Gasbohr-Geschäft für Stadtwerke mit Risiken - Finanzexperte warnt

Bohrturm Nordick Werne Regionalfoto Schütte
+
Auf dem Bohrplatz in Herbern laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren.

Hamm - Laufen die Stadtwerke Hamm nach dem finanziellen Desaster bei der Beteiligung am RWE-Steinkohlenkraftwerk in Uentrop Gefahr, sich bei der Beteiligung am Gasbohr-Geschäft erneut Verluste in Millionenhöhe einzuhandeln?

Der Finanzexperte Herbert Klawitter, der jahrzehntelang als Leiter der Kosten- und Erfolgsauswertung für Thyssen Draht und Thyssen-Schweißtechnik tätig war, hat sich die im Bundesanzeiger bisher veröffentlichten Bilanzen angesehen und wenige Tage vor der Ratssitzung am kommenden Dienstag Alarm geschlagen. Der 78-Jährige sieht genau diese negative Entwicklung kommen.

„Aus meiner Sicht fehlen in der Ratsvorlage wesentliche Informationen, die für Ihre Entscheidung notwendig wären“, schrieb Klawitter am Montag die Fraktionsvorsitzenden und Gruppensprecher im Rat an. Er habe anhand der zugänglichen Daten eine „betriebswirtschaftliche Analyse“ gemacht. Demnach habe das Eigenkapital der HammGas GmbH Anfang 2015 zu 82 Prozent von den Stadtwerken gestammt, obgleich sie nur einen Geschäftsanteil von 30 Prozent halten.

Der Brief zeigte im Rathaus sofort Wirkung. Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann machte die Warnung Klawitters noch am Montag im Ältestenrat zum Thema. Er habe das Schreiben an Stadtwerke-Geschäftsführer Jörg Hegemann weitergeleitet und um Stellungnahme gebeten. Außerdem habe er Hegemann gebeten, sich in der Ratssitzung zur Verfügung zu halten, um zu allen Frage Rede und Antwort zu stehen.

Ebenfalls noch am Montag bezog Stadtwerke-Chef Hegemann auf WA-Anfrage Stellung zu Klawitters Vorhalten: „Bei Gründung der HammGas in 2011 gingen die Erlaubnisflächen der einzelnen Projektpartner im Wege der Sacheinlage in die HammGas ein. In dem Maße wie die Stadtwerke nicht an Flächen beteiligt war, musste ein finanzieller Ausgleich in Höhe von 800 000 Euro geleistet werden.“ In den Folgejahren seien Kapitalerhöhungen von den Gesellschaftern anteilig getragen worden – 1 Million Euro im Jahr 2014, weitere 2,3 Millionen Euro in 2015- „Die Kapitalerhöhungen sind komplett eingezahlt“, sagte Hegemann. Die Stadtwerke hätten davon ihren 30-prozentigen Anteil in Höhe von 990.000 Euro eingebracht.

„Sacheinlagen in Bilanz nicht zu finden“

Klawitter bezweifelt das: Wenn die Stadtwerke 800.000 Euro als Ausgleich für Sacheinlagen der Partner gezahlt hätten und das dem Anteil von 30 Prozent entsprochen habe, dann hätten die Partner 1,9 Millionen Euro an Sacheinlagen (70 Prozent) einbringen müssen. „Diese Sacheinlage müssten sich nach den Regeln der doppelten Buchführung auf der Aktivseite der Bilanz im Anlagevermögen und auf der Passivseite auf einem Eigenkapitalkonto niederschlagen“, sagte Klawitter. Nach dem Bilanzrecht müssten die Beträge auch in den Bilanzen nach 2011, also auch in 2014 auftauchen. „Das ist jedoch nicht der Fall. Danach sind die Sacheinlagen der Partner gar nicht geleistet worden, aber die Stadtwerke haben einen Ausgleich gezahlt.“

„Hier muss der Rat intensiv nachhaken“, sagte Klawitter. Ihm gehe es darum, „weitere Schäden und Verluste für die Hammer Bürger zu verhindern.“

Nach seiner Rechnung seien die Partner der HammGas Anfang 2015 bereits mit 3,5 Millionen Euro im Rückstand gewesen. Auffällig sei außerdem, dass die HammGas in der Bilanz 2014 unter Rücklagen zwei Posten angegeben habe – einen mit minus 0,9 Millionen Euro, einen mit plus 0,9 Millionen Euro. „Dass Rücklagen auch negativ sein können, ist für mich ein Novum“, so Klawitter.

