„Wir gewähren anderen Menschen den Vorrang“

Zwei Rhyneraner bleiben „freiwillig“ in Neuseeland - Nirgendwo sonst sind so viele Deutsche gestrandet

Lena Laas und Tristan Schockenhoff sind seit Wochen in Neuseeland – hier in Ragland südlich von Auckland.
+
Lena Laas und Tristan Schockenhoff sind seit Wochen in Neuseeland – hier in Ragland südlich von Auckland.

Fünf Wochen ans andere Ende der Welt. Fünf Wochen Neuseeland. Auf diesen Trip zum Abschluss ihres Studiums hatten sich der Rhyneraner Tristan Schockenhoff und seine Freundin Lena Laas monatelang gefreut. Zunächst war es auch der perfekte Erlebnisurlaub für die beiden Mittzwanziger. Doch dann holte auch sie die drastische Veränderung des Lebens durch Corona ein.

Auckland/Rhynern – Das Virus machte auch vor der größten Insel des australischen Kontinents nicht halt und ließ die Rückkehr nach Deutschland zuweilen in noch weitere Ferne rücken als sie bei einer Distanz von rund 18000 Kilometern ohnehin bereits ist. Der 24-Jährige berichtet von den Erlebnissen, Eindrücken und Sorgen des jungen Paares in dieser Zeit.

Das Wichtigste vorab: Beiden geht es gut. So gut, dass sie bei allen Strapazen die Solidarität gegenüber anderen Leidgenossen nicht vergessen. „Hier gibt es echt einige Härtefälle unter den Gestrandeten. Da ist es für uns selbstverständlich kein Problem noch einige Tage zu warten, um entsprechenden Leuten Vorrang zu gewähren. Uns geht es ja wie gesagt ganz gut“, so Tristan Schockenhoff.

Gelandet sind Tristan und Lena am 20. Februar in Auckland/Neuseeland. Die 26-Jährige kannte sich hier bereits aus, vor sechs Jahren arbeitete sie eine Zeit lang als Au-Pair-Mädchen. Der Besuch ihrer „Familie“ war daher ein zentraler Bestandteil dieser Reise. Und letztlich war dies der Glücksfall, haben die beiden doch jetzt bei dieser Familie ein Dach über dem Kopf.

Lange ist das Virus kein Thema

Auf dem Hinflug war das Corona-Virus den beiden natürlich bereits zu Ohren gekommen, ein großes Thema sei es aber für sie noch nicht gewesen. Lediglich das Umsteigen in Hongkong sei ein wenig prekär gewesen. Erstmals sahen sie, dass am Flughafen alle Menschen mit Mundschutz unterwegs waren. „Wir auch.“

Dazu gab es kleinere Checks bei der Einreise bezüglich der Herkunft. „Ansonsten war es hier in Neuseeland ganz lange kein Thema, auch als der erste Fall Ende Februar im Land war, blieb die Zahl der Erkrankten sehr lange im einstelligen Bereich“, berichtet Schockenhoff.

Mit dem Mietwagen on Tour

Und so begannen die beiden ihre Traumreise zu genießen. Mit einem Mietwagen umkreisten sie in anderthalb Wochen die Nordinsel. Per Flugzeug ging es weiter nach Christchurch auf der Südinsel. Auch dort stand Sightseeing per Mietwagen an. Alles individuell, ganz nach Lust, Laune und Geschmack der jungen Deutschen. Der perfekte Urlaub eben. Während das Virus die Heimat in Deutschland bereits fest im Griff hatte, verlebten die beiden eine weitgehend unbeschwerte Zeit.

Corona - Das Leben in Hamm in Zeiten des Virus

Corona - Das Leben in Hamm in Zeiten des Virus

Zwei annullierte Flüge

Am Mittwoch, 22. März, ging es zurück nach Auckland. Immerhin war am 25. März der Rückflug nach Deutschland geplant. Doch schnell war klar, das vieles anders kommen würde. Ihr Flug war annulliert worden. „Wir haben dann eine Alternative für den 28. März bekommen, die kurze Zeit später jedoch auch wieder annulliert wurde“, so Schockenhoff.

Lockdown kommt sehr plötzlich

Ab jetzt ging alles recht schnell. Gerade in Auckland angekommen „wurde hier relativ plötzlich der Notstand ausgerufen und alles für den Lockdown vorbereitet“, beschreibt der Rhyneraner. Und zwar alles ausgerechnet am 26. Geburtstag von Lena. Diesen besonderen Tag wollte das Paar in der Innenstadt genießen. „Plötzlich machten auf einmal alle Läden gleichzeitig dicht, Bauarbeiter verließen umgehend ihre Baustellen, auf den Straßen bildeten sich Staus. Das war wirklich etwas gespenstig“, schildert Schockenhoff. Mittlerweile gelten in Neuseeland in etwa dieselben Regeln wie in Deutschland.

Das ließ auch die Sorge weiter wachsen, in den nächsten Tagen heimreisen zu können. Alternative Flugverbindungen gab es nicht mehr. Mitten in diese Ungewissheit und Sorge hinein sorgte die einstige Au-Pair-Familie von Lena für den Lichtblick. „Die Familie hat uns sofort angeboten, dass wir so lange es nötig ist, bei ihnen unterkommen können“, schildert Schockenhoff den großen Glücksfall.

Gestrandeten geht das Geld aus

Seit zwei Wochen nehmen Tristan und Lena diese Gastfreundschaft an. „Ich habe online von anderen Gestrandeten gelesen, denen das Geld ausgeht, weil sie Hotelzimmer und anderes bezahlen müssen. Andere wurden einfach mehr oder weniger auf die Straße gesetzt, da Hotels teilweise auch schließen mussten, andere sitzen irgendwo im Inland fernab der Flughäfen fest, sie haben sogar Probleme, an Lebensmittel zu kommen. So gesehen können wir uns in unserer Lage hier noch relativ glücklich schätzen.“

Sorge um Heimkehr

Die beiden haben viel Kontakt über die sozialen Medien mit Familien und Freunden in der Heimat (sofern das mit der Zeitverschiebung möglich ist). Ansonsten heißt es, irgendwie die Zeit vertreiben. Joggen im Park, Netflix – der Tagesablauf ist ähnlich wie bei den Menschen in Hamm. Wenn da nicht das Warten und die Sorge um die Heimkehr wäre.

„Nachdem uns mit unseren gebuchten Flügen die Alternativen ausgingen, haben wir unsere Hoffnungen auf das Rückholprogramm der Bundesregierung gesetzt. Es fing auch eigentlich alles recht optimistisch an, aber schon bald wurden die Flüge seitens der neuseeländischen Regierung hier bis Monatsende, und dann noch einmal für „einige Tage“ ausgesetzt. Das ist natürlich eine sehr dehnbare Angabe“, weiß Schockenhoff.

Undurchsichtige Situation in Neuseeland

„Diese Ungewissheit und Intransparenz ist ziemlich ätzend. Aber ich glaube unsere Botschaft hat insgesamt einen guten Job hier gemacht, da es ja nun wieder aufwärts geht.“ Und wie erwähnt: Gerne lassen Tristan und Lena anderen Menschen, denen es derzeit schlechter geht, den Vortritt. Aber nach Hause wollen sie dann doch möglichst bald...

Coronavirus in Hamm - weitere Infos:

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare