Kein Rad rutscht in Rille: Hammer Firma sorgt für Sicherheit an Gleisen

Das VeloGleis aus Hamm: Helmut Klein, links, Standortmanagement) und Nicola Klein (Geschäftsführer) zeigen ein Demonstrationsgleis im geschlossenen Kasten. Das Gummiprofil auf der rechten Seite wird vom Radreifen der Bahn zusammengedrückt. Auf der linken Seite dient ein weiteres Profil zum Ausfüllen der Rille.
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Das VeloGleis aus Hamm: Helmut Klein, links, Standortmanagement) und Nicola Klein (Geschäftsführer) zeigen ein Demonstrationsgleis im geschlossenen Kasten. Das Gummiprofil auf der rechten Seite wird vom Radreifen der Bahn zusammengedrückt. Auf der linken Seite dient ein weiteres Profil zum Ausfüllen der Rille.

Zwischen Bahnschienen zu geraten, ist der Horror für Fahrradfahrer. Schnell bleiben die schmalen Reifen in den Rillen stecken, und ein Sturz endet oft genug mit schweren Verletzungen. Das im Hammer Norden ansässige Unternehmen Künstler Bahntechnik hat die Lösung entwickelt und patentieren lassen: das „VeloGleis“.

Hamm-Norden – Dabei werden die offenen Spurrillen rechts und links der Schiene mit Profilen aus Naturkautschuk vollkommen ausgefüllt. So entsteht eine geschlossene und ebene Fläche, die auch parallel zur Schiene gefahrlos befahren werden kann.

Rollt eine Bahn darüber, drückt sie den exakt berechneten Hohlraum im Inneren des Profils mit ihren Spurrädern zusammen. Das funktioniert auch in Kurven und in Weichen.

Gewährleistung von bis zu 99 Jahren

Die Schienenkonstruktion liefert Künstler Bahntechnik, die Kautschuk-Komponente kommt vom Partnerunternehmen SEALABLE (ehemals Dätwyler) aus Thüringen. Das ist ein renommierter Hersteller für Tunneldichtungen.

Hier werden Gewährleistungszeiträume von bis zu 99 Jahren gefordert. Mit ihm arbeitet das Hammer Unternehmen bereits bei der Isolierung von Schienen zusammen. „Wir sind der erste und bislang einzige Anbieter einer solchen Lösung“, sagt Geschäftsführer Nicola Klein. „Und zwar weltweit.“

Das patentierte VeloGleis noch unbekannt 

Für das Unternehmen ist das „VeloGleis“ noch ein Nischenprodukt. Den Umsatz macht Künstler Bahntechnik vor allem mit dem Bau von Weichen und Schienen für Nahverkehrsbetriebe, die Straßenbahnen betreiben. Allein in Deutschland gibt es mehr als 50 davon. Die meisten haben unterschiedliche Standards und Spurweiten, fahren mit verschiedenartigen Rädern. „Da gibt es keine einheitliche Norm, sondern es sind immer Speziallösungen nötig. Das ist historisch so gewachsen“, sagt Klein.

Für das VeloGleis sieht er ein riesiges, weltweites Potenzial. Jeder Verkehrsbetrieb in Deutschland, der eine Straßenbahn betreibt, habe sicher zehn Gefahrenpunkte, zum Beispiel auf großen Kreuzungen oder an Haltestellen, macht er die Rechnung auf.

Das Gummiprofil auf der rechten Seite wird vom Radreifen der Bahn zusammengedrückt. Auf der linken Seite dient ein weiteres Profil zum Ausfüllen der Rille.

Zwei Jahre Entwicklungsvorsprung

Auf Europa oder gar den Weltmarkt hochgerechnet, ist da eine kaum absehbare Entwicklung möglich. Und zum einen habe man mit diesem patentierten Nischenprodukt jetzt mehr als zwei Jahre Entwicklungsvorsprung. Zum andern sei man damit zur richtigen Zeit auf dem Markt, denn die Mobilität auf zwei Rädern nehme gerade durch die E-Bikes und die Umweltdiskussion stetig zu.

Vorgestellt hat Künstler Bahntechnik die Idee und ein erstes Modell im Jahr 2018 auf der Messe InnoTrans, der internationalen Leitmesse für Verkehrstechnik in Berlin. Es folgte ein Marathon von Tests und Zulassungen, bevor das VeloGleis im Herbst 2019 serienreif war. Bei der Entwicklung wurde auch darauf geachtet, dass das System mit Schwellen und Spurstangen verwendbar und einfach zu warten ist. Ebenso ist ein schneller Schienenwechsel möglich, sodass die Unterhaltskosten klein gehalten werden.

In Basel wurden die Gleise getestet

Erster Abnehmer waren 2019 die Basler Verkehrsbetriebe, die es in einen 54 Meter langen Haltestellenbereich einbauten. In Basel fanden die umfangreichen Tests unter allen erdenklichen Bedingungen statt. In diesem Jahr folgten die ersten Kunden in Deutschland: Die Henkel AG (Werksbahn) und die Kölner Verkehrsbetriebe.

Inzwischen gibt es die ersten Langzeiterfahrungen. Rund 350.000 Überfahrungen durch die Bahn verursachen einen Verschleiß von etwa 1,5 Millimetern. Auf verkehrsreichen Strecken dauert das rund ein Jahr. Erst ab acht bis zehn Millimetern Verschleiß fühlen sich Fahrradfahrer wieder unsicher.

Zudem gibt es positive Rückmeldungen, dass auch andere Verkehrsteilnehmer, für die das VeloGleis nicht konstruiert wurde, davon profitieren: Menschen mit Rollatoren und Rollstühlen, Eltern mit Kinderwagen oder Scooter-Fahrer. Denn wer es im rechten Winkel quert, spürt keine Unebenheit mehr. Gerade Menschen mit Gehbehinderung gib das mehr Sicherheit.

Unfallursache Bahngleis

Bei einem Winkel kleiner als 36 Grad ist die Unfallgefahr beim Kreuzen von Gleisen besonders hoch. In Essen verunglückten im Vorjahr 43 Fahrradfahrer, weil sie in Bahngleise gerutscht waren. Wer rechts des Gleises fährt, ist an Haltestellen zwischen ihm und dem erhöhten Bordstein eingeklemmt, und entlang parkender Autos befindet sich der Radler gerade in dem Bereich, in den die Autotüren geöffnet werden.

Das universitäre Notfallzentrum am Berner Inselspital hat Fahrradunfälle ausgewertet und kommt zum Schluss, dass mehr als zehn Prozent von der Straßenbahnschiene herrühren.

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