Hier klicken für weitere Berichte rund ums Thema

Hegemann dazu: Bei der Negativzahl handle es sich um einen Verlustvortrag der Kommanditisten in Höhen von 902.000 Euro, die mit den Eigenkapitalkonten verrechnet worden seien. Das sei gesetzeskonform. „Ein Jahresabschlussprüfertestat liegt vor“, so Hegemann.

Klawitter weist auch darauf hin, dass die PVG GmbH, die den größten Geschäftsanteil an der HammGas hält, im Bundesanzeiger bis heute noch nicht die Bilanz für 2014 veröffentlicht hat, obwohl sie dazu bis zum 31.12.2015 verpflichtet war. Auffällig sei, dass die PVG-Bilanz 2012 mit einem negativen Eigenkapital von 212.000 Euro endete. Eine Firma mit Negativkapital ist überschuldet und muss nach geltendem Gesetz Insolvenz anmelden. „Man muss befürchten, dass die jetzt überfällige Bilanz wieder sehr schlecht ist, sonst würde man sie ja veröffentlichen.“

Stadtwerke-Chef Hegemann sagte hingegen über die PVG: „Im Übrigen hat die PVG zum 31.12.2015 höhere Bareinlagen geleistet als die Stadtwerke.“ Klawitter hält das für keine Besonderheit: „Nach den Beteiligungsverhältnissen musste PVG schon immer mehr als doppelt so viel wie die Stadtwerke bezahlen.“ In den bisher veröffentlichten Bilanzen von PVG von 2009 bis 2012 sei das Kapital immer negativ gewesen.

Normalerweise hätte zu der Zeit eine Insolvenz angemeldet werden müssen. In der Bilanz für 2013 sei dann eine schwarze Null ausgewiesen worden. Woher aber eine größere Geldsumme, die Ende 2015 eingezahlt worden sein soll, stamme, sei fraglich. Hegemann nenne auch keinen Betrag. „Die gewählten Ratsmitglieder sind gut beraten, sich dazu einmal die Kontoauszüge zeigen zu lassen.“

Ein weiterer Knackpunkt des Gasgeschäfts ist für Klawitter die in seinen Augen fehlende, belastbare Wirtschaftlichkeitsberechnung: „Eine 10-Millionen-Euro-Investition ohne Wirtschaftlichkeitsberechnung für Return on investment wäre in einem normalen Wirtschaftsunternehmen undenkbar.“ Erst nach der zweiten Probebohrung im Jahr 2016 wolle HammGas nach eigenen Angaben die Wirtschaftlichkeit prüfen. „Inzwischen haben sich die wirtschaftlichen Verhältnisse beim Gasbohren so gravierend geändert, dass in Amerika bestehende Anlagen wegen mangelnder Rentabilität stillgelegt werden.“

Die von der PVG eingebrachten Patente vom Bergbau lieferten offenbar nicht einmal die Basis für die Fördermenge in einer Wirtschaftlichkeitsberechnung. Hegemann konterte: „Zu jedem Entscheidungszeitpunkt lag eine Wirtschaftlichkeitsbetrachtung vor. Bis heute mussten die Prämissen zwar angepasst werden; sie geben jedoch keinen Anlass, die erste Bohrung nicht auszuführen.“

Hegemann nennt aber auch dazu keine belastbaren Zahlen. „Bei meinen früheren Arbeitgebern hätte es vom Aufsichtsrat ohne Wirtschaftlichkeitsberechnung keine Investitionsgenehmigung gegeben, – erst recht nicht für eine Investition von 10 Millionen Euro“, sagte Klawitter. Die Verantwortlichen im Rat seien gut beraten, vor Genehmigung weiterer Gelder auch die bislang vorhandenen Wirtschaftlichkeitsberechnungen einzusehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare