Vor 40 Jahren begann in Werries eine ungewöhnliche Karriere

Frech kommt weiter: Als das Rocktheater „Illegal“ (nicht nur) Hamm eroberte

Mit dem Programm „Platz satt“ begeisterte das Rocktheater Illegal 1990 im Kurhaus.
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Richtig was los: Mit dem Programm „Platz satt“ begeisterte das Rocktheater Illegal 1990 im Kurhaus und auf vielen anderen Bühnen tausende Besucher. (Farbige Fotos aus jener Zeit liegen der Redaktion leider nicht vor.)

Vor 40 Jahren startete eine freche Jugendclique in Werries eine höchst ungewöhnliche Karriere - erst als Theatergruppe, später als Rocktheater, aber vor allem stets „Illegal“. Mehr als 14 Jahre wirbelte die Truppe nicht nur die Hammer Szene durcheinander, sondern feierte tatsächlich weitere besondere Erfolge.

Hamm - Es gibt keine CD, kein Youtube-Video (tatsächlich überhaupt keine vernünftige Filmaufnahme), keine Smartphone-Bilder, nicht mal einen Wikipedia-Eintrag. Und doch war das Ensemble von „Illegal“ – später „Rocktheater Illegal“ – 14 Jahre nicht nur „da“, sondern der Überflieger der Hammer Kulturszene: frech, angesagt und durchaus auch wichtig. Vor 40 Jahren begann alles. Pusten wir also zum runden Geburtstag den Staub von dieser Kiste und lassen uns überraschen, was uns aus ihr heute noch entgegenspringt…

1981. Um dem Alltag der Jugendarbeit auf die Sprünge zu helfen, ließ eine Truppe 16- bis 20-jähriger Freunde im Gemeindezentrum der Erlöserkirche in Werries ihre übergreifende Lust aufs Kreative in eine Kleinkunst-Theatergruppe fließen: Kabarett, Clownerie, Tanz, Jonglage – das Talent jeder und jedes Einzelnen der 15 war wichtig, begeisterte und ließ schnell etwas Besonderes entstehen. Und weil anfangs jugendlich hemmungslos und vor allem ungefragt gute Ideen geklaut wurden, war ein prägnanter Name schnell gefunden: „Illegal“.

Das Fundament war stark genug, um nach dem ersten Programm „Wir sind so frei“ fünf weitere auf die Beine zu stellen, jedes Jahr eins. Die jungen Leute waren schnell nicht mehr nur selbst von sich begeistert: Pfarrer Egon Auge baute ihnen den Glockenturm zum Proberaum aus, und immer mehr und immer neue Zuschauer kamen.

Vor dem Rocktheater: Szene aus dem Illegal-Programm „So und nicht anders“ (Gemeindehaus Werries, circa 1986).

40 Jahre (Rocktheater) „Illegal“ in Hamm: „Wussten, dass wir mehr können“

Über sechs Jahre funktionierte das so. Längst war die Brust breit genug für den nächsten Sprung, doch was tun? Eben das fragte sich auch eine ebenfalls in Werries probende junge Rockband. „Wir alle wussten, dass wir mehr können“, erinnert sich Uli Wachowiak, von Anfang an dabei und am Ende der wohl beständigste und treibendste „Illegale“. Die Glut lag also im Raum und entflammte über kräftiges Pusten 1987 dasRocktheater Illegal”. Rocktheater – da war doch was?! „Ja, auf jeden Fall”, sagt Wachowiak: Das ‘Rocktheater N8chtschicht’ – von Dortmund aus schon eine ganze Weile enorm erfolgreich – „hat uns definitiv inspiriert”.

Eine wichtige Triebfeder für das eigene Projekt war Uli Wehmeier. Ein Jahr lang begleitete, förderte und forderte der Streetworker aus Bockum-Hövel die launige Truppe, bis mit „Nur keine Angst” die erste Rocktheater-Produktion rund war. Bis dahin war das Selbstbewusstsein so groß, dass über alle Kostenrisiken und Organisationshürden hinweg gleich drei Mal das Kurhaus gebucht wurde. Und jedes Mal war das Stück mit dem roten Faden „Flugzeugentführung” ausverkauft und umjubelt.

40 Jahre (Rocktheater) „Illegal“ in Hamm: Besonderer Draht nach Bradford

Fast zeitgleich trat mit Axel Ronig ein weiterer Förderer auf den Plan. Der spätere Jugendamtsleiter der Stadt Hamm verknüpfte die „Illegalen” mit Hamms Partnerstadt Bradford, genauer: mit der dortigen Sozialtheatergruppe „Bradford Youth Players”. Für eine einmalige Aufführung von „Nur keine Angst” wurde das Programm komplett ins Englische übersetzt („Don’t be alarmed!”), doch sowohl die entstandene deutsch-englische Freundschaft als auch die kreativ-herzliche Verbindung mit Ronig sollten über Jahre halten. „Schon für das erste Jugendtheatertreffen mit unseren Partnerstädten griff ich auf Illegal-Elemente zurück – als authentisches Bild kreativer junger Menschen, die ihre Heimatstadt repräsentierten”, schwärmt Ronig heute noch.

„Das war vollkommen verrückt”, erinnert sich Wachowiak mit leuchtenden Augen. Den „Ritterschlag” habe man sich damals allerdings in Bonn abgeholt: Nach Anmoderation Günter Jauchs und in Anwesenheit von Bundespräsident Richard von Weizsäcker brachten die Hammer „Nur keine Angst” im Garten der Villa Hammerschmidt auf die Bühne. Aus Anlass des „Tags der Jugend” waren sie vom Land NRW dorthin entsandt worden.

Die Ereignisse überschlugen sich also. Und sie überschlugen sich weiter.

Fast komplette Kerngruppe 1989 (circa): (oben von links) Achim Matzka, Ralf Romberg, Peter Lockert, Ron Pennings, Eric Folts, Burckhard Auge, (Mitte von links) Erika Müller, Uli Wachowski, Steffi Frese, (unten von links) Michael Frese, Susanne Graul, Wilfried Brauns.

40 Jahre (Rocktheater) „Illegal“ in Hamm: „Platz satt“... und das Zehnjährige

Im März 1990, anderthalb Jahre nach dem ersten Aufschlag, stand „Platz satt”. Jenes Programm, das Wachowiak auch heute noch für „gigantische Kunst” hält, weil es auf allen Hauptebenen das Beste vereint habe, was auf Laienebene möglich war: Schauspiel, Musik und Inhalt. „Platz satt” machte die Wohnungsnot zum Thema und würde daher – davon ist Wachowiak überzeugt – „auch heute noch auf jeder Bühne funktionieren”. Nicht nur war das Kurhaus erneut drei Mal voll, es folgten rund 30 erfolgreiche Auftritte bei den unterschiedlichsten Anlässen in ganz Deutschland.

Doch auch das war noch immer nicht der Peak. Den erreichte das Hammer Rocktheater weitere anderthalb Jahre später. Im September 1991 brachte die zwar gereifte, aber noch lustvolle Truppe „Al Dente” in den Festsaal des Maxiparks: Mit einem vierstündigen (!) Best-of-Programm wurde das Zehnjährige gefeiert. Neben 1000 Besuchern mit dabei: die Freunde aus Bradford und Gäste aus der anderen Partnerstadt Kalisz. Für die anschließende rauschende Party wurde der Elefant angemietet.

Uli Wachowiak (61), , „Illegal“-Gründungsmitglied, glaubt: „‘Platz satt’ würde auch heute noch auf jeder Bühne funktionieren.“

40 Jahre (Rocktheater) „Illegal“ in Hamm: Verschleiß nach 11 Jahren Volldampf

Uff, genau: Es ging zwar weiter, aber nicht mehr auf diesem Hochenergie-Level. Dafür zunächst mit einer nachhaltigen Anerkennung: Im Herbst 1992 bekam das „Rocktheater Illegal” mit dem Dr.-Emil-Löhnberg-Preis die wichtigste Kulturauszeichnung der Stadt Hamm zugesprochen. Zwar freute sich die Gruppe auch über eine stattliche Geldsumme, doch als viel wichtiger empfand sie die damit erfolgte „Anerkennung der freien Szene” in Hamm.

Elf Jahre Volldampf hatten bei vielen Beteiligten inzwischen jedoch Spuren hinterlassen, vor allem die individuellen Lebenssituationen und -ziele machten das Gefüge brüchig. Die dritte Rocktheater-Produktion „Aba Makabra” startete im März 1993 somit nicht nur weniger ambitioniert als früher, sondern erstmals auch mit neuen Köpfen.

Das Ende dieser dreiteiligen Auftrittsserie im Maxipark markierte zugleich weitgehend das Ende der klassischen „Illegal”-Gruppe aus Werries. Auch Uli Wachowiak hatte die Segel gestrichen.

