Nur Konsumverzicht hilft dem Wald - und damit den Menschen

Klimawandel: Mit der Försterin im angeschlagenen Heessener Wald

Die Natur ist ein Kreislauf: Försterin Diethild Nordhues-Heese zeigt, wie die Natur umgefallene Bäume erobert und Nischen für Flora und Fauna schafft.
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Die Natur ist ein Kreislauf: Försterin Diethild Nordhues-Heese zeigt, wie die Natur umgefallene Bäume erobert und Nischen für Flora und Fauna schafft.

Dem Heessener Wald geht es nicht gut. Vor allem ist es der Klimawandel, der ihm zusetzt. Das wird deutlich bei einem Rundgang mit der jetzt neu zuständigenen Försterin Diethild Nordhues-Heese.

Heessen – Trotz des Verbotsschildes beginnt Nordhues-Heese ihren Gang durch den Forst nahe der Quelle Richtung Osten. „Hier musste der Wald samt Weg gesperrt werden,, sagt sie.“ Gesperrt ist dieser Wald, weil abbrechende Äste eine Gefahr für Fußgänger darstellen. Die Försterin zeigt hier auf eine Buche, dort auf nachwachsende Eschen, bleibt stehen, um auf das klagende „Kijäh“ des Schwarzspechts aufmerksam zu machen und kommt thematisch von Hölzken aufs Stöckchen, vom Klimawandel bis zur Funktion der Pilze an einem Baum und im Waldboden.

Die Bedeutung des Heessener Waldes

Der Stadtbezirk Heessen hat seinen Namen durch den Wald erhalten, denn der ursprüngliche Name „Hesnon“ bedeutet Buschwald. Mit seiner Größe von 441 Hektar bedeckt der Heessener Wald 15,6 Prozent der Fläche des Stadtbezirks, die gesamte Stadt Hamm verfügt nur über eine Waldfläche von sieben Prozent. Seit dem Jahr 1967 gibt es den Verein „Heessener Wald“, der sich für den Schutz des Waldes eingesetzt sowie verschiedene Projekte im und um den Wald angestoßen und umgesetzt hat.

Klimawandel: Im Kern ist es die langanhaltende Trockenheit, die dem Wald zusetzt, und die Hitze. Auch Starkregen verbunden mit unkalkulierbaren Sommerstürmen, setzen den vollbelaubten Bäumen massiv zu. Zusammen mit zahlreichen anderen Faktoren sorgen diese dafür, dass der Heessener Wald kränkelt.

Faktor 1: Die Hitze

Zum Beispiel die Hitze bei direkter Sonneneinstrahlung. Steht eine Rotbuche voll in der Sonne, bekommt ihre glatte Rinde an nicht beschatteten Stammteilen Rindenbrand, vergleichbar mit dem Sonnenbrand der Menschen. „Die Rinde platzt auf, das Kambium, die Lebensschicht unter der Rinde, stirbt ab und bloß gelegte Holzteile reißen auf. Über diese offenen Wunden haben die Pilze eine Chance ins Holz einzudringen, das Holz geht in Fäulnis über, und der Baum stirbt“, beschreibt Nordhues-Heese den Prozess. Das geschehe umso häufiger, wenn die Waldränder, die den Wald eigentlich gegen Wind und Wetter schützen sollen, geschädigt werden – nicht selten aus landwirtschaftlichen Motiven.

Faktor 2: Die Trockenheit

Zum Beispiel die Trockenheit. Eichen können 200 bis 400 Jahre alt werden, die Rotbuchen dagegen haben eine Lebenserwartung von 140 bis 160 Jahren. Wenn der Boden trockener werde und das Grundwasser sinke, würden die Wurzeln der ausgewachsenen Bäume nicht mehr an genügend Wasser kommen. „ Der Wasserfaden in den Leitungsbahnen im Baum reißt ab, Luft tritt ein, und es kommt zu Embolien. Das führt dazu, dass ganze Kronenbereiche vertrocknen, Blätter und auch Äste im Sommer abgeworfen werden“, erklärt die Försterin. Der Baum ist geschädigt, Menschen auf den Wegen im Wald werden durch herabfallende Äste gefährdet.

Seite an Seite: Tote Bäume und (noch) lebende stehen im Heessener Wald nebeneinander.

Faktor 3: Der Starkregen

Zum Beispiel Starkregen. Der sei für den Wald nicht dramatisch, da der Boden gut durchwurzelt sei und es nicht zu Erosionen käme.. „Aber auch der Waldboden kann, wenn er total ausgetrocknet ist, das ganze Wasser gar nicht aufnehmen, und die Trockenheit mit allen Risiken für die Bäume bleibt“, sagt Nordhues-Heese. Es fällt Wasser, aber es hilft nicht viel.

Faktor 4: Die Stürme

Und das Beispiel Stürme. Starke Stürme, ja Windhosen träten immer häufiger auf, und die hätten die Kraft, auch Solitäre – alte und kerngesunde Bäume auf Feldern – umzupusten. Und im Sommer seien die auch schlimm für den Wald. „Dann sind die Bäume voll belaubt und der Wind hat eine richtig große Angriffsfläche“, so Diethild Nordhues-Heese.

Die Natur braucht uns nicht, aber wir gebrauchen die Natur - deshalb nicht diskutieren, sondern handeln.

Diethild Nordhues-Heese, seit 1. November Försterin des Heessener Waldes

All das führt zu einer Schwächung der Bäume, und ein geschwächter Baum ist weniger widerstandsfähig gegen schädliche Einflüsse. Und die Aufzählung der Försterin nennt ziemlich bekannte und eher unbekannte Schädlinge: Da sind die Borkenkäfer, die lebende Laub- und Nadelbäume befallen und anschließend die Bockkäfer, die sich über das absterbende Holz hermachen. Die Buchenkomplexkrankheit, deren Beginn durch Schleimfussflecken am Stamm erkennbar ist, gefolgt von Holzfäule und Insektenbefall, armstarke Äste brechen aus den Baumkronen, befallen mit der Pfennigkohlenkruste, die Rußrindenkrankheit beim Ahorn, das Eschentriebsterben und vieles mehr. An sich wenig schädliche Pilze können bei geschwächten Bäumen zur Gefahr werden.

Die Strategie kranker Bäume

Eine Strategie kranker Bäume ist es, stark zu blühen. Es werden viele Samen wie Eicheln oder Bucheckern produziert, um viel Nachwuchs zu schaffen, mit dem Versuch die eigene Art zu retten. . Dabei gehe die Kraft des Baumes aber in die Nachwuchsproduktion, der Baum selbst wird schwächer.

Aus der Perspektive der Natur ist die Veränderung im Heessener Wald kein Problem, Kreisläufe sind normal. Tote Bäume fallen um und bieten Pilzen und Insekten grandiose Lebensräume, das vermodernde Holz der Stämme nimmt Feuchtigkeit wie ein Schwamm auf und ist somit ein guter Wasserspeicher. Vögel finden hier ihre ökologische Nische, besonders die verschiedenen Spechtarten finden reichlich Futter und Nistmöglichkeiten in den kränkelnden Bäumen. Licht fällt auf den Waldboden, so dass viele Lichtkeimer zum Zuge kommen.

Klare Ansage: Diethild Nordhues-Heese hält nichts davon, importierte Bäume zu pflanzen, die Hitze mögen und der Trockenheit trotzen - diese brächten auch große Risiken mit.

Wenn also Trockenheit, Hitze und die anderen Indikatoren des Klimawandels dem Wald zusetzen – wie wäre es dann, Bäume zu pflanzen, die Hitze mögen und der Trockenheit trotzen? Försterin Nordhues-Heese hält das nicht für eine gute Idee. Schon jetzt gebe es bei den Tierarten und in der Pflanzenwelt invasive Arten, die sich ohne natürliche Feinde rasant vermehrten – und außer Kontrolle geraten können. Der Waschbär, der Riesenbärenklau – oder auch die aus Nordamerika stammende Traubenkirsche: „Die Spätblühende Traubenkirsche breitet sich schnell aus und ist dann schlecht zu stoppen“, sagt die Försterin, „im Münsterland ist sie in einigen Bereichen bereits eine Plage.“ Für sie sind Trockenheit widerstehende, importierte Bäume keine Lösung, da sie für das Ökosystem große Risiken bergen können. „Wir Förster setzen waldbaulich auf vielschichtige Mischbestände und versuchen die Naturverjüngung, wo eben möglich, zu fördern. Die beste Auslese trifft immer noch die Natur selber und keiner weiß in welche Richtung sich das Klima auf lange Sicht entwickelt.“

Bäume retten die Menschen vor dem Klimawandel

Für sie gibt es nur eines: „Ursachenbekämpfung - wir müssen unser Konsumverhalten ändern“, sagt sie und zählt das auf, was dann immer im Zusammenhang mit dem Klimawandel gesagt wird: Weniger Auto fahren, weniger Fleisch essen, ökologisch bauen und so weiter. Denn: „Wenn wir den Klimawandel aufhalten, hilft das den Bäumen und dem Wald, auch dem Heessener Wald, und natürlich auch uns Menschen.“ Nordhues-Heese bringt es auf diesen Punkt: „Nachhaltigkeit leben, heißt den eigenen Konsum in allen Lebensbereichen überdenken und lokale Produkte nutzen, “

Das rettet die Bäume – und die Bäume retten uns vor dem Klimawandel. Ein Kubikmeter Holz speichert nicht nur 0,9 Tonnen CO2, sondern liefert uns Sauerstoff zum Atmen.Wir sollten überall dort, wo es eben möglich ist, Bäume zum Schutz des Klimas pflanzen“, sagt sie. Bäume liefern nicht nur einen wertvollen nachwachsenden Rohstoff, sondern spenden im Sommer Schatten und bringen Kühle.

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