Messer zücken für den Frühlingsgruß

In „Ferdinands Blumenparadies“ locken Narzissen und Tulpen Selbstpflücker

Tulpe am Stiel halten, Messer gleich über der Krume ansetzen: Ferdinand und Johanna Schulze Froning hoffen auf viele Nachahmer.
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Tulpe am Stiel halten, Messer gleich über der Krume ansetzen: Ferdinand und Johanna Schulze Froning hoffen auf viele Nachahmer