Einleitung erlaubt

Freie Fahrt für Fäkalien: Verwaltung nimmt Stellung zu Müll am Bachlauf

erlenbach in Hamm
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Wenn es sehr stark regnet, wird mitunter ein Gemisch aus Abwasser und Regenwasser inden Erlenbach geleitet. Und dann (siehe Bild rechts) zieren Feuchttücher, Binden und mehr den Bach

Mit einem Wut-Video machte ein Bauer darauf aufmerksam, dass ungeklärtes Abwasser in einen Hammer Bach fließt. Die Politik wurde hellhörig. Nun antwortet die Verwaltung.

Bockum-Hövel – Der Bach ist ein „stark verändertes Gewässer“, der ökologische Zustand schlecht, doch Handlungsbedarf? Den gibt es nicht. Das steht in einer Antwort der Verwaltung auf eine Anfrage der CDU, die die Verwaltung nun in der Bezirksvertretung Bockum-Hövel vorgelegt hat.

Der Werner Landwirt Johannes Laurenz hat Ende Januar ein Video am Erlenbach in Bockum-Hövel gedreht und es auf Facebook hochgeladen. Laurenz schildert darin, wie ungeklärtes Abwasser aus einer Regenwasserbehandlungsanlage in den Erlenbach geleitet wird. „Nach starken Regenfällen riecht es nach Fäkalien. In den Büschen hängt Toilettenpapier“, sagt er. Das Video wurde tausendfach angeklickt. Die CDU-Fraktion fragte daraufhin bei der Verwaltung nach, ob bei der Einleitung ins Gewässer alles nach Recht und Gesetz zugeht.

Nach Wut-Video: Abwasser läuft in Bach - und das ist genehmigt

Diese Antwort liegt nun vor. Und demnach ist es genehmigt, dass Abwasser in den Bach geleitet wird. Eine Anpassung sei nicht erforderlich, schreibt die Verwaltung.

Der Erlenbach ist ein kleines Gewässer, es fließt neben einem Feld und einem Wäldchen von Landwirt Laurenz und mündet in den Lausbach. „Es gibt im Erlenbach kaum Stichlinge, die sonst oft in Bächen vorkommen, und auch sonst kaum Bodenleben“, sagt der Landwirt. Der Bach stinke häufig.

Lippeverband betreibt Regenüberlaufbecken neben Bach

Den Grund vermutet Laurenz im Regenüberlaufbecken Tarnowitzer Straße, das der Lippeverband neben dem Bach betreibt. In diesem Becken werden Abwasser und Regenwasser vermischt. Wasser zu sparen, um Ressourcen zu schonen, ist Trend. Entsprechend trocken ist oft, was in den Abfluss gespült wird. Unverdünnt kann es die Kanalisation verstopfen. Damit Abwasser zuverlässig abfließt, wird ihm Regenwasser beigemischt – es entsteht Mischwasser, das anschließend geklärt werden soll.

Regnet es allerdings sehr stark, kann dies die Kanalisation überfordern. Überlaufbecken sind dann stark gefüllt. Deshalb wird das Mischwasser in Bäche eingeleitet, wie eben in den Erlenbach.

Abwasser in Bach: Becken wird betrieben, wie es genehmigt ist

Und das ist erlaubt, schreibt die Verwaltung: 15 bis 25 Mal pro Jahr werde das Überlaufbecken entlastet, so häufig fließt also Abwasser in den Bach. Das liege im üblichen Rahmen. Die Anlage wurde 1980 erstmals genehmigt, eine weitere Genehmigung stammt aus dem Jahr 2007. Am 1. Februar habe man das Becken angesehen. „Das Regenüberlaufbecken Tarnowitzer Straße entspricht dem Genehmigungsstand, wird wie genehmigt betrieben und entspricht den allgemein anerkannten Regeln der Technik“, erklärt die Verwaltung.

Denn in der Theorie gibt es kein großes Problem: Schwere Stoffe aus dem Abwasser sollen sich am Boden des Überlaufbeckens absetzen. An der Oberfläche soll Wasser zurückbleiben, das nicht so schmutzig ist. Dieses soll in den Bach fließen. „Diese Einrichtungen (Regenüberlaufbecken, Anm. d. Red.) sind darauf ausgelegt, Abwasserinhaltsstoffe zurückzuhalten, die sich bei ordnungsgemäßer Nutzung auch im Abwasser befinden sollten, wie zum Beispiel Toilettenpapier“, schreibt die Verwaltung.

Video wurde veröffentlicht - und Bach vom Müll befreit

Doch offensichtlich benutzen viele Hammer ihre Toiletten nicht ordnungsgemäß. Sie werfen zum Beispiel Feuchttücher hinein, Binden, Kondome. All das landet bei Starkregen im Erlenbach, bleibt in Büschen und Sträuchern hängen. Ab und an reinigen Mitarbeiter des Lippeverbands das Gebiet. Auch nach Laurenz’ Video wurde der Bereich relativ bald vom Müll befreit.

Regnet es über mehrere Tage nicht, fließt auch kein Abwasser in den Erlenbach.

Laurenz sagt, er finde es falsch, der Bevölkerung den schwarzen Peter zuzuschieben. „Es ist halt so: Die Sachen werden ins Klo geschmissen und landen im Bach!“ Also müsse man das Problem auch lösen – und eine andere Lösung finden, wenn man die Bevölkerung nicht umerziehen kann. Laurenz ist bewusst, dass die Einleitung erlaubt ist – für falsch hält er sie trotzdem.

Verwaltung: Keine Maßnahmen zur Verbesserung geplant

Und dass die Gewässerqualität in dem Bach tatsächlich nicht in Ordnung ist, lässt sich öffentlichen Quellen entnehmen: So erstellt das Umweltministerium des Landes Steckbriefe zu den Gewässern im Land. Auch der Lausbach kommt vor: Der ökologische Zustand sei schlecht, heißt es im Steckbrief. Unter anderem die Belastung durch Phosphat und Stickstoff sei hoch. An anderer Stelle schreibt das Ministerium, dass eine solche Belastung mit Nährstoffen aus der Landwirtschaft resultieren kann – und aus nicht ausreichend geklärtem Abwasser.

Laut Verwaltung sind am Regenüberlaufbecken Erlenbach aktuell keine Maßnahmen geplant, um etwas gegen die Verschmutzung zu tun. Andreas Schwienhorst, Vorsitzender der CDU Bockum-Hövel, erklärte, man werde die Stelle im Auge behalten.

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