Ganz oder gar nicht

Frust und Wut im Jägerhof: Warum das Ehepaar Dickie keinen Außer-Haus-Verkauf anbietet

Im Lockdown-Modus: Petra Jakobs-Dickie und ihr Mann Peter Dickie vom Jägerhof können aktuell nur warten – und das schon seit Monaten.
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Im Lockdown-Modus: Petra Jakobs-Dickie und ihr Mann Peter Dickie vom Jägerhof können aktuell nur warten – und das schon seit Monaten.

Petra Jakobs-Dickie und ihr Ehemann Peter „Tommy“ Dickie betreiben seit 17 Jahren die Traditionsgaststätte „Jägerhof“ an der Barsener Straße 39. Wenn die Eheleute auf die Corona-Pandemie angesprochen werden, dann wird es emotional: Wut, Frust und Sorgen brechen sich Bahn.

Bockum-Hövel – „Wir sind jetzt 17 Jahre hier und statt arbeiten zu können, bin ich nun gezwungen, meine Altersvorsorge anzugreifen, damit es weitergehen kann“, so Jakobs-Dickie. Von den angeblichen Hilfspaketen des Staates sind sie nur noch enttäuscht.

So sei ihnen für die Dezemberhilfe zunächst „ein lächerlicher Betrag“ ausgerechnet worden. Grund: Die Novemberhilfe sei bei den Einnahmen angerechnet worden. „Die ist aber selbst erst Ende Dezember gekommen“, so die Wirtin. Immerhin: Nach einigem Aufwand sei eine Korrektur erfolgt. Doch von der Dezemberhilfe selbst sei bislang auch nur ein geringer Abschlag eingegangen.

Kein Außer-Haus-Verkauf

„Wir verwalten uns in Deutschland buchstäblich zu Tode“, so die Gastronomin. Selbst die eigene Steuerberatung verzweifele über zahllose Regeländerungen und eine Flut an Formularen. Sie hätten ja gar nicht schließen wollen und könnten es eigentlich auch nicht, da sie ja noch das Haus abbezahlten. Angesichts der kleinteiligen Vorgaben lohnten sich auch kleine Alternativen nicht: „Speisen außer Haus zu verkaufen, kommt für uns nicht in Frage“, so Jakobs-Dickie, die selbst gelernte Köchin ist.

Zum einen sei die Qualität ihrer Gerichte nach einem längeren Heimweg nicht mehr gegeben. Dann könne der Einsatz zum Ertrag in keinem Verhältnis stehen und zu guter Letzt wäre der Aufwand bei den Hilfen irrsinnig hoch, da alles gegengerechnet werde. „Das steht in keinem Verhältnis“, sagt die Wirtin. Ihr Mann ergänzt, dass auch bei gutem Wetter ein Biergartenangebot keine Alternative zur richtigen Öffnung sei: „Es müssen ja alle getestet sein“, so Dickie. Aber wer lasse einen Schnelltest machen, nur um ein, zwei Getränke im Biergarten trinken zu können?

Frust und Wut im Jägerhof

Sie hätten immer sehr viel gearbeitet, sagt Jakobs-Dickie. Wenn an einem Abend früher eine Feier bis drei oder vier Uhr gegangen sei, so hätte ihr Mann anschließend alles durchgereinigt. Sie habe sich dann zwei bis drei Stunden hingelegt, um morgens wieder alles für den nächsten Brunch vorzubereiten. „So haben wir uns etwas aufgebaut. Das zerbröselt aktuell – und wir können nichts tun“, so die Gastronomin. Dabei habe ihr Hygienekonzept nach dem letzten Lockdown sehr gut funktioniert. „Da kann man jeden fragen, in keinem Hammer Lokal gab es ein Spreader-Event mit hohen Infektionszahlen“, ergänzt ihr Mann.

Der Saal wurde damals nur zur Hälfte ausgelastet, im Schankraum seien alle Abstände eingehalten worden und für die Kegler hatten sie richtig viel Aufwand betrieben: „Da wurde die Kegelbahn vor und nach jedem Termin gereinigt, die Kugeln einzeln desinfiziert und jeder Kegler hat sich, wenn er an der Reihe war, die Hände desinfiziert oder Gummihandschuhe getragen“, so Jakobs-Dickie. Als auch das nicht mehr ging, hatten die Gäste aus Solidarität im Schankraum über drei Tische Spieleabende veranstaltet. Überhaupt erführen sie enorm viel Solidarität von ihren Gästen, selbst mit Weihnachtskarten wurden sie bedacht. „Aber es kommen immer öfter auch Fragen, ob wir überhaupt wieder eröffnen“, so die Wirtin.

Die erfahrenen Gastronomen sehen beim Management der Krise auch eine gesellschaftliche Gefahr: „Unsere Demokratie verspielt gerade ganz viel Vertrauen“, so Dickie.

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