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Frust in allen Fasern: Nie wieder „Weihnachtscircus“ in Hamm

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Von: Markus Hanneken

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Raoul Schoregge, Chinesischer Nationalcircus
Raoul Schoregge ist nicht nur Zirkuschef, sondern umtriebig auch in vielen weiteren Veranstaltungsbereichen. Er weiß, wovon er spricht. © Schoregge

Der Chinesische Nationalcircus wird vermutlich nie wieder in Hamm zu sehen sein. Und damit auch der „Hammer Weihnachtscircus“ nicht. Raoul Schoregge, dessen Chef und Sprachrohr, will abwandern. Er sagt: „Ich habe die Schnauze voll.“

Hamm / Havixbeck - Nach dem Gastspiel-Drama in den Zentralhallen vor Weihnachten 2021 mit nur einer einzigen Show hatte Raoul Schoregge noch einigermaßen optimistisch ins Folgejahr geblickt. Er und sein Team hofften, nach der Corona-kalten Phase einen Gutteil der 120-teiligen „China-Girl“-Tournee spielen zu können. Doch dann kam der Krieg mit all seinen katastrophalen Konsequenzen noch obendrauf. Und die Seifenblasen platzten, eine nach der anderen.

45 neue Termine sollten das Feuer im Herbst neu entfachen - immerhin funktionierten viele andere Kultur-Events ja auch wieder leidlich bis gut. Doch allzu viele Tickets blieben liegen und am Ende nur rund zehn tatsächlich gespielte oder noch zu spielende Auftritte übrig. „Ich wollte nie ein Subventionskünstler werden, jetzt ist es doch so gekommen“, sagt Schoregge voller Frust in allen Fasern. Und: „Ich habe auf gut Deutsch die Schnauze voll.“

Hamm tauchte und taucht in keiner der Planungslisten mehr auf, die Zeiten sind vorbei. Fünf Mal hatte es hier einen Weihnachtscircus gegeben, zwei Mal war Schoregge allein federführend. Tatsächlich sei Hamm ohnehin noch ein „Aufbauthema“ gewesen („2019/2020 war okay, hat auch nicht wirklich gefluppt“), zudem werde er sein Zirkusunternehmen vom klassischen Tourneekonzept abkoppeln.

„In den drei Jahren unser Publikum verloren“

„Wir haben in den drei Jahren unser Publikum verloren“, resümiert der leidenschaftliche Zirkus-Profi, der auf der Bühne selbst den Clown gibt. Den Leuten sei offenbar „alles zu kompliziert geworden“. Gastspiel-Reisen „über die Dörfer“ funktionierten nicht mehr. Das gelte für die meisten vergleichbar großen Angebote zwischen 500 und 2000 Besuchern, sogar für einstige Selbstläufer wie „Riverdance“. Dass der Zirkus Charles Knie in Hamm Ende Juni 2022 relativ gut besucht war, verdanke dieser vor allem günstigen Ticketpreisen und dem entspannten Sommer, glaubt Schoregge.

Der 54-Jährige kritisiert „eher auf den dilettantischen Umgang der Politik mit dem Thema als auf fernbleibende Zuschauer“. Auch habe die Verteuerung den Grund im Umgang mit Soloselbstständigen im Veranstaltungssektor. „Alles mit Ankündigung geschehen.“

Nachdem er sein Team nun „seit drei Jahren durch diese von Politik, Verwaltung und Medien verursachten Corona-Dschungel bei vollem Lohnausgleich und ohne Entlassungen und bei keiner Besserung in Sicht“ führt, setzt er auf eine nachhaltige Strategieänderung. Das ambitionierte „China-Girl"-Programm mit David-Bowie-Musik - dort, wo es gespielt wird, sind die Besucher und Kritiker begeistert - will er nach längerer Pause nur noch in „A-Städten“ wie Berlin, München, Köln oder Hamburg spielen, vor kleinerem Publikum, aber jeweils längere Zeit vor Ort. Das sei nicht nur den immens gestiegenen Kosten geschuldet, sondern werde „auch der Show gut tun“.

Das ursprüngliche Rückgrat der Veranstaltungswelt, das Gros der Veranstaltungen in den Theatern, Stadt- und Mehrzweckhallen, die Sparte mit einem traditionell treuen und zahlungskräftigen Publikum hat immense Probleme. (...) Der Ticketverkauf für Projekte im Herbst/Winter 2022 und selbst für das Frühjahr 2023 ist desaströs und Lichtjahre weit von der Vorcorona-Situation entfernt. Gleichzeitig haben wir aber im Veranstaltungssektor eine Kostenexplosion, die sich in Margen bis zu 50 Prozent abspielt.

Raoul Schoregge in einem Gastkommentar für die Fachzeitschrift „Musikwoche“

Weihnachtscircus wandert aus nach Holland

Seine Marke „Weihnachtscircus“ wird Schoregge übrigens trotz allem nicht aufgeben. Vom 20. Dezember 2022 bis 8. Januar 2023 plant er eine solche Gastspielserie mit einem individuell gestalteten Programm am Standort des „Groot Kerstcircus“ in Den Haag, den er auch (mit-) verantwortet. Dort glaubt er seine Mannschaft besser aufgehoben als in der Heimat. Nach vielen Reisen ins europäische Ausland ist er nämlich überzeugt, dass das Akzeptanzproblem für mittelständische Angebote wie seines „ein deutsches Problem“ ist.

Abwanderungsgedanken hat der gebürtige Münsteraner auch für sich selbst, wenn auch weniger konkret: Er überlegt, mit seiner Familie und seinem Unternehmen von Havixbeck nach Holland zu ziehen.

Das Unternehmen und sein Chef

Raoul Schoregge (geboren am 28. Januar 1969 in Münster) ist ein deutscher Clown („Coreggio“), Produzent und Regisseur. Bekannt wurde er durch Engagements beim Circus Krone, Circus Sarrasani und beim Chinesischen Nationalcircus. Dessen Produktion hatte er im Jahr 2000 in der Nachfolge von André Heller übernommen und ihn als erfolgreiche Theatershow in ganz Europa etabliert. Gastspiele als Clown und Regisseur führten Schoregge auch nach China, Japan und Nord-Korea. Er lebt mit seiner Familie in Havixbeck.

Offizielle Begründung der Absagen

Diese offizielle Stellungnahme begleitete die zahlreichen Absagen von „China Girl“ 2022:

„Die aktuelle Post-Pandemie-Situation mit drastischem Besucherrückgang einerseits und einer Kostenexplosion im Produktionsbereich andrerseits machen eine Durchführung (...) zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich. Daher haben sich die Produzenten schweren Herzens dazu entschlossen, die Tournee abzusagen. So sehr wir diesen Schritt von Seiten der Mitwirkenden bedauern, ist es leider im Moment die einzige Möglichkeit, auf die Covid-Nachwehen im Veranstaltungsbereich adäquat zu reagieren. (...)“

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