Wie die beliebte Gastronomie durch die Corona-Krise kommt

Generationswechsel auf Brauhof Wilshaus: Neues Kapitel startet

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Generationswechsel im Brauhof Wilshaus (von links): Jens und Nicole Wilshaus übernehmen das Ausflugslokal in Braam von Heinz-Wilhelm und Susanne Wilshaus.

Eigentlich sollte auf dem einzigen Brauhof in Hamm groß gefeiert werden. Allen Grund hat die Familie Wilshaus. Corona hatte aber was dagegen. Doch das Leben geht weiter. Wir waren dort und haben nachgefragt.

Braam-Ostwennemar – Der Weg für die Zukunft der „einzigen Gastbrauerei in Hamm und Umgebung“, wie es heißt, ist geebnet. Dafür sorgt der Nachwuchs, der sich unübersehbar bei Nicole Wilshaus ankündigt hat, aber vor allem der Generationswechsel. Wohlbedacht eingeleitet, „glücklich“ begonnen ... dann durchkreuzte die Corona-Krise die Pläne. Die eigene Feier sowie die diversen Privatfeiern auf dem Brauhof mussten ausfallen. Zwei Wilshaus-Generationen halten dennoch mit Aufbruchstimmung dagegen. Tradition verbindet eben, wie es heißt. Und sie stärkt, wie sich zeigt. In den vergangenen Jahrhunderten dürfte der alte Hof diverse Krisenzeiten überstanden haben. Als Brauhof setzt die Familie die Geschichte fort.

„Ich bin oft gefragt worden: Wie geht es eigentlich weiter?“, sagt Heinz Wilhelm „Heiwi“ Wilshaus. Gäste, die die gepflegte rustikale Atmosphäre, die Küche und das hauseigene Bier schätzen, machen sich nunmal solche Gedanken. Befürchtungen sind angesichts der Schließungen von Gaststätten in den vergangenen Jahren berechtigt. Wie es weitergeht, kann der 63-jährige Heiwi Wilshaus jetzt ganz sicher beantworten: Nicole Wilshaus ist die neue Chefin des Brauhofes. Für manchen schien das klar, es ist aber erst jetzt formell besiegelt.

Was juristisch bedeutungsvoll ist, dürfte im Alltag kaum auffallen. Große Veränderungen seien nicht geplant, sagt Jens Wilshaus. Er und sein Schwiegervater werden weiter „Hand in Hand“ die Biere brauen, Nicole und ihre Mutter Susanne, die derzeit noch bei der Stadt arbeitet, in der Küche wirken. „Es ist ein gutes Gefühl“, sagt Heiwi Wilshaus über die Abgabe der Verantwortung. „Das Gute ist“, sagt die neue Chefin, „dass wir auf die Erfahrungen unserer Eltern zurückgreifen dürfen. So können wir Impulse geben.“

Brauhof Wilshaus: Familiensitz aus dem 13. Jahrhundert

„Das einzige Beständige ist der Wandel“, meint der 63-Jährige mit Blick auf die Hofgeschichte. Von Bestand ist jedoch der Name Wilshaus und die Tradition des Bierbrauens im Umfeld der Stadt Hamm, die einst mehr als 60 Brauereien hatte. „Hier wurde immer schon Bier gebraut“, sagt er über den Hof an der Baumstraße. Nur mit Unterbrechung. Die erste urkundliche Erwähnung des Familiensitzes stammt aus dem 13. Jahrhundert. Auf einer Katasterkarte von 1730 ist ein Hopfenkamp vermerkt. Heute wächst der Hopfen direkt am Haus, doch für die Deckung des Eigenbedarfs müssten erst noch einige Voraussetzungen erfüllt werden – vielleicht ein Projekt für die junge Generation.

Dafür hat Heiwi Wilshaus den Weg geebnet. Im Jahr 1986 übernahm der studierte Agrarwissenschaftler den Hof seiner Großmutter Marie Wilshaus. Zunächst war er Direktvermarkter. Zur Leberwurst und zum Brot war dem Kunden auch nach einer Flasche Bier, die er auf der Bank vor dem Hof genoss. „So ist das entstanden“, sagt er über den Beginn der Hofgastronomie. Die nahm ab 1994 sprichwörtlich an Fahrt auf.

Jens Wilshaus nach der Corona-Pause im hauseigenen Biergarten.

