Kurzarbeit und Kündigungen

Gastronomie öffnet wieder: Personalmangel bereitet trotzdem Sorgen 

Warten auf Sonnenschein: Peter Schulte kann zum Auftakt der Biergartensaison im Cafe Del Sol nicht auf so viel Personal bauen wie vor dem Lockdown.
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Warten auf Sonnenschein: Peter Schulte kann zum Auftakt der Biergartensaison im Cafe Del Sol nicht auf so viel Personal bauen wie vor dem Lockdown.

Die Corona-bedingte Zwangs-Pause hat in der Gastronomie vielerorts zu personellen Engpässen geführt.

Hamm – Der nicht durch eine Spindel, sondern einen Corona-Virus verursachten Dornröschenschlaf der Gastronomie fühlte sich für manchen Wirt – und manchen Gast – vermutlich fast wie 100 Jahre an. Doch auch sieben Monate sind eine lange Zeit, und die Betroffenen brennen nun darauf, wieder zu öffnen. Die lange Pause hat allerdings vielerorts zu personellen Engpässen geführt. (News zum Coronavirus in Hamm)

StadtHamm
BundeslandNordrhein-Westfalen
Einwohner179.111 (2019)

Mitarbeiterschwund wegen Corona: „Ein halbes Jahr keine Perspektive“

Besonders Aushilfskräfte, auf die zahlreiche Restaurants und Gaststätten angewiesen sind, haben sich eine andere Einnahmequelle gesucht. Darauf weist die Dehoga, der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband, hin – und auch lokale Unternehmer spüren das.

Mehr als 325.000 Mitarbeiter hat die Branche inklusive Hotellerie 2020 im Vergleich zum Vorjahr bundesweit verloren. „Wir waren schon vorher gebeutelt“, spricht auch Lars Martin, stellvertretender Hauptgeschäftsführer von Dehoga Westfalen, von einem Fachkräftemangel: „Corona hat da noch mal ins Kontor geschlagen. Wir hatten ein halbes Jahr keine Perspektive mehr. Wir hatten zu und durften nicht mehr aufmachen.“

Viele Gastro-Mitarbeiter suchen sich sicherere Jobs

Viele Mitarbeiter hätten sich daher nach anderer Arbeit umgeschaut. „Das ist menschlich und das ist nachvollziehbar“, sagt Martin. Insbesondere die Minijobber standen wegen Kündigungen oder ruhender Arbeitsverträge vor dem Nichts. Aber eben auch feste Mitarbeiter, die mit dem Kurzarbeitergeld nicht über die Runden kamen oder auf die Trinkgelder angewiesen waren, schauten sich um.

Laut Martin sind nicht wenige – genaue Zahlen hat er nicht – in boomende Branchen wie Onlinehandel und Lieferdienste, zu Lebensmitteleinzelhändlern oder zu Gesundheitsämtern oder Coronatestzentren abgewandert.

Das hat auch Peter Schulte erfahren. Der Betriebsleiter des Cafe Del Sol im Hammer Süden öffnet am Donnerstag wieder seinen Außenbereich, kann aber nicht auf sein altbewährtes Team zurückgreifen. Zwar seien im Voll- und Teilzeitbereich etwa 95 Prozent weiter dabei, bei den Aushilfen unter seinen rund 50 Mitarbeitern sieht das aber anders aus.

Einige sind andere Verpflichtungen eingegangen – und bleiben vorerst dort auch. Vielen wäre eine sofortige Rückkehr noch wegen der dauerhaften finanziellen Perspektive zu unsicher. Das sei nicht nur bei ihm so, sondern auch bei Kollegen, hat er erfahren.

Personalmangel in der Gastro

Schulte betont, dass sein Personalstand zum Start „okay“ ist, und freut sich darauf, wieder loslegen zu können. „Jeder Gastronom ist motiviert, zu öffnen. Wir haben in allen unseren Betrieben gesagt, wenn wir aufmachen dürfen, sind wir dabei. Wir wollen die Verantwortung übernehmen, zeigen, dass wir da sind.“

Alle wollen deutlich machen, dass sie coronagerechte Gastronomie betreiben können, erklärt er. Und auch die Gäste scheinen sich bereits auf Bier, Cocktails oder leckeres Essen zu freuen. „Das Telefon klingelt häufig“, berichtet Schulte von vielen Kundenanfragen.

Gastro-Mitarbeiter „häufig Überzeugungstäter“

Er und der Verbandsvertreter setzen darauf, dass mit der Zeit das Personal zurückkehrt. „Ich bin guter Hoffnung, dass ein Großteil der Mitarbeiter wiederkommen wird“, sagt Martin. „Das sind häufig Überzeugungstäter, die ihren Beruf machen, weil sie da zu Leuten Kontakt haben können.“

Schulte kann Interessierten nur raten, sich bei ihm und seinen Kollegen zu melden: „Ich kenne viele, die würden sich freuen, wenn sie Gespräche führen könnten, auch wenn sie nicht sofort jemanden einstellen können.“ Denn bei bestehender Kurzarbeit sind Neuanstellungen an bürokratische Hürden gebunden.

Martin rät Betrieben, mehr in den Bereich Mitarbeitermarketing zu investieren, rechnet mit starker Konkurrenz vom Online- und Lebensmitteleinzelhandel. Auch im Ausbildungsbereich will der Verband bald wieder aktiv werden, denn der hat im Grunde ein Jahr ausgesetzt: „Wir müssen uns noch mehr strecken und den jungen Leuten zeigen, was wir zu bieten haben.“

Grundsätzlich sei die Gastronomie ja eine krisenfeste Branche, betont er. Wenn nicht gerade ein Virus alles über den Haufen wirft.

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