Prof. Dr. Böcker aus Hamm setzt auf Anreiz-Prämien

100-Euro-Scheine für Geimpfte? Chefarzt fordert klare Ansagen

Von der laufenden Bund-Länder-Runde erhoffen sich auch die lokalen Corona-Bekämpfer in Hamm eindeutige Aussagen über die Pandemie-Politik der kommenden Monate. Ein Hammer Chefarzt fordert klarere Ansagen und hat einen Vorschlag zur Erhöhung der Impfquote.

Hamm - An diesem Dienstag sollen auf dem Bund-Länder-Gipfel endlich klare Entscheidungen über den weiteren Fahrplan in der Corona-Politik fallen. Viele Mediziner und Pandemie-Bekämpfer vor Ort drängen allerdings bereits seit Wochen auf eindeutige Ansagen der Politik. Einer von ihnen ist Prof. Dr. Dirk Böcker, Chefarzt der Klinik für Kardiologie und Ärztlicher Direktor am St.-Marien-Hospital. (News zum Coronavirus in Hamm)

Wesentlich für Böcker ist vor allem eine Entscheidung über die künftig geltenden Quarantäne-Richtlinien – vor allem an Schulen. Sollten wieder eine ganze Klasse oder zahlreiche Schüler in Quarantäne müssen, wenn ein Kind positiv getestet wird, habe das nicht nur direkte Folgen für den Unterricht.

„Der Ablauf des alltäglichen Lebens vieler Menschen hängt davon ab“, so Böcker. Wenn beispielsweise drei Kinder einer Familie nacheinander wegen Quarantäne-Zeiten zuhause bleiben müssten und dann wegen Infektionen in der Familie auch ihre Eltern unter Quarantäne stünden, müssten auch die Arbeitgeber der Eltern wochenlang auf ihre Mitarbeiter verzichten. „Der Betrieb im Krankenhaus etwa wird zur Hälfte dadurch bestimmt, wie viel Personal zur Verfügung steht und nicht in Quarantäne ist“, erklärt Böcker.

Ausweg aus der Pandemie? Prof. Dr. Dirk Böcker vom St.-Marien-Hospital appelliert zum Impfen.

Man hat den Eindruck: Jedes Jahr wird die Politik von neuem davon überrascht, dass die Ferien zu Ende gehen. Das war im vergangenen Jahr schon so und ist in diesem Jahr genauso.

Prof. Dr. Dirk Böcker, St.-Marien-Hospital

Ruf nach Geld-Prämien für Geimpfte in Hamm: Frust über Entscheidungs-Unlust

Dass noch immer keine klaren Entscheidungen getroffen sind – und auch die Test-Regeln für Reiserückkehrer erst während der Ferien festgezurrt wurden – frustriert auch den erfahrenen Ärztlichen Direktor ein Stück weit. „Man hat den Eindruck: Jedes Jahr wird die Politik von neuem davon überrascht, dass die Ferien zu Ende gehen. Das war im vergangenen Jahr schon so und ist in diesem Jahr genauso.“ Böcker weiter: „Die finale Quarantäne-Regelung für Reiserückkehrer hätte 14 Tage vor Beginn der ersten Reisen feststehen müssen – also spätestens zu Pfingsten.“

Im Krankenhaus lagen zuletzt wenige Corona-Patienten. Dass sich das durch die Reiserückkehrer schnell ändert, glaubt Böcker indes nicht. Auch im vergangenen Jahr sei die Situation überschaubar gewesen – obwohl noch kein Mensch geimpft worden war. Erst nach der aus dem Ruder gelaufenen Großhochzeit im Spätsommer, die der Stadt die Rolle als bundesweiter Hotspot bescherte, seien die Zahlen letztlich gestiegen.

Ruf nach Geld-Prämien für Geimpfte in Hamm: kein Krankenhaus-Drama

Das St.-Marien-Hospital und die anderen Hammer Krankenhäuser seien gut auf ähnliche Entwicklungen vorbereitet. Ab Oktober oder November werde die Corona-Kurve ohnehin wahrscheinlich wieder nach oben zeigen. Dass die Sterberate noch einmal bedeutend ansteigt, glaubt Böcker aber nicht. Dafür seien die Risikogruppen und Menschen über 60 in ausreichendem Maße geimpft. „Es ist nicht davon auszugehen, dass wieder viele Menschen auf der Intensivstation landen.“

Trotzdem bereitet dem Mediziner die erlahmende Impfkampagne Sorgen. „Beim Impfen sind wir schneller schlechter geworden als ich es erwartet und erhofft habe. Wir liegen bei der Quote hinter den Niederlanden, Dänemark, Spanien, Italien oder Großbritannien. „Das ist etwas, was ich erschreckend finde“, sagt er.

Die Briten, die am 19. Juli die meisten Corona-Einschränkungen aufgehoben haben, hatte Böcker vor rund fünf Wochen als willkommenes Experiment für die weitere Herangehensweise in Deutschland bezeichnet. „Dort hat es bisher ganz gut geklappt“, meint der Mediziner. Schränkt aber direkt ein, dass auch in Großbritannien noch längst nicht der Normalzustand eingekehrt sei. „Auch dort laufen die Sommerferien, sehr großzügig werden Einreisende unter Quarantäne gestellt.“

Ruf nach Geld-Prämien für Geimpfte in Hamm: gesellschaftspolitisch entscheiden

Für Deutschland und NRW fehlt Böcker eine klare Aussage dazu, wie es mit den Einschränkungen weitergeht – und auf welcher Grundlage. „Sollen möglichst wenige Menschen sterben? Möglichst wenige krank werden, im Krankenhaus landen oder Long-Covid bekommen? Je nach Antwort müsste man dann handeln“, erklärt der Medizinier. „Das ist eine gesellschaftspolitische Entscheidung, die zu wenig diskutiert wird. Die Entscheidungsträger haben sich da noch nicht wirklich geoutet.“

Auch für Böcker beinhaltet die Beantwortung dieser Fragestellung ein nicht unerhebliches Konfliktpotenzial. Denn: Zunächst mussten die weniger gefährdeten Jüngeren einschließlich der Kinder und Jugendlichen zum Schutz der Kranken und Älteren auf viele Dinge verzichten. Und nun würden sie wieder mitentscheidend gemacht für die Bekämpfung der Pandemie.

„Schulen waren während der ersten Wellen lange geschlossen, um Erwachsene und unter ihnen vor allem die Älteren zu schützen“, erklärt Böcker. „Kindern wurde damit ein Opfer abverlangt.“ Erwachsene könnten sich jetzt durch eine Impfung selbst schützen, täten das aber nicht alle. „Deshalb kommt jetzt die Forderung auf, verstärkt Kinder und Jugendliche zu impfen. Man will damit nicht verhindern, dass Long-Covid-Fälle bei den Kindern ausbleiben, sondern durch diese Impfungen in erster Linie zur Herdenimmunität beitragen“, so Böcker. „Und das, weil wir das bei den Erwachsenen nicht hinbekommen haben.“

Ruf nach Geld-Prämien für Geimpfte in Hamm: Optionen für höhere Quote

Aus seiner Sicht gibt es nun drei Vorgehensweisen, um die Impfquote doch noch entscheidend zu erhöhen. Die Schwellen zu senken sei angesichts vielfältiger Impfangebote wie zum Beispiel am Impfbus aber bereits weitgehend ausgereizt. Und die Pflichtimpfungen seien in Deutschland nie ernsthaft in Erwägung gezogen worden, weil sich die Politik davon früh verabschiedet habe. Variante drei seien Prämien – und zwar nicht die zuletzt viel belächelte Bratwurst, sondern wie etwa in den USA 100-Euro-Scheine. „Da wäre ich eher für“, meint Böcker. „Das kostet dann eben noch einmal mehrere Milliarden Euro, wenn alle bislang vollständig Geimpften ebenfalls bedacht werden. Wenn es gelingt, so weitere Millionen Menschen zum Impfen zu bringen, dann ist es das aber wert.“

Eine solche Entscheidung sei eine wertvolle Initiative, wenn sie denn auf dem Bund-Länder-Gipfel beschlossen werden würde – wonach es nicht aussieht. „Erhöhte Kosten für Ungeimpfte wie zum Beispiel für die Schnelltests halte ich für nicht so erfolgversprechend“, sagt Böcker. Wirklich zündende Ideen müssten deshalb sehr zeitnah her. „Das Impfen gegen die nächste Welle muss jetzt passieren. In zwei Monaten ist es zu spät.“

Rubriklistenbild: © Andreas Rother

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