Brauhof Wilshaus: Eigenes Bier schon seit 20 Jahren

Das ausgeschenkte Fassbier war vergleichsweise teuer. Außerdem eröffnete ihm ein Bundeswehrkamerad aus Bamberg die Bierwelt und versorgte ihn wöchentlich mit einer besonderen Vielfalt. Die Zwiebel-Brauerei in Soest weckte zudem sein Interesse. Beim „Umsehen“ auf der Nürnberger Braumesse kam er schließlich zur eigenen Anlage und erlernte das Brauen. „Viele haben gesagt: ,Der Bauer dreht durch, jetzt macht er auch noch sein eigenes Bier‘“, erinnert er sich. Davon unbeeindruckt, heizt er seit 2000 regelmäßig seine Kessel auf und hat sich mit seinem Wilshauser hell, dunkel und Weizen sowie mit seinen Saisonbieren einen Namen weit über die Grenzen Hamms hinaus erarbeitet. Er ist ein Pionier: Als noch niemand im Lande von Craft Beer sprach, hat Heiwi Wilshaus es schon gebraut.

An dem heutigen Erfolg hat seine Frau Susanne einen bedeutenden Anteil. Beide kennen sich seit der Kindheit, doch es dauerte, bis sie zusammenfanden. Als sie vor 15 Jahren auf den Hof kam, brachte sie nicht nur zwei Kinder mit, sondern auch viel Entschlossenheit, als „Kopf der Küche“ den Brauhof nach vorne zu bringen.

Brauhof Wilshaus: Team aus 15 Mitarbeitern

Tochter Nicole sah ihre Zukunft zunächst gar nicht in der Gastronomie. Germanistik und Fremdsprachen Lehr- und Lernforschung studiert, eine Ausbildung zur Verlagskauffrau absolviert, „lebhaft“ im Wesen ... so konnte sie sich mit einem Dauerarbeitsplatz am Computer nicht anfreunden. „Übergangsweise“ kam sie vor acht Jahren auf den Brauhof, „und ich bin geblieben“. Sie lernte sich selbst kennen und, „was ich mir vorher gar nicht vorstellen konnte“, bekam „Spaß an der Küchenarbeit“. Die 38-jährige Chefin managt auch die Buchhaltung und das Team aus 15 Mitarbeitern. Apropos sich kennenlernen.

Ihrem Mann, Jens Wilshaus, ging es ähnlich. „Ich habe gelernt, wie viel Leidenschaft man entwickeln kann“, sagt er. 16 Jahre lang fühlte sich der Kaufmann in einem großen Textilienunternehmen am richtigen (Arbeits)Platz. Das sollte seiner Meinung nach so blieben, als Nicole und der gebürtige Höveler den gemeinsamen Lebensweg begannen. Eine Übernahme des Hofes schien ihm zunächst nur „eine fixe Idee“. Seit fünf Jahren leben sie zusammen an der Baumstraße, seit Mitte 2018 gehört der 38-Jährige fest zum Brauhof-Team. „Ich musste und wollte das Bierbrauen lernen“, sagt er. Das hat ihn in ungeahnter Weise verändert und in ihm eine Leidenschaft freigesetzt. Auf den Hausbrauerschein ließ er die Ausbildung zum Bierbotschafter und zum Biersommelier folgen.

Brauhof Wilshaus: Zum Glück treue Gästegemeinschaft

Die Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen. Die Bier-Nachfrage verlangt nach einer neuen, größeren Brauanlage ... aber da ist noch die Corona-Krise. Trotz staatlicher Hilfe sind die Folgen „Knie erweichend“, wie Heiwi Wilshaus sagt. Noch schlimmer für die nächste Generation: „Schon die Übergabe bedeutet für uns einen großen Schritt, es geht in große Fußstapfen für uns“, sagt Nicole Wilshaus. Dann kam das Virus. „Wir haben gedacht, die Existenz steht auf der Kippe.“ Staatliche Hilfen reichten nicht. Hausverkauf und Biergarten hätten den Brauhof durch die Krise gerettet.

Mut schöpfen sie aus Geschichten, wie der eines Gastes aus Münster. Per Telefon kündigte er ein Geschenk an. Er brachte 60 Euro in einem Umschlag, als „Unterstützung“ in der Corona-Zeit. Die Familie Wilshaus wandelte es „dankbar“ in einen Gutschein um, aber behält die Wirkung der Geste: „Wir merken“, sagt die Chefin, „dass wir eine treue Gästegemeinschaft haben.“

Internationaler Dieselmotorrad Treff am Brauhof Wilshaus

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