Unternehmen beanspruchen viel Platz

Flächenfraß in Hamm bereitet Sorgen - Immer mehr Böden versiegelt

Besonders durch die Errichtung von Logistikzentren auf der grünen Wiese gehen auch in Hamm viele Grün- und Ackerflächen verloren. (Symbolbild)
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Besonders durch die Errichtung von Logistikzentren auf der grünen Wiese gehen auch in Hamm viele Grün- und Ackerflächen verloren. (Symbolbild)

Immer mehr Böden in der Stadt Hamm sind inzwischen versiegelt - auch und vor allem durch die Eingriffe von Firmen. Gleichzeitig geht immer mehr landwirtschaftliche Fläche verloren. Das bereitet Betroffenen und Fachleuten große Sorgen.

Hamm - Nach dem jüngsten Flächenbericht des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz (Lanuv) betrug der Verlust landwirtschaftlicher Fläche 2019 landesweit täglich 19 Hektar, parallel wuchsen Siedlungs- und Verkehrsflächen um 8,1 Hektar. „Auch in Hamm ist das ein massives Thema“, sagt Petra Drees-Hagen, Sprecherin für den Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband: „Besonders durch die Errichtung von Logistikzentren auf der grünen Wiese gehen viele Grün- und Ackerflächen verloren.“ Waren im Jahr 2016 noch 125,5 Hektar landwirtschaftliche Flächen in Hamm verzeichnet, lag die Zahl zum Jahresanfang bei etwa 119,3 Hektar. Dabei machen Ackerflächen den Großteil vor Grünland und Weideflächen aus.

Gerade am Rande des Ruhrgebiets wächst der Druck bei Wirtschafts- und Siedlungsflächen. „Der Flächenverbrauch ist seit Jahren dramatisch. Fruchtbarer Boden ist ein knappes und nicht vermehrbares Gut“, sagt dazu Hans-Heinrich Wortmann, der Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Ruhr-Lippe, zu dem auch Hamm gehört. Er mahnt einen sensiblen Umgang mit gutem Ackerboden und der Natur an und erläutert: „Rechnet man die letzten Jahre und Jahrzehnte um, verschwinden stündlich allein in Hamm mehr als 50 Quadratmeter fruchtbaren Bodens von der Bildfläche.“

Der anhaltend starke Verbrauch von landwirtschaftlichen Flächen durch die Ausweisung von Gewerbe- und Baugebieten, Infrastrukturprojekten und Ausgleichsmaßnahmen sei für die Landwirtschaft zu einem ernsten Problem geworden, so Wortmann. Er führt weiter aus: „Wir fragen uns, wie künftig auf einer schrumpfenden Fläche gleichzeitig mehr Menschen mit Nahrungsmitteln versorgt, erneuerbare Energien erzeugt und dem Umweltschutz verstärkt Rechnung getragen werden soll.“

Appelle aus der Landwirtschaft

Wichtige Maßnahmen gegen den Flächenfraß seien: Vorrangig Industriebrachen statt neuer Gewerbegebiete nutzen, Innenentwicklung der Städte vor Außenentwicklung betreiben, für Ausgleichsmaßnahmen möglichst keine landwirtschaftlichen Flächen verbrauchen. „Wir brauchen ein Schutz für land- und forstwirtschaftliche Nutzflächen“, appelliert Wortmann.

Ein sensibler Umgang mit landwirtschaftlichen Flächen sei aus mehreren Gründen notwendig, so Wortmann weiter. Einerseits sollten die Städte und Gemeinden in der Region noch liebens- und lebenswert sein; dazu seien freie Flächen als Naherholungsgebiet unerlässlich. „Zudem haben uns gerade die vergangenen Jahre gezeigt, dass die Weltvorräte an Nahrungsmitteln bei steigendem Bedarf dramatisch geschrumpft sind und wir uns in Zukunft den verschwenderischen Umgang mit der wertvollen Ressource Ackerland nicht mehr werden leisten können“, mahnt Wortmann an. Das Gleiche gelte auch vor dem Hintergrund des notwendigen Einsatzes erneuerbarer Energien mit Blick auf Biomasse.

Landwirte verzichten auch bewusst

Allerdings gibt es bei vielen heimischen Landwirten auch einen bewussten Verzicht auf Ackerflächen. „Im vierten Jahr in Folge starten wir unsere Aktion ‚Blühendes Band durch Bauernhand’“, sagt dazu Wortmann.

Der Flächenverbrauch ist seit Jahren dramatisch. Fruchtbarer Boden ist ein knappes und nicht vermehrbares Gut.

Hans-Henrich Wortmann, Vorsitzende des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Ruhr-Lippe

Wie in den letzten Jahren schon, werden auch in diesem Frühjahr viele heimische Landwirte einen Streifen ihrer Felder nicht mit Ackerfrüchten bestellen, sondern dort eine Mischung aus verschiedenen Blühpflanzen aussäen. Wenn die Witterung mitspielt, startet die Aussaat der Blühstreifen in diesen Tagen. Noch dauert es etwas, bevor die Pflanzen keimen, wachsen und blühen, aber ungefähr ab Juni wird es auf den Feldern bunt werden.

Gutes Gesetz, schlechte Folge

Dass eine gut gemeinte Gesetzgebung in Sachen Naturschutz sich ins Gegenteil verkehren kann, wurde kürzlich in Soest sichtbar. Dort hatte ein Landwirt Grünland umgepflügt, um es für eine weitere Verwendung als Ackerfläche zu sichern. Denn das Grünlandumbruchverbot, das die EU im Jahr 2013 festsetzte, bestimmt, dass auf einem Grasacker nach fünf Jahren eine andere Ackerkultur angebaut werden muss, danach wird die Fläche automatisch zum streng geschützten Dauergrünland. Für den Bauern wäre die Fläche als Ackerland verloren gegangen.

Dem Landwirtschaftsverband sind rund um Hamm keine ähnlichen Fälle bekannt. Aber man geht dort davon aus, dass die Landwirte ihre Flächen genau im Blick behalten. So gebe es beispielsweise eine EU-Förderung für die Anlage von Streuobstwiesen – doch viele Betriebe scheuen sich, sie anzulegen, weil sie auf lange Sicht eine Gebäudeerweiterung oder andere Pläne verhindern würden. „Da verkehrt sich eine gute Idee dann ins Gegenteil“, so Petra Drees-Hagen.

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