Hamms Vorzeige-Grundschule und die Pandemie

Ohne Eltern oft kraftlos: So hart trifft Corona die Grimm-Schüler

 Wie an allen Schulen landesweit ist auch an der Gebrüder-Grimm Schule Hamm die Präsenzpflicht aufgehoben.
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Die Tür steht auf, doch nicht alle Schüler kommen in dieser Woche auch rein: Wie an allen Schulen landesweit ist auch an der Gebrüder-Grimm Schule seit Beginn dieser Woche die Präsenzpflicht aufgehoben. Eltern können frei wählen, ob ihr Kind in die Schule kommt oder die Aufgaben zu Hause löst, im Distanzunterricht.

Die Gebrüder-Grimm-Schule gilt in Hamm als Vorzeige-Grundschule. Doch auch leider unter dem Coronavirus mit all seinen Folgen. „Die Zweitklässler lagen drei Monate zurück“, nennt der Schulleiter ein prägnantes Beispiel.

Bockum-Hövel – Die Zahl der positiv auf Corona Getesteten hat zuletzt wieder zugenommen. Der milde Lockdown hat nicht wie gewünscht gegriffen. Nun gibt es strengere Maßnahmen, darunter die Aufhebung der Präsenzpflicht für die jüngeren Schüler und Distanzunterricht seit Montag. Wie Grundschüler den ersten Lockdown verkraftet haben, welchen Stellenwert die Eltern dabei haben und ob die ausgezeichnete Gebrüder-Grimm-Schule jetzt besser für das Lernen auf Distanz gerüstet ist...: Darüber sprachen wir mit Frank Wagner, dem Leiter der Gebrüder-Grimm-Schule. (News zum Coronavirus in Hamm.)

Es heißt, dass gerade jüngere Schüler leiden, wenn es aufgrund von Corona keinen Präsenzunterricht gibt und sie zu Hause lernen müssen. Welche Beobachtungen haben Sie beim ersten Lockdown gemacht?
Insbesondere die Erstklässler, die ja noch nicht lesen können, und Schüler ohne ausreichende deutsche Sprachkenntnisse haben Schwierigkeiten bei der Arbeit mit digitalen Lernplattformen. Für sie gibt es noch keine speziellen Lernplattformen. Junge Schüler benötigen zuerst einmal neben den Basiskompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen auch Basiskompetenzen im Umgang mit digitalen Medien. Hinzu kommt, dass junge Schüler kaum eigene Digitalgeräte haben. Und sie sollten auch noch keine Verantwortung dafür übernehmen. WhatsApp zum Beispiel soll man erst ab 16 Jahren nutzen. Es ist schwierig, auf digitalem Weg Zukunftskompetenzen wie Kreativität, Kommunikation, kritisches Denken oder Zusammenarbeiten zu vermitteln. Das geschieht vor allem im Präsenzunterricht in Gruppenarbeit und Projekten. Schüler leiden um so mehr, je weniger sie das selbstständige Arbeiten gewohnt sind. Um das zu beherrschen, müssen sie erst den Umgang mit einem Lernzeitplan einüben. Das dauert rund zwei Monate. Jungen Schülern gehen schnell Strukturen verloren, oder sie erlernen sie erst gar nicht. Und wenn sie die Basiskompetenzen in Deutsch und Mathematik nicht besitzen, haben sie häufig Probleme, Arbeitsaufträge zu lesen und umzusetzen. Schließlich gehen ohne die Kontakte in der Schule auch soziale Kompetenzen wie Freunde finden, Krisen bewältigen und Konflikte lösen, Umgang mit Emotionen oder Gruppenverhalten verloren.
Wie haben die Schüler ihr Lernpensum im Distanz-unterricht bewältigt?
Sie hatten insgesamt ein weitaus geringeres Lernpensum als im Präsenzunterricht. Bis zu den Herbstferien wurden viele Inhalte, die eigentlich in die Jahrgangsstufe 1 gehören, unterrichtet. Das heißt, die Zweitklässler lagen rund drei Monate zurück. Präsenzunterricht ist durch keine Form des Distanzunterrichts zu ersetzen. Wir haben beobachtet, dass Kinder im Distanzunterricht ein ähnliches Verhalten wie im Präsenzunterricht zeigen. Wer zum Beispiel in der Schule unkonzentriert vorgeht, macht das auch im Distanzunterricht. Ich habe das Kollegium gefragt, wie es die Leistungsveränderungen nach dem Lockdown einschätzt. Rund die Hälfte der Kinder sind mit leichten Einschränkungen wiedergekommen. Bei etwa einem Fünftel sind die Leistungen unverändert geblieben. Dann gibt es etliche Kinder, die sich stark verschlechtert haben, aber auch einen etwa ebenso großen Anteil, bei dem sich die Leistung deutlich verbessert hat. Vielleicht ist das auf die Einzelbetreuung durch die Eltern zurückzuführen. Eltern sind beim Distanzunterricht Schlüsselpersonen im Bewältigen des Lernpensums.
Gab es auch Schüler, die in der Zeit des Lockdowns Gewalt und Vernachlässigung in der Familie erfahren haben?
Ja, auf jeden Fall. Manche Kinder waren im Lockdown über Telefon oder die sozialen Medien überhaupt nicht zu erreichen. Das betraf etwa fünf bis zehn Prozent. Dann war unsere Schulsozialarbeit im Einsatz und hat versucht, sie zu Hause aufzusuchen. Unser Trick war, gefährdete Kinder in die Notgruppen aufzunehmen, um „Schlimmeres“ zu verhindern.
Wie können Eltern ihre Kinder am besten unterstützen?
Sie müssen Strukturen und Rituale schaffen. Dazu gehört, möglichst den Alltag beizubehalten und den Kontakt zur Schule weiter zu pflegen. Sie sollten die Selbstständigkeit der Kinder fördern. Wichtig ist weiterhin, ihnen Endgeräte zur Verfügung stellen und ihnen den Umgang mit digitalen Medien erklären. In den meisten Familien sind Endgeräte vorhanden, vor allem Smartphones, aber auch viele Tablets. Und fast alle haben einen Internetzugang. So können die Eltern digitale Lernmöglichkeiten schaffen, zum Beispiel über Lehrer-Youtube-Videos. Die Eltern sollten ihren Kindern schließlich auch den digitalen Kontakt zu ihren Freunden ermöglichen, zum Beispiel über Zoom.
Was kann eine Schule tun, um die Kinder beim digitalen Lernen zu unterstützen?
Wir als Schule müssen uns in dieser Situation darauf beschränken, Basiskompetenzen und ausgewählte Lerninhalte zu vermitteln. Das spielt eine große Rolle. Für alles andere können die Kinder sich zum Beispiel „Lehrer Schmidt“ anschauen. Und wir müssen unseren Schülern die Möglichkeiten des digitalen Selbstlernens zur Verfügung stellen wie Youtube-Links, Lernplattformen und ähnliches. Dazu gehört auch, ihnen virtuelle Strukturen für das selbstständige Lernen zu geben. Wichtig sind weiterhin regelmäßige, gleichbleibende Zeitfenster. Ganz wichtig ist, die Beziehung zu den Schülern zu halten und Ansprechpartner zu sein. All das schafft Sicherheit.
Kann die Schule auch etwas für die Eltern tun?
Natürlich. Schulen können den Eltern Stress ersparen und sie so weit wie möglich entlasten, statt sie zu belasten. Das heißt, wir müssen sämtliche Maßnahmen darauf hin durchdenken, welche Belastungen für die Eltern entstehen. Ein Beispiel: Viele Eltern haben zu Hause keinen Drucker mehr und wissen nicht, wie sie Arbeitsblätter ausdrucken sollen. Dann müssen wir ihnen diese zur Verfügung stellen.
„Präsenzunterricht ist durch keine Form des Distanzunterrichts zu ersetzen“, sagt Frank Wagner, Leiter der Gebrüder-Grimm-Schule.
Welche besonderen Anstrengungen unternimmt die Gebrüder-Grimm-Schule, um die Familien zu unterstützen?
Für die Eltern führen wir virtuelle Workshops durch, um ihnen zu erklären, wie Lernplattformen und Trainingsprogramme – zum Beispiel die Anton-App – funktionieren oder wie man mit Kindern das Lesen übt. Es geht darum, Eltern die Kompetenzen zu vermitteln, ihren Kindern helfen zu können. In Zusammenarbeit mit Maxi-Computer entwickeln wir eine Lernplattform, ein digitales Abbild der Gebrüder-Grimm-Schule, um den Schülern Basiskompetenzen und die Kompetenzen für das 21. Jahrhundert, also die Zukunftskompetenzen zu vermitteln. Auch das Schulleben haben wir zum Teil digitalisiert und übertragen das Schülerparlament, den Treffpunkt und unsere Lobbriefe über das Netz.
Sehen Sie sich für eine Klassenteilung und/oder eine zweite Phase des Fernunterrichts gerüstet?
Ja, weitaus besser als im vergangenen Frühjahr. Die Grimm-Schule hat echt einen Sprung gemacht. Unsere iPads sind inzwischen im Dauereinsatz, die Kollegen nutzen die digitalen Endgeräte und die Lernplattformen auch regelmäßig im Präsenzunterricht. So wird der Distanzunterricht schon in der Schule trainiert. Die Grenzen verschwimmen. Wir üben digitale Strukturen und Rituale ein. So erlangen die Schüler immer mehr Sicherheit.
Welche Hilfen müssten die Schulen erhalten, um durch die Corona-bedingten Einschränkungen zu kommen und den Kindern gute Bildung vermitteln zu können?
Ganz oben stehen ein schnelles und gutes Internet sowie eine ausreichende Zahl an Endgeräten. Außerdem brauchen wir dringend eine datenschutzkonforme Lernplattform für die Kinder und die Eltern. Diese muss zeitgleich Videos übertragen können, damit wir sehen können, was die Kids machen. Schulen sollten auch selbst entscheiden können, ihre Notgruppen mit Kindern zu besetzen, die Präsenz dringend benötigen. Wir müssen den Mut aufbringen auch „outside the box“ zu denken.

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