und „Stoppt Strauß“ zierten Schultaschen und Bundeswehrparkas und machten die Uniform perfekt. Die Slogans waren die Eintrittskarten zum Intellektuellentum. Man war damit „alternativ“ und „cool“, selbst wenn man eigentlich doch keine Ahnung hatte und nur in die „Fuzo“ gekommen war, um das Freizeitprogramm fürs Wochenende abzuklären – und am Ende wieder in der „Alternative“ am Papenweg (heute „Die Knolle“) zu landen.

Grüne diskutieren zum 40. über neuen Parteinamen

Ganz einfach: "Strauß war schuld"

„Strauß war schuld“, lautet Michael (Mike) Walterscheids simple Erklärungsformel für die Gründung der Grünen-Partei vor 40 Jahren auf Bundesebene. Walterscheid ist heute 66, einer der Ur-Grünen aus Hamm und einer, der schon damals tatsächlich den Durchblick hatte und engagiert für Umweltbelange eintrat.

Michael Walterscheid ist Hammer Ur-Grüner.

Franz-Josef Strauß war 1980 zum Kanzlerkandidaten von CDU/CSU gemacht worden und unterlag bekanntlich gegen SPD und FDP, die mit Helmut Schmidt als Spitzenkandidat angetreten waren. „Maoisten, frustrierte Christdemokraten, Menschen aus der Friedens- und Naturschutzbewegung und solche aus der esoterisch-waldorfschen Ecke“ hätten damals die Grünen bevölkert, erinnert sich der Ex-Ratsherr.

Bau des THTR in der Kritik

Ähnlich heterogen war auch die Grünen-Bewegung in Hamm zusammengesetzt. „Grün“ war man sich dabei längst nicht immer. Die Ursprünge gehen in die 1970er Jahre zurück. So wurde beispielsweise die Bürgerinitiative Umweltschutz 1976 gegründet und engagierte sich insbesondere gegen den Bau des THTR.

Auszug aus „Der Grüne Hammer“, der Grünenzeitung, vom Juni 1979. (Ein Klick rechts oben ins Bild vergrößert das Motiv.)

Anfang des Jahres 1979 wurde in Hamm die „Grüne Aktion Zukunft“ (GAZ) aus der Taufe gehoben, die im Juni 1979 auch bei der Europawahl antrat. Zur Kommunalwahl im gleichen Jahr wurde aus der Partei eine Wählergemeinschaft gemacht. Konkurrierende, linke Initiativen fanden so eine Heimat.

Hartmut Schulze-Velmede zog am 30. September 1979 als erster Grüner Hammer in die Bezirksvertretung Rhynern ein. In den Rat schafften es die Grünen nicht. Hamm wurde von 1979 bis 1984 allein von SPD (30 Sitze) und CDU (29 Sitze) regiert. Alle übrigen Parteien scheiterten an der Fünf-Prozent-Hürde.

Hammer Grüne heben die Hände: Auch wir können OB!

Der 12. Dezember 1979

Tatsächlich gibt es bei der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin ein „Archiv Grünes Gedächtnis“. Dort sind offenbar alle Unterlagen aus den Grünen-Anfangstagen in NRW untergebracht. Der 12. Dezember 1979, so wurde jetzt auf WA-Anfrage mitgeteilt, gilt aufgrund einer handschriftlichen Notiz als Gründungstag der Grünen in Hamm. Der Notar Helmut Wigge und Hartmut Schulze-Velmede seien als Ansprechpartner genannt. Der WA berichtete damals drei Tage später über dieses Ereignis.

Lange hielt dieser Kreisverband aber auch nicht. Kurz nach der Gründung der Bundespartei in Karlsruhe habe ihn Wigge wieder aufgelöst erinnert sich Mike Walterscheid. „Aus Frust über Karlsruhe.“ Er selbst sei dann im Mai mit dem bereits verstorbenen Wolfgang Kempkens nach Köln gefahren, um sich über die Möglichkeiten, ihn wiederaufleben zu lassen, zu erkundigen. Mit fünf oder sechs Übriggebliebenen sei es zunächst weitergegangen.

1984 trat dann die Grün-Alternative Liste (GAL) bei der Kommunwahl in Hamm an und ergatterte vier Sitze. Oberbürgermeisterin wurde Sabine Zech (SPD) in Nachfolge von Werner Figgen.

SUVs gab’s noch nicht, das Verkehrsthema aber schon. (Ein Klick rechts oben in das Bild öffnet das komplette Motiv.)

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Kommentare

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Kommentare

Dieter KOHLENAntwort
(0)(2)

Verbotskeule?

Hauen Sie nicht gerade blind mit einer Riensenkeule auch eine basisdemokratische Partei ein ...?

Dieter KOHLEN
(0)(2)

Nun ja, die einen waren grün, alternativ und siw waren politisch.

Die anderen wurden Popper und hatten nur die Haare schön ...

Ehrlich? Mir waren (und sind) die ersteren lieber.

Gabriel
(2)(1)

Die sind halt auch weniger Grün als sie einem gerne Verkaufen möchten.
Im Prinzip eine Partei die nur noch mit der Verbotskeule arbeitet, Leute überzeugen ökologischer zu Leben war wohl zu anstrengend und zeitigt keine schnellen großen Erfolge.