Wenn ganze Dörfer verschwinden

Gebürtiger Hammer dokumentiert Grabungen von Garzweiler II

Der Bagger frisst sich durch die Kirche von Immenrath.
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Die Kirche von Immenrath verschwindet.

Dieser Bildband lässt niemanden kalt: Im Tagebau Garzweiler II haben viele Menschen ihre Heimat und ihre Geschichte verloren. Ein Mann war mit der Linse seiner Kamera ganz nah dran.

Von Patrizia Frank

Hamm/Salzburg – Vor mehr als 15 Jahren rüttelte Arne Müseler mit ein paar steilen Thesen die Hammer Politik auf. Er kandidierte für „Die Partei“ und wollte in den Bundestag – oder zumindest ein Stück Aufmerksamkeit. Heute tritt er viel feinfühliger in Erscheinung: Als Fotograf dokumentiert er die Entwicklungen im Tagebau Garzweiler II.

Abrissbagger zerlegt Kirche im Gebiet von Garzweiler II

Die riesige Zange des Abrissbaggers frisst sich durchs Fenster des imposanten Kirchengebäudes, ruckelt, reißt, Stein um Stein fällt, bis der „Dom von Immenrath“ schließlich aufgibt: Immer mehr, immer größere Stücke brechen aus den Mauern, fallen zu Boden. Der imposante Kirchturm knickt unter dem beharrlichen Reißen und Zerren des Baggers in sich zusammen. Hinter dem Gotteshaus ist sie schon zu erahnen, die Grube. Die Grube, die nach dem Abriss von St. Lambertus Immenrath auch hier Meter um Meter Boden fressen wird, die auch dieses Dorf verschlingen und Ödnis zurücklassen wird. Seit 2006 wird hier, im Tagebau Garzweiler II, Braunkohle abgebaut, noch bis 2038 will die RWE Power hier ihre Rohstoffe zur Stromerzeugung gewinnen. Der gebürtige Hammer Arne Müseler ist mit seiner Kamera von Anfang an dabei.

Umsiedlung der Dörf von Garzweiler II dokumentiert

Er hat hier im Abbaugebiet nicht nur diese eine Kirche fallen sehen. Seit 15 Jahren kommt er alle paar Monate nach Garzweiler und dokumentiert die Umsiedlung und den Abriss der Dörfer auf dem Tagebaugelände mit seiner Kamera. Er fotografiert, filmt und spricht mit den Menschen, deren Heimat in der Grube verschwindet. „Es sind ja nicht nur die eigenen Häuser, die weg kommen. Es ist der ganze Straßenzug, die ganze Nachbarschaft. Es ist die Schule, in die man früher gegangen ist, der Friedhof, auf dem Oma und Opa liegen – alles verschwindet in diesem riesengroßen Loch“, sagt Müseler und noch immer fällt ihm das Begreifen schwer. Die Dimension des Tagesbaus, erzählt er, sei kaum vermittelbar. Wer nicht selbst vor Ort sei, könne sich kaum vorstellen, wie riesig der Krater ist, den die Braunkohlebagger auf dem Gelände in der Nähe von Düsseldorf hinterlassen haben.

Tausende Fotos von Abriss und Aufbau sind über die Jahre zusammengekommen – die eindrucksvollsten von ihnen hat Müseler nun zu einem 400 Seiten starken Bildband zusammengestellt. „Verlorenes Land – Ein Bildband über verschwindende Dörfer“ nennt er sein Buch, in dem er versucht, sowohl das Ausmaß der Zerstörung durch den Tagebau, als auch die Ankunft in den neuen Heimatdörfern der Umsiedler darzustellen.

Der Braunkohlebagger schluckt die Dörfer.

„Das Buch besteht aus drei Teilen“, erklärt Müseler, der mit seiner Frau und seinem Sohn im österreichischen Salzburg lebt. Im ersten Teil erklärt er, was ein Tagebau ist und wie eine Umsiedlung technisch abläuft. Dann folgen die Zeugnisse der Umsiedlungen von insgesamt 12 Dörfern, die vom Tagebau betroffen sind.

Die Dinge, die der Fotograf zeigt, sind manchmal radikal, oft sehr imposant und immer schmerzhaft: Da sind zum Beispiel die beiden Männer, einer mit Schiebermütze und grünem Anorak, der andere in Jeans und Streifenpullover: Einer schaut nach oben, der andere neben sich, auf die Kirchturmuhr, die so unnatürlich wirkt dort auf dem Gehsteig von Borschemich. Da ist auch das Bild des Protestschildes: „Ja zur Heimat“ steht drauf und „Wir bleiben hier!“ Es liegt inmitten von Trümmern, überwuchert von Unkraut. Auch hier, das ahnt man, wird der große Bagger bald graben und das rote Schild mit sich nehmen. Im dritten Teil des Buches schließlich wirft Müseler einen Blick in die neuen Ortschaften, die neuen Häuser, die neue Heimat der Umsiedler.

Arne Müseler hat den Verfall der Dörfer im Gebiet Garzweiler II festgehalten.

Das alles macht er ohne erhobenen Zeigefinger, enthält sich bewusst einer politischen Botschaft. „Ich möchte, dass meine Bilder und die Geschichten der Menschen für sich allein stehen“, sagt er. Er begreift sich als Chronist, als Dokumentar des Verschwindens. „Ich möchte zeigen, dass dort etwas war, das nun nicht mehr da ist. Und das so etwas hierzulande überhaupt möglich ist: Da werden Menschen im schlimmsten Fall zwangsenteignet, damit man die Braunkohle, die unter ihren Dörfern liegt, verbrennen kann, um Strom zu erzeugen. Und das passiert seit vielen Jahren mitten in Deutschland“, erklärt er seine Mission.

Die Arbeit im Tagebau ist über die Jahre ein großer Teil seines Lebens geworden. Regelmäßig kommt er nach Nordrhein-Westfalen, besucht Schützenfeste und Gottesdienste in den Orten, die noch vor der Umsiedlung stehen. „Ich möchte den Prozess in allen Facetten darstellen“, sagt der 39-Jährige und formuliert die Frage, die sein gesamtes Schaffen begleitet: „Lässt sich Heimat überhaupt umsiedeln?“ Eine Antwort darauf liefert wahrscheinlich auch Müselers Buch nicht. Ein faszinierend-schauriges Zeugnis umfassender Transformation allerdings, ist es ganz bestimmt.

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