Corona und Kaufhof und die Folgen für die Innenstadt

Frust, aber auch Lust: Wie Hammer Geschäfte durch die Krise kommen

+
Andreas Dellwig sitzt auf Koffern, die er nicht verkaufen kann.

Viele Hammer Geschäfte und Lokale sind durch die Corona-Krise in eine bedrohliche Lage geraten. Aber nicht alle: Beim Gang durch die Innenstadt haben wir auch erfreuliche Situationen angetroffen und mutmachende Stimmen gehört.

Hamm – Die Corona-Pandemie stellt fast alle Unternehmen in Deutschland vor gewaltige Probleme. Mit am härtesten trifft die Krise die Neugründer, die ihr Geschäft kurz vor dem Lockdown Mitte März an den Start brachten und als Folge der Einschränkungen wochenlang ohne Umsätze, ohne Rücklagenbildung, dafür aber oft mit erheblichen Miet- und Kreditverpflichtungen in die Selbstständigkeit starten mussten. Wie viele von ihnen die Krise überleben werden, ist noch nicht absehbar. Bei der Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Stadt Hamm rechnet man wegen der bis Ende September ausgesetzten Insolvenzantragspflicht erst im Herbst mit entsprechenden Zahlen. (Hier klicken für aktuelle Infos zum Hammer Arbeitsmarkt.)

Der Handelsverband HDE zeichnet für Deutschland schon jetzt ein düsteres Bild: Alleine dem Einzelhandel könnten als Folge der Pandemie bis zu 50.000 Insolvenzen drohen.

Doch sind nicht alle Branchen gleichermaßen betroffen, wie eine aktuelle IHK-Unternehmerbefragung der vergangenen zwei Wochen zeigt, an der sich rund 470 Unternehmen aus Dortmund und Hamm sowie dem Kreis Unna beteiligt haben. Ihre gegenwärtige Lage beurteilen danach mehr als zwei Drittel der Unternehmen (68,6 Prozent) als gut oder befriedigend, ein knappes Drittel (31,4 Prozent) sieht sich in einer schlechten Situation.

Kaffeeröster und Eiscafé: erfrischender Optimismus

Martina Scapin ist vom Aufgeben "ganz, ganz weit entfernt".

Martina Scapin, die das bekannte Eiscafé Casal in der Hammer Innenstadt kurz vor dem Lockdown neu eröffnet hatte, hat die Krise bisher mit einem erfrischenden Optimismus gemeistert. „Am Anfang hatte ich große Angst, schließlich habe ich viel Geld investiert“, erzählt die junge Gastronomin. Doch habe sich die Lage recht schnell beruhigt – nicht zuletzt wegen des warmen Wetters, durch das sie viel Eis zum Mitnehmen verkaufen konnte. Dass die Stadt Hamm den gastronomischen Betrieben in der Fußgängerzone die Mieten für die bewirtschafteten Außenflächen vorerst erlassen hat, sei ebenfalls eine große Hilfe. Vom Aufgeben sei sie daher „ganz, ganz weit entfernt“.

Gian Luca Vecchi sagt: "Wir schaffen das."

Ganz ähnlich hat sich Gian Luca Vecchi mit der Krise arrangiert. „Die Umsätze sind nicht riesig, aber wenn es so weitergeht, schaffen wir das“, sagt der Kaffeespezialist, der sein Café „Bebuna“ mit Kaffeerösterei kurz vor dem Ausbruch der Pandemie in der ehemaligen „Pohls Mühle“ eröffnet hatte. Ein kleiner, treuer Kundenkreis habe ihn während des Lockdowns durch den Kauf von Gutscheinen toll unterstützt.

Rund ein Drittel der Hochzeiten verschoben

Gleichwohl haben die Auswirkungen der Corona-Krise ihre Spuren hinterlassen; die Umfrage der IHK zeichnet ein eindeutiges Stimmungsbild: Durch die Pandemie hat sich die Lage bei rund 62 Prozent der befragten Unternehmen verschlechtert. Nur bei gut 32 Prozent ist die Situation gleichgeblieben, gerade rund 5 Prozent sprechen von einer besseren Lage.

Britta Timm, die mit ihrem Mann Wilhelm Ernst drei Wochen vor dem Lockdown an der Werler Straße ein Geschäft für Brautmode eröffnet hatte, weiß derzeit nicht, wie es weitergehen soll. „Wie soll man das schaffen, wenn alle Feiern ausfallen oder verschoben werden“, fragt sie. Als Folge der Pandemie ist ihr Geschäft nur samstags geöffnet. „Wir haben keine Lust, auf Kundschaft zu warten, die sowieso nicht kommt“, so die Einzelhändlerin.

Britta Timm (links) und ihr Mann Wilhelm Ernst betreiben ein Geschäft für Brautmoden. Sie und Mitarbeiterin Diana Baltrusch sind in Sorge um die Zukunft

Die alljährlichen Hochzeitsfeiern sind ein erheblicher Wirtschaftsfaktor für viele Betriebe in Hamm. Und deren Zahl ist deutlich geschrumpft: Von den 248 Trauungen, die zwischen dem 12. März und dem 23. Juni bei der Stadt Hamm angemeldet waren, wurden nur 159 durchgeführt, 89 Trauungen wurden verschoben, wie die Stadt Hamm mitteilte.

Räumungsverkauf bei Kaufhof bereitet Sorgen

Ähnlich düster stellt sich die Situation für Lederwaren Dellwig dar. Für das traditionsreiche inhabergeführte Fachgeschäft hätte mit dem Ferienbeginn die umsatzstärkste Zeit des Jahren begonnen. Nun müssen Michaela und Andreas Dellwig Einbußen von rund 50 Prozent beim Reisegepäck verkraften. „Bei uns kauft niemand etwas, das ist existenzbedrohend“, sagt Michaela Dellwig.

Zusätzlich zur Corona-bedingten Kaufzurückhaltung der Kunden muss Dellwig nun auch noch den Räumungsverkauf beim Konkurrenten Kaufhof verdauen. „Ob wir das bis zum Ende des Jahres schaffen, weiß ich wirklich nicht. Aber das gilt ja nicht nur für uns, sondern für die Hälfte der Hammer Innenstadt.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare