Attentats-Helfer möglicherweise monatelang in Hamm

Zeugen: Jubel in Heessener Fischerhalle nach Terror in Paris

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Monatelang war die Alfred-Fischer-Halle eine Notunterkunft für Flüchtlinge und deshalb bewacht und abgesperrt.

Hamm - Als sich vor zwei Jahren die Terroranschläge von Paris ereigneten, bestand die Reaktion darauf in Hamm offenbar nicht nur aus Trauer und Bestürzung. In der Alfred-Fischer-Halle soll mit wachsender Zahl der Todesopfer immer lauter gejubelt worden sein.

Das berichten jedenfalls ehemalige Helfer, die damals in der zur Notunterkunft umfunktionierten Halle Dienst taten. Zwei Jahre hatten sie das für sich behalten und bereits so gut wie vergessen. Doch jetzt, wo bekanntgeworden ist, dass sich möglicherweise ein gewichtiger Helfer der Paris-Attentäter über Monate in Hamm aufgehalten hat, bekommen diese Erinnerungen mit einem Mal eine andere Dimension.

„Kala Nithi“ oder „Nithi Kala“ ist der Name der ominösen Kontaktperson, die in Hamm ihre Kreise gezogen haben könnte und der von Ermittlern eine Führungs-, Kontakt- oder Unterstützungsrolle in Verbindung zu Mitgliedern der Terrorzelle Islamischer Staat zugetraut wird. Aus Unterlagen, die der Tageszeitung „Die Welt“ vorliegen, geht hervor, dass der österreichische Verfassungsschutz im Nachgang zu den tödlichen Anschlägen eben auf diesen „Kala Nithi“ gestoßen war. Er (oder sie) soll mit mittlerweile teils schon verurteilten Helfern der Parisattentäter in Kontakt gestanden haben. Drei dieser Terrorhelfer hatten offenbar mit „Kala Nithi“ telefonischen Kontakt gehalten (hier klicken für unseren Bericht), ein vierter hatte dessen Nummer im Handy abgespeichert.

Abschiedsfeier von Notunterkunft Alfred-Fischer-Halle

Wie nun neue Recherchen von „Welt“ und WA ergeben haben, führt die Spur zumindest in die Nähe der Alfred-Fischer-Halle – jenem Ort, der in der ersten Septemberwoche 2015, also gut zwei Monate vor den Attentaten, wieder zur Notunterkunft für 550 Flüchtlinge erklärt worden war.

Drei falsche Adressen in Hamm

„Kala Nithi“ benutzte Prepaid-SIM-Karten und gab bei der obligatorischen Anmeldung seines Handys in drei Fällen falsche Adressen in Hamm an. Ende Oktober 2015 meldete er ein Mobiltelefon auf eine Adresse in der Straße Am Kiesekamp an. Diese liegt nur rund 500 Meter von der Fischer-Halle entfernt. Die dreistellige Hausnummer passte zwar nicht (am Kiesekamp wohnen nur wenige Dutzend Menschen), was aber von der Telefongesellschaft nicht bemerkt wurde. Ähnlich war’s bei der zweiten Adresse, die ebenfalls in Heessen liegt und ebenfalls Ende Oktober zum Schein bei einem Telefonanbieter angegeben wurde. „Frau Nithi Kala, geboren am 11. Mai 1994“ registrierte sich als wohnhaft an dem Sträßlein „Am Kleihang“ – erneut mit einer viel zu „hohen“ Hausnummer.

Der Name „Kala Nithi“ führt ins Nichts, taucht in keinem Adressbuch auf. Die Ermittler der Generalbundesanwaltschaft, die von den österreichischen Behörden um Amtshilfe gebeten worden waren, jagten einem Phantom hinterher und fanden keinerlei Packende. Alle Ermittlungsansätze seien in einer Sackgasse geendet, die fragliche Person könne sich überall in Deutschland aufgehalten haben, erklärte eine Sprecherin gegenüber dem WA.

30 Flüchtlinge aufgetaucht und wieder zurück in der Fischerhalle

Letzteres ist zweifellos richtig, und doch scheint die Variante Hamm als die logischste. Wie sonst sollte jemand, der sich eine falsche Identität ausdenken will, ausgerechnet auf diese Anschriften in Heessen kommen? Musste er nicht dort gewesen sein, um sich hierfür zu entscheiden?

Noch merkwürdiger und damit des Rätsels nicht genug: Im März 2016, also rund vier Monate nach den Anschlägen, telefonierte „Kala Nithi“ wieder mit einem der Terrorhelfer. Dieses Mal war sein Prepaid-Handy unter seinem Namen auf eine Adresse am Wilhelmsplatz im Hammer Westen angemeldet – erneut mit einer nicht existenten, zu hohen Hausnummer. War das Phantom also immer noch in Hamm?

Am 13. November 2015 starben an fünf verschiedenen Orten im 10. und 11. Pariser Arrondissement sowie an drei Orten in der Vorstadt Saint-Denis 130 Menschen. 683 wurden im Kugelhagel von Kalaschnikow-Maschinenpistolen teils schwerst verletzt. Außerdem starben sieben der Attentäter in unmittelbarem Zusammenhang mit ihren Attacken.

Freude über Terroranschlag

Auch in der Heessener Fischer-Halle wurden die Nachrichten rund um das Stade de France und den Konzertclub „Bataclan“ verfolgt. „Die freuten sich unbändig“, erinnert sich einer der Helfer, der in der zunächst unter Federführung der Stadt geführten Notunterkunft im Einsatz war, an jene Nacht. Einer der Dolmetscher sei damals „nach oben“, also dorthin, wo für 550 Personen die provisorischen Nachtlager aufgebaut waren, gegangen und habe erfolglos versucht, auf die Menschen einzureden. „Das ist nicht schön, was ihr hier macht...“, sollen seine Worte gelautet haben.

Dass in der Terror-Nacht in der Halle ausgelassene Partystimmung geherrscht habe, wird von anderen Einsatzkräften ausdrücklich nicht bestätigt. „Das war gewiss nicht so, das hätten wir mitbekommen.“ Wenn, so ergänzen sie, dann könnten es nur einige wenige gewesen sein, die sich am Blutvergießen in Paris ergötzt hätten. Aber in der Tat: Es seien schon einige zwielichte Gestalten unter den Ankömmlingen gewesen.

Malteser-Mitarbeiter in Notunterkunft niedergeschlagen

Improvisationskunst war gefragt, als in den ersten Tagen und Wochen die Asylbewerber nach Heessen kamen. „Zunächst galt es, die Grundversorgung der vielfach aus Syrien eingereisten Menschen sicherzustellen“, erklärt einer der Helfer aus diesen ersten Stunden. Nachtlager hätten organisiert, die medizinische Versorgung gesichert und die Verpflegungsfrage geregelt werden müssen. In den Anfangstagen habe es noch keine Erfassung der Personalien gegeben, Nummern von Mobiltelefonen seien sowieso nicht registriert oder kontrolliert worden.

„Jeder hatte ein Handy, und es wurde ständig telefoniert“, erinnert sich einer der Helfer, der im medizinischen Bereich tätig gewesen war. Im nahe gelegenen Supermarkt seien vor allem Prepaid-Sim-Karten ein Verkaufsschlager gewesen. Das den Flüchtlingen zuerkannte Taschengeld wurde den Erklärungen zufolge an erster Stelle dafür ausgegeben – womöglich auch von einer Person mit Decknamen „Kala Nithi“...

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