Die unglaubliche Schicksalsfahrt der MS Zaandam

Coronavirus: Hammer Ehepaar gefangen in Kreuzfahrtschiff-Kabine

Ein Mitglied der panamaischen Küstenwache mit Mundschutz in der Panama City Bay. Im Hintergrund ist die "MS Zaandam" zu sehen. Auf dem Schiff starben mehrere Menschen am Coronavirus. Auch ein Hammer Ehepaar befindet sich darauf.
+
Ein Mitglied der panamaischen Küstenwache mit Mundschutz in der Panama City Bay. Im Hintergrund ist die "MS Zaandam" zu sehen. Auf dem Schiff starben mehrere Menschen am Coronavirus. Auch ein Hammer Ehepaar befindet sich darauf.

Einmal um Südamerika herum und dann durch den Panama-Kanal bis nach Florida wollten Sonja und Frank Weinert (*) aus Hamm reisen. Jetzt bleiben ihnen statt der Welterkundung nur wenige Quadratmeter. Sie sitzen in der Kabine ihres Kreuzfahrtschiffs fest, weil auf dem Schiff das Coronavirus ausgebrochen ist.

  • Ein Ehepaar aus Hamm (NRW) ist auf einem Kreuzfahrtschiff im Pazifik gefangen

  • Das Coronavirus ist an Bord der MS Zaandam

  • Es gab schon Tote

Hamm/Südpazifik – Vor Panama lag die MS Zaandam der Holland America Line, als das Ehepaar aus Hamm nach mehr Irr- als Kreuzfahrt die Wahrheit erfuhr. Es gibt bereits vier Tote. Hinter den Weinerts liegen drei Wochen Odyssee mit verschlossenen Häfen, vor ihnen ein ungewisses Schicksal.

Sonja und Frank Weinert machten sich Mitte Februar auf die Reise. Sie wollten Südamerika per Kreuzfahrtschiff erkunden. Das Ausmaß der Corona-Pandemie konnten sie – wie die meisten anderen Menschen auch – nicht abschätzen. Die beiden machten eine Rundreise durch Argentinien. Am 7. März gingen sie in Buenos Aires an Bord der MS Zaandam. Das erzählt der 73-jährige Frank Weinert in einem WhatsApp-Anruf. Er ist schwer zu verstehen, die Internetverbindung ist brüchig.

Einen Monat wollten die Weinerts auf dem Kreuzfahrtschiff bleiben. Es sollte von Argentinien aus über das Kap Horn die 5000 Kilometer der chilenischen Küste hinauf und vorbei an Peru, Ecuador, Kolumbien, dann durch den Panama-Kanal in die USA fahren. Das Ziel ist Fort Lauderdale in Florida. Doch ob sie dort ankommen werden? Weinert weiß es nicht. „Das Ende ist offen”, sagt er.

Coronavirus: Mehr als 2000 Menschen auf MS Zaandam

Knapp 1400 Touristen sind auf dem Schiff, darunter 79 Deutsche. Dazu kommen etwa 700 Crew-Mitglieder, erklärt Sonja Weinert. Es gab zwei Optionen für die Reise: Entweder die vollen vier Wochen bis nach Florida, wie das Ehepaar sie buchte, oder eine 14-tägige Reise bis zur chilenischen Hauptstadt. Knapp die Hälfte der Passagiere wollte nach den zwei Wochen, am 21. März, in San Antonio, der Hafenstadt von Santiago de Chile, von Bord gehen. „Sie sind alle noch an Bord”, sagt Frank Weinert.

Blick in den Flur: Keiner darf aus der Kabine. Das Essen wird vor die Tür gestellt.

Coronavirus im Pazifik: Paar aus Hamm in Kabine gefangen

Die ersten Probleme gab es nach einem Stopp in Punta Arenas in Chile. Argentinien schloss die Häfen. Also entfiel ein Halt in der südlichsten Stadt der Welt, Ushuaia.

Die Crew MS Zaandam entschied nachts mit ihrer Reederei, Chile anzusteuern. Das Land hatte in der Nacht angekündigt, am nächsten Morgen um 8 Uhr die Häfen zu schließen. Im Hafen angekommen, ging das Schiff vor Anker. Eine Gruppe Ärzte und Pfleger kam an Bord, maß Fieber, testete, ob die Passagiere krank waren.

Dann die Durchsage: Chiles Regierung hatte beschlossen, die Hafenschließung rückwirkend auf die Nacht zuvor zu datieren. Sie ließ niemanden an Land. „Viele Passagiere und deren Reisebüros hatten schon ihre Rückflüge gebucht”, erzählt Frank Weinert. Das Ehepaar nicht. Die Stimmung an Bord schlug um, die Reederei reagierte prompt, verteilte Wein und Bier und öffnete das Internet für alle Passagiere.

Die MS Zaandam ist ein Koloss von einem Schiff: 237 Meter lang und 32 Meter breit. Sie bietet Platz für mehr als 1400 Passagiere.

Wegen Covid-19: MS Zaandam darf in Chile nicht anlegen

Auch beim nächsten Ziel, San Antonio in Chile, konnte das Schiff nicht mehr vor Anker gehen. Eigentlich sollte die Hälfte der Passagiere hier die geplante Rückreise antreten. Außerdem sollten neun Container aus den USA mit Nahrungsmitteln und weiterer Verpflegung auf das Schiff gebracht werden. Das Schiff musste aber vor einem anderen Hafen, Valparaíso, ankern. Die Container wurden über Land herbeigeschafft. Statt geplanter drei Stunden dauerte das Aufladen eineinhalb Tage. „Angeblich reichen die Vorräte für drei Wochen“, sagt Frank Weinert.

In der Zwischenzeit schlossen immer mehr Häfen, auch in den Nachbarländern Ecuador und Panama. Am 22. März, einen Tag nach der Beladung mit den neuen Vorräten, wurden die ersten Passagiere und Crewmitglieder krank. Ihre Symptome ähnelten denen einer Grippe. Sie wurden isoliert – und alle anderen Personen an Bord kamen direkt in die Quarantäne. „Wir sind auf die Kabinen gesperrt worden, um uns nicht gegenseitig anzustecken“, sagt Frank Weinert. Seitdem wird das Essen vor die Kabinentüren gestellt. Kontakt nach außen gibt es nicht. Keiner wusste, welche Krankheit da ausgebrochen war.

Gesunde Passagiere verlassen das Kreuzfahrtschiff "Zaandam" der Reederei Holland America Line und werden zu einem anderen Kreuzfahrtschiff, "MS Rotterdam" transportiert, das im Panama City Bay ankert.

Paar aus Hamm: „Wir sind hier noch sicher, wir vertrauen auf Gott"

Derweil wurden die Medikamente und das medizinische Personal knapp. Immer mehr Crewmitglieder und Passagiere erkrankten. Ein Schwesterschiff traf am Freitag, 27. März, vor Panama auf die MS Zandaam: 17 Ärzte und Krankenpfleger kamen an Bord, mit neun großen und neun kleinen Sauerstoffflaschen. Sonja Weinert, selbst Krankenschwester, wurde misstrauisch. Wenig später bestätigte sich ihr Verdacht: Mit einer Durchsage verkündete der Kapitän, dass das Coronavirus an Bord ausgebrochen ist.

„Vier Personen sind bereits verstorben”, sagt Frank Weinert mit fester Stimme. Alle Gesunden werden nach einem weiteren Test auf das Schwesterschiff umgesiedelt werden. Alle Erkrankten sollen auf der MS Zandaam bleiben. Die Weinerts hofften, dass sie zu den Gesunden gehören. „Wir sind hier noch sicher”, sagt Sonja Weinert in einer Sprachnachricht an ihre Familie, als sie von den Toten an Bord erfährt. „Wir vertrauen auf Gott.“

Sonntagnacht (MEZ) dann die erleichternde Nachricht: Das Ehepaar konnte auf das Schwesternschiff, die MS Rotterdam, wechseln. "Die Reederei ist wirklich bemüht uns zu helfen", sagt Frank Weinert. 

MS Zaandam: 800 Passiere haben das Schiff gewechselt

800 Passagiere hätten mittlerweile das Schiff gewechselt, sagt der 73-Jährige. Es wurden keine Test auf das Coronavirus durchgeführt, aber Gesundheits-Checkups bei jedem einzelnen Passagier, um zu überprüfen, ob jemand Symptome zeigt. "Eigentlich kann uns gar nichts besseres passieren, als in einem geschlossenen Raum zu sein", sagt Weinert optimistisch. Durch die Quarantäne sei das Infektionsrisiko gering.

Er hofft, dass die MS Rotterdam bald in einen Hafen der USA fahren kann. Die Durchfahrt durch den Panama-Kanal sei nun aus humanitären Gründen erlaubt worden. Ein Großteil der Passagiere an Bord sind US-Amerikaner. 

(*) Namen von der Redaktion geändert.

Zum Thema passend:

Coronavirus auf den Malediven: "Eine Reihe von Maßnahmen ergriffen"

Sorgen wegen Coronavirus: Experten beantworten Urlauberfragen

Coronavirus in Hamm - weitere Infos:

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare