Mittelalterliche Fundstücke

Flut und Pandemie: Brunnenfund auf WA-Baustelle lässt Rückschlüsse auf Entvölkerung Hamms zu

Bedeutender Fund: Grabungstechniker Sven Reinartz untersucht den alten Brunnen an der Widumstraße.
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Bedeutender Fund: Grabungstechniker Sven Reinartz untersucht den alten Brunnen an der Widumstraße.

Der letzte Tag der archäologischen Grabungen auf der WA-Baustelle an der Widumstraße förderte noch einmal Erstaunliches zutage.

Hamm – Ein Brunnen lässt möglicherweise Rückschlüsse darauf zu, dass Naturkatastrophen und eine Pandemie im 14. Jahrhundert nicht spurlos an Hamm vorbeigegangen sind.

Brunnenfunde sind an sich nichts Außergewöhnliches, verfügte doch jedes Haus oder jede nachbarschaftliche Gemeinschaft in Vorkanalisationszeit über eine Wasserquelle. Auf der Baustelle an der Widumstraße stieß das im Auftrag des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) tätige Grabungsteam sowohl auf einen Brunnen, der in die Zeit der Stadtgründung 1226 zurückgeht, als auch auf einen wesentlich jüngeren aus Backstein, der im 18. oder 19. Jahrhundert angelegt worden war und um 1900 herum verfüllt wurde.

Mittelalterliche Fundstücke

Die Überraschung erwartete die Archäologen um Grabungsleiter Thies Evers nur wenige Meter nordwestlich davon: Dort tauchte noch ein mittelalterlicher Brunnen aus Grünsandstein auf, dessen Lage bei Anlage des neuen Brunnens wohl bereits längst in Vergessenheit geraten war.

Bemerkenswert an diesem mittelalterlichen Brunnen sind laut Evers mehrere Aspekte: Zunächst handele es sich um eine imposante Anlage mit einem Innendurchmesser von fast eineinhalb Metern (üblich in Hamm sind sonst eher Größen von 80 bis 100 Zentimeter). Die Brunnenwand bestand aus sorgfältig bearbeiteten trapezförmigen Grünsandsteinplatten, die innen einen kreisrunden glatten Schacht ergaben.

Vollständig erhaltene Töpfe und Krüge im Brunnen

Im Profil der Baugrube war erkennbar, dass man bei Aufgabe des Brunnens den steinernen Schacht bis zwei Meter unter Geländeoberkante wieder abgebaut hatte, um die Steine wiederzuverwenden. „Eine übliche Vorgehensweise vor der Industrialisierung. Gutes Baumaterial wurde mehrfach verwendet, wann immer es ging“, erklärt Evers.

Wesentlich interessanter allerdings ist, dass sich anhand der Brunnengeschichte möglicherweise auch ein größerer historischer Zusammenhang ablesen lässt. „Entstanden ist der Brunnen mit Sicherheit nach der Stadtgründung 1226“, erläutert Evers. „Offenbar ist er aber schon im 14. Jahrhundert wieder verfüllt worden.“

In der Brunnenverfüllung haben die Archäologen mehrere zum Teil fast vollständige Keramiktöpfe und -krüge aus dieser Zeit gefunden. „Es macht den Eindruck, als sei dort ein Haushalt aufgelöst worden. Brandschutt findet sich dagegen nicht, sodass ein Schadenfeuer als Ursache für die Aufgabe des Brunnens wohl ausscheidet“, folgert Evers.

Hinweise auf die Magdalenenflut

Vielmehr könnte die rasche Aufgabe seiner Ansicht nach in Zusammenhang mit der Magdalenenflut im Jahr 1342, einer Naturkatastrophe von beispiellosem Ausmaß, oder der Pestwelle von 1349/1350 stehen. Zusammengenommen verdichten sich daraus Hinweise für einen Bevölkerungsschwund in Hamm im 14. Jahrhundert, glaubt Evers. „Offenbar brauchte man danach einfach weniger Infrastruktur zur Trinkwasserversorgung“, sagt Evers.

Eine Theorie, die der Hammer Historiker und freie LWL-Mitarbeiter Günter Wiesendahl durchaus für wahrscheinlich hält. Er selbst entschlüsselte in der Marker Dorfkirche eine Hochwassermarke aus dem Jahr der Flut von 1342. „Die Katastrophe ist also nicht an Hamm vorbeigegangen“, sagt er. Die Marke befindet sich 1,40 Meter über dem Kirchenboden. „Rechnet man die späteren Aufschüttungen in der Stadt heraus, dürfte das Wasser auf dem Marktplatz damals etwa drei Meter hoch gestanden haben“, meint Wiesendahl.

Flut und Pest im 14. Jahrhundert

Eine Flut, die fruchtbares Land wegspülte und die Lebensgrundlage der Menschen mit sich riss, und keine zehn Jahre später die Pest, die in Europa nach Schätzungen von Historikern ein Drittel der Bevölkerung dahinraffte, machten auch Hamm nicht zu einem Ort der Glückseligkeit.

Auf etwa 600 Häuser schätzt Wiesendahl die Stadtgröße zu jener Zeit. Das könnte einer Einwohnerzahl zwischen 2000 und 3000 Menschen entsprechen. „Externe Quellen sprechen in Hamm zur Pestzeit von nur noch sechs Familien“, sagt Wiesendahl. Vor diesem Hintergrund wäre die Aufgabe des Brunnens und eine Entvölkerung der Stadt aus seiner Sicht nachvollziehbar.

Dafür, dass es so etwas wie eine „tote Zeit“ im Stadtkern gegeben haben könnte, hatten die Archäologen an der Widumstraße bereits vor dem Brunnenfund Indizien angetroffen. Großflächig war hier aus unbekanntem Grund in vergangener Zeit Boden abgetragen worden – ungewöhnlich für eine zentrale, eigentlich begehrte Lage.

Die Baulücke gegenüber der Volksbank in der Hammer Innenstadt ist geschlossen. Auf dem einstigen Parkplatz neben der Tanzschule Pape-Eicker/Schmidt ist ein dreigeschossiges Bürogebäude der Ippen-Stiftung mit Staffelgeschoss entstanden.

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