Germania-Taucher

In acht Grad kaltem Wasser: Schwerstarbeit im Taucheranzug an der Schleuse Hamm

Ein Taucher wird an der Schleuse Werries ins Wasser hinabgelassen
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Hinab ins trübe Wasser: Von dem Mann-Korb aus arbeiten die Monteure bis zu zweieinhalb Meter unter der Wasseroberfläche.

Hamm - Mauern mit schwerem Gerät zu Leibe zu rücken, schadhafte Stellen mit dem Presslufthammer zu entfernen, anschließend neu zu armieren und zu betonieren, ist eigentlich nichts Besonderes. Doch wenn es dafür unter Wasser geht, wie aktuell an der Schleuse Hamm, sieht die Sache schon anders aus.

„Normale Erhaltungsarbeiten“ sind es für das Wasser- und Schifffahrtsamt Rheine als Betreiber, die zurzeit an der Schleuse Hamm stattfinden: Um sich in die 9,80 Meter schmale Schleusenkammer einzufädeln, brauchen die Kapitäne schon einiges an Fingerspitzengefühl beim Rangieren. Immer wieder mal schrammen einige mit ihren bis zu 85 Meter langen Schiffen an den sogenannten „Abweisern“ entlang, die die Fahrrinne in die Schleusenkammer verengen. Ähnliche Schleifspuren kennt man aus Parkhäusern.

Allerdings werden auf Dauer besonders die Ecken in Mitleidenschaft gezogen; sie müssen von Zeit zu Zeit erneuert werden. Das übernimmt aktuell die Bochumer Firma Germania Taucher GmbH. Mit einem dreiköpfigen Team ist Geschäftsführer Peter Flaszynski für etwa zwei Wochen vor Ort – mit wahrlich schwerem Gerät: Der Hydraulikkompressor hat die Größe eines Lkw-Anhängers, dazu kommt ein Kranwagen, an dem der Mann-Korb hängt. Von ihm aus arbeiten die Monteure bis zu zweieinhalb Meter unter der Wasseroberfläche.

Dafür legen wechselweise André Hermann und Dirk Semrau die gut 50 Kilogramm schweren Taucheranzüge an, zusätzlich die Taucherflasche, die aber nur im Falle eines Falles zur Rettung dient. Denn zum Atmen wird die normale Umgebungsluft in die Tauchanzüge gepresst. Es könne immer mal etwas passieren, hat der Geschäftsführer schon erlebt: Der Druckminderer könne vereisen, und es sei auch schon vorgekommen, dass durch unachtsame Motorbootfahrer der Schlauch abgerissen wurde.

Taucherarbeiten an der Kanalschleuse Hamm

Taucherarbeiten an der Kanalschleuse Hamm

Kanalwasser ist acht Grad Celsius „warm“

Den am Kranhaken hängenden Mann-Korb navigiert André Neubauer, um seine Kollegen in voller Montur ins zurzeit rund acht Grad kalte Wasser abzulassen. Der Taucheranzug schützt natürlich vor Auskühlung – obwohl: „Das ist die optimale Temperatur für uns“, sagt Flaszynski. Bei mehr als 16 Grad Wassertemperatur sei diese Art der Arbeit kaum noch möglich, denn die ist durchaus schweißtreibend. Immerhin hantieren seine Männer unter Wasser mit einem rund 40 Kilogramm schweren Hydraulik-Stemmhammer – eine Spezialanfertigung aus Dänemark. „Damit zerstören wir alles“, sagt Flaszynski.

Aber natürlich arbeiten seine Männer durchaus mit Gefühl, um nicht zu zerstören, sondern um zu sanieren. Mit sehr viel Gefühl sogar: „Unsere Taucher sind die gefühlvollsten Menschen auf der Welt“, sagt Flaszynski. Denn letztlich sehen sie in dem trüben Wasser die sprichwörtliche Hand vor Augen nicht. Zumindest nicht mehr, sobald sie angefangen haben zu arbeiten. Denn das, was über Tage Staub ist, verwirbelt im Wasser zu einer undurchsichtigen Brühe. Darum kommen immer wieder die Hände zum Einsatz, um zu erfühlen, wo gestemmt werden muss. Gleiches gilt beim Ersetzen der Eisenarmierung und dem späteren Verfüllen mit speziellem Unterwasserbeton.

Rund zwei Wochen dauern die Arbeiten. In dieser Zeit ist der Schleusenverkehr tagsüber eingestellt. Anderswo müssen die Taucher durchaus auf vorbeifahrende Schiffe aufpassen, dann ist laut Flaszynski die Sogwirkung nicht zu unterschätzen. In solchen Situationen sei es nicht mehr mit einem 50-Kilogramm-Tauchanzug getan, dann müssten zusätzlich Bleigewichte angelegt werden, um nicht mitgezogen zu werden.

Leistungen wie bei einem Spitzensportler

Natürlich gibt es für diese Arbeit, die den Tauchern Leistungen wie bei einem Spitzensportler abverlangt, Zulagen. Der Verdienst liegt laut Geschäftsführer durchaus über dem Durchschnitt vergleichbarer Handwerker. Und seine Männer sind tatsächlich in erster Linie Handwerker: Schlosser, Betonbauer oder – besonders begehrt – auch Zimmerleute. „Meine Mitarbeiter müssen erst einmal technisches Verständnis mitbringen“, sagt Flaszynski, denn bei seinen Aufträgen handele es sich eigentlich um Tiefbau – nur eben unter Wasser: „Die Berufe werden bei uns vertieft.“

Das Knowhow vom Tauchen und vom anfangs ungewohnten Arbeiten unter Wasser werde von seiner Firma vermittelt. Hobbytaucher haben bei ihm keine Chance: „Die sind vergleichbar mit Segelfliegern. Was wir hier machen, ist Raumfahrt.“ Diese Professionalität ist es, die laut Flaszynski dafür sorgt, dass die „Germania-Taucher“ europaweit im Einsatz sind, häufig im Auftrag von Energiekonzernen offshore. Um das zu bewerkstelligen, kann der Bochumer außer auf seine zehn Festangestellten auf einen Pool von zahlreichen freien Mitarbeitern bauen.

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