Zweifel an Einhaltung der Abstandsregeln

Geht der Schuss nach hinten los? Lehrer und Schulleiter mit viel Kritik an Schulöffnungen in Hamm

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Symbolbild

Bei den Verantwortlichen der Schulen überwiegt aktuell eine große Ungewissheit, ob die Herausforderungen beim schrittweise wieder aufzunehmenden Unterricht gemeistert werden können.

Hamm – Drei Tage Zeit haben die Hammer Schulen von Montag an, sich darauf vorzubereiten, dass maximal 3500 Schüler wieder zum Unterricht kommen. Drei Tage, um Lehrer zu koordinieren, Inhalte zusammenzustellen, Räume vorzubereiten und einmal gründlich durchzuputzen. Eine Aufgabe, die nach Ansicht vieler Verantwortlicher kaum zu bewältigen ist. Fest steht: Einen geregelten Schulalltag wird es noch lange nicht geben.

Zweifel an Hygiene

Dass die Abstands- und Hygieneregeln in den Schulen eingehalten werden können, hält der überwiegende Teil der Lehrer und Schulleiter für ausgeschlossen. „Von vielen Kollegen, die in der Notbetreuung der Grundschulen tätig sind, habe ich gehört, dass es definitiv nicht machbar ist, Hygienevorschriften und Sicherheitsregeln einzuhalten“, sagt Elke Linnemann-Rittmann, Sprecherin des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) für Hamm. Es gäbe falsche Erwartungen an Schüler und Lehrer. „Kinder können nicht den ganzen Morgen über eine Schutzmaske tragen.“ Und Lehrer könnten schon bei 15 Schülern nicht mehr dafür sorgen, dass jeder immer die Regeln einhält und gleichzeitig Inhalte vermitteln.

Ähnlich wie Linnemann-Rittmann sieht es Bärbel Gröpper-Berger. Sie ist Schulleiterin der Sophie-Scholl-Gesamtschule. „Ich persönlich glaube, dass dieser Schuss nach hinten losgeht. Wenn die Schüler der zehnten Klasse kommen, umarmen sie sich. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das mit der Distanz klappt.“

Vorgehen des Landes in der Kritik

Bei vielen Verantwortlichen vor Ort ist der Ärger über die Häppchen-Taktik der Landesregierung in Sachen Information groß. „Am Mittwoch um 22.09 Uhr kam die 13. Mitteilung zum Umgang mit dem Coronavirus. Nicht nur ich hatte eine schlaflose Nacht“, sagt Gröpper-Berger. Mehr Vorlaufzeit sei wünschenwert. Dem pflichtet auch der OB bei: „Ich bin der Meinung, dass es dafür zwei Wochen gebraucht hätte.“

Gröpper-Berger plädiert wegen der noch nie dagewesenen Situation für Sonderwege vor Ort. Jetzt sei die Zeit für unkonventionelle Lösungen. Wie Gröpper-Berger alle Vorgaben umsetzen wird, wusste sie Donnerstag-Mittag noch nicht. Viele Fragen an die Schulbehörden blieben noch offen. „Jetzt zeigt sich, dass Bildung immer nachrangig behandelt wurde, zu wenig Personal da ist und es zu große Klassen gibt. Teilweise haben wir 35 Schüler in einem Kurs. Da reicht eine Halbierung noch nicht mal“, sagt die Schulleiterin.

Zeitversetzt auf den Pausenhof

Sich verhältnismäßig gut auf die Situation eingerichtet hat sich nach eigenen Angaben bereits die Martin-Luther-Hauptschule. „Die Schule wird für die anfangs drei Klassen zeitversetzt beginnen, damit nicht 60 Schüler zur gleichen Zeit ankommen. Auch die Pausen werden wir zeitversetzt durchführen und beaufsichtigen, dass sich keine Gruppen bilden“, sagt Schulleiter Daniel Tümmers. Tische würden in zwei Metern Distanz angeordnet. Die Klasse beträten Schüler fortan einzeln und mit Abstand.

Im Unterricht sollen nur die Prüfungsfächer abgedeckt werden. Ein großer Punkt für viele Lehrer wird zusätzlich die Aufarbeitung des Erlebte der vergangenen Wochen sein. Linnemann-Rittmann: „Die Kinder haben viel mitbekommen, sind teilweise verunsichert und verstehen nicht, warum was passiert. Es wird Zeit brauchen, das alles zu besprechen und den Kindern zuzuhören.“

Wie sinnvoll sind die Regelungen?

Ein Lehrer am Gymnasium, der anonym bleiben will, versteht nicht so recht, warum die angehenden Abiturienten als erstes wieder zur Schule gehen sollen. Der Stoff für die Prüfungen sei schon vor der Corona-Krise vermittelt gewesen. Die Vorbereitung auf das Abitur liefe ohnehin immer schon sehr individuell und in unterschiedlichem Tempo. Jetzt das erprobte System der zurückliegenden Wochen wieder teilweise über den Haufen zu werfen, sorge weniger als einen Monat vor den Abi-Prüfungen nur für Unsicherheit. „Der digitale Unterricht hat gut funktioniert. Es gab auch viele individuelle Gespräche. Weil die Rückkehr freiwillig geschieht, muss doch alles andere für die Daheim-Bleiber weiterlaufen. Wo ist da die Verbesserung?“, fragt der Lehrer.

Dass die Rückkehr in die Schulen für die Abschlussjahrgänge auf Freiwilligkeit beruht, kritisiert auch die Lehrer-Gewerkschaft GEW. Die Schüler stünden vor einem Entscheidungsdilemma: Gesundheitsschutz – auch für die Familie – gegen die Wahrnehmung des Unterrichts. Das überfordere viele von ihnen absehbar.

Was bleibt vom Heim-Unterricht hängen?

Unter welchen Voraussetzungen die ersten Schüler am Donnerstag und der Rest von ihnen wohl ab dem 4. Mai nach und nach wieder starten, ist zudem ungewiss. Wie viele Kinder zuhause – teilweise ohne digitale Endgeräte wie Laptops oder Drucker – und mit bildungsfernen Eltern, die keine Unterstützung geben konnten, wirklich gelernt haben, ist nicht klar. Auch diese Aufarbeitung wird Zeit brauchen.

Knappe Kapazitäten

Durch die Abstände zwischen den Schülern und kleinere Lerngruppen bedarf es mehr Räume. Die ab Donnerstag benötigten Kapazitäten seien ausreichend, sagte der Oberbürgermeister. Wenn nach und nach ab dem 4. Mai wieder alle anderen Schüler kommen und die Schulpflicht wieder eingeführt wird, stoße man aber wohl unter den jetzigen Voraussetzungen schnell an Grenzen. Das Personal-Problem der Schulen, wenn alle Lehrer über 60 und gesundheitlich Gefährdete zuhause bleiben, sei da noch gar nicht thematisiert.

Notbetreuung aufgestockt

Die Stadt erwartet, dass die Notbetreuung nach dem Hochfahren von Teilen des öffentlichen Lebens stärker beansprucht wird. Deshalb würden schon jetzt die Kapazitäten aufgestockt. Im Moment werden 60 Schüler und 187 Kita-Kinder betreut.

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