Rullko und Handelshof in Hamm

Gastro-Pause trifft Großhandel hart - Der reagiert mit frischer Idee

Marie-Christine Ostermann, Geschäftsführerin von Rullko in Hamm.
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Marie-Christine Ostermann, Geschäftsführerin von Rullko in Hamm.

Weil Teile des Kundeskreises wegbrechen, trifft die Gastronomie-Pause auch den Großhandel. In Hamm wagen der Handelshof und Rullko jetzt einen ungewöhnlichen Vorstoß.

Hamm – Gastronomie und Hotelbetriebe werden vom zweiten Lockdown hart getroffen. Bei vielen kommen erneut Existenzängste auf, Mitarbeiter gehen wieder in Kurzarbeit. Auch die Zuliefererbranche muss die neue Situation verdauen, von der noch niemand weiß, wie lange sie dauert. Rullko und der Handelshof sind zwei Großhändler in Hamm, bei denen sich Gastronomiebetriebe regelmäßig mit frischen Waren versorgen. Für sie haben harte Wochen begonnen.

„Wir befinden uns erneut in einer Extremsituation und wissen nicht, was kommt“, sagt Rullko-Geschäftsführerin Marie-Christine Ostermann. Weil der Lockdown sehr kurzfristig gekommen sei, könne ein Großteil der frischen Ware mit kürzerem Haltbarkeitsdatum nicht mehr verkauft werden. Sie geht jetzt an die Tafel. Immerhin hilft das noch finanziell schwächer gestellten Menschen.

Wenn es für Ostermann so etwas wie Zuversicht gibt, dann stützt sich diese auf die Tatsache, dass sich das familiengeführte Unternehmen neben Gastronomie auch auf die Versorgung von Seniorenzentren und Kliniken spezialisiert hat – und das deutschlandweit. „Dafür können wir sehr dankbar sein, denn dieses Segment bleibt uns wie schon beim ersten Lockdown erhalten“, so Ostermann. Etwa 80 Prozent des Umsatzes entfalle darauf, rund 20 Prozent lägen bei Gastronomie und Hotellerie. Eben weil der Gesundheitssektor so stark sei, habe das Unternehmen bisher keine Kurzarbeit anmelden müssen.

Gastro-Pause trifft Großhandel: Harte Kritik an der Politik

Rückblickend auf die Monate April/Mai während des ersten Lockdowns beziffert Ostermann die Umsatzrückgänge auf bis zu 40 Prozent. Ob der Wert nun ähnlich aussehe oder sogar noch nach oben gehe, lasse sich noch nicht beurteilen. Dass im November nun auch Endverbraucher in Großmärkten einkaufen dürfen, sei ein gut gemeintes Angebot aus der Politik und fange sicherlich auch etwas an Umsatzeinbußen auf. Die Kunden würden gerne bedient, allerdings sei das Geschäftsmodell – und dementsprechend auch die Produktpalette, die Konfektionierung und der betriebliche Ablauf – vom Grundsatz her ein anderes.

Mit der Politik geht die Unternehmenschefin hart ins Gericht. „Mir fehlt das Vorausschauende“, sagt sie. „Beim ersten Lockdown wusste man sicherlich manches noch nicht zu bewerten, aber über sechs Monate später ist vieles immer noch von Aktionismus geprägt. Ich bin sicher, dass mit strengeren Regeln derartig hohe Fallzahlen vermeidbar gewesen wären.“ Es gehe nicht zuletzt darum, Arbeitsplätze und damit die Grundlage für ein funktionierendes soziales Netz und Gesundheitssystem zu erhalten

Gastro-Pause trifft Großhandel: Verhältnismäßigkeit fehlt

Dass es mit dem Lockdown nun erneut unter anderem die Gastronomie trifft, beurteilt sie als frustrierend für die Branche. „Oft fehlt mir die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen“, sagt Ostermann. Das führe für sie zu einem Vertrauensschwund in die Regierung.

Einen Lieferservice für private Endverbraucher zieht sie nicht in Erwägung. „Das rechnet sich nicht und hilft nicht in der Corona-Krise.“

Volle Regale, leere Gänge: Der Handelshof in Bockum-Hövel ist derzeit häufig nicht gut frequentiert.

Gastro-Pause trifft Großhandel: Umsatz sofort eingebrochen

Ausgebaut hatte der Handelshof zuletzt seinen Lieferservice für Restaurants und Gaststätten und damit auf den Bedarf in dieser Branche reagiert. „Wir sind eher gastronomielastig. Dadurch sind wir durch den neuen Lockdown besonders stark getroffen“, sagt Kevin Reschkowski. Er hat gerade die Geschäftsleitung des Handelshofes an der Römerstraße übernommen. Heime oder Krankenhäuser beliefere der Handelshof weniger, berichtet er. Von Anfang an spüre man den Lockdown im Liefergroßhandel daher extrem. Der Umsatz sei sofort eingebrochen. Deswegen sei man auch wieder in die Kurzarbeit gegangen, so Reschkowski. Dennoch gebe es auch weiterhin einen kleinen Anteil an Liefergroßhandel, zum Beispiel zu Betrieben, die außer Haus verkauften.

Ganz normal laufe hingegen der Cash-&-Carry-Bereich weiter, bei dem die Kunden selbst vor Ort einkauften, sagt er. Auch der Handelshof hat seine Niederlassung an der Römerstraße bis zum 30. November wieder für Endverbraucher geöffnet. Bereits beim ersten Lockdown durften sie dort einkaufen.

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