40 Jahre (Rocktheater) „Illegal“ in Hamm: nach dem Ende ein Brandbrief

Dass doch noch eine vierte Produktion fertig wurde, mutet heute fast wie eine Fußnote der Geschichte an. Doch es gab tatsächlich eine Handvoll Hammer Talente, die die Marke Rocktheater Illegal nicht aufgeben wollten: Sie brachten „Im Zeichen des Bügelbretts” eine Art Nummernrevue in die Werkstatthalle des Maxiparks und konnten ihre Besucher damit im März 1995 ein letztes Mal begeistern. Thorsten Ortmann, Schlagzeuger zu jener Zeit, erinnert sich an eine „sehr kreative Zeit mit vielen netten Menschen”. Wenn das Ende auch nicht mehr allzu präsent ist, weiß er doch noch: „Selbst ein voller Bierkasten reichte irgendwann nicht mehr, um ausreichend Leute zu den Probeterminen zu locken – schade.”

Stopp! Der Begriff „Ende” ist nur bedingt korrekt: Denn im November 1997 gelang Ulli Wachowiak das Kunststück, viele der insgesamt rund 40 Ehemaligen für eine Art Reha-Auftritt zusammenzutrommeln. Ein Brandbrief der Gema war der Auslöser: 3000 Mark wurden für Urheberrechtsverletzungen bei „Al Dente” nachgefordert! Tatsächlich war auch das Mini-Revival mit dem passenden Titel „Ge(h)ma zahlen” im Gustav-Adolf-Haus noch ausverkauft und erfüllte seinen Zweck locker.

40 Jahre (Rocktheater) „Illegal“ in Hamm: die wichtigsten Duftmarken

  • 1981: Gründung als Theatergruppe „Illegal“ in Werries
  • 1981-1987: Programme „Wir sind so frei“, „Wie aus dem Ärmel geschüttelt“, „Rund um die Welt“, „Illegal lässt die Puppen tanzen“, „So und nicht anders“ und „The Best Of“
  • 1988: „Illegal“ wird zum „Rocktheater Illegal“
  • September 1988: Vorpremiere „Nur keine Angst“ in Bradford, anschl. Beginn Partnerschaft mit „Bradford Youth Players“
  • Oktober 1988: Aufführungen „Nur keine Angst“ im Kurhaus
  • Mai 1990: Premiere „Platz satt“ im Kurhaus
  • September 1991: Premiere „Al Dente“ in der Maximilianhalle (mit Gästen aus Bradford und Kalisz)
  • November 1992: Dr.-Emil-Löhnberg-Kulturförderpreis
  • März 1993: Premiere „Aba Makabra“ (Maxipark)
  • März 1995: Premiere „Im Zeichen des Bügelbretts“ (Maxipark)
  • November 1997: Benefiz-Revival „Ge(h)ma zahlen“ im Gustav-Adolf-Haus (Bockum-Hövel)
  • 5. August 1998: interne „Beerdigungs-Party“ im Kulturrevier Radbod
  • Dezember 2012: „Inoffizielles“ Mini-Revival im Hoppegarden auf Einladung der Band „N-xt“

40 Jahre (Rocktheater) „Illegal“ in Hamm: was blieb und bleiben wird

Heute, 2021, 40 Jahre nach dem Start und 24 Jahre nach dem letzten Vorhang: Was ist geblieben? Was wird bleiben? Vor allem „Freude, Freunde und Familie”, spricht Wachowiak (inzwischen 61) seinen Wegbegleitern aus der Seele, von denen sich nicht wenige auch heute noch immer wieder über den Weg laufen. „Selbstsicherheit” kommt noch obendrauf: Viele der Laiendarsteller profitierten in den später ergriffenen Jobs von der Erfahrung, fremde Menschen zu überzeugen und glücklich zu machen.

Und dann sind da ja noch jene „Illegalen”, die tatsächlich ganz legal im Künstlerischen geblieben sind. Wie zum Beispiel Urmitglied Achim Matzka, dessen Techniktalent über den „Illegal PA Verleih” im „Matzka Veranstaltungsservice” gipfelte. Oder Thorsten Ortmann, der nicht nur Radiojournalist wurde, sondern auch Schlagzeuger etlicher Bands blieb. Oder die Band „N-xt”, in der heute noch drei der vier Gründungsmitglieder des Rocktheaters spielen. Oder Uwe Kröger, der … nein, lassen wir das: Der spätere Musical-Superstar war - Ironie der Geschichte - 1982 bei „Illegal” abgelehnt worden.

Übrigens: Nicht nur das „Rocktheater Illegal” hat keinen Wikipedia-Eintrag. Auch das überregional weit erfolgreichere „Rocktheater N8chtschicht” hat keinen. Also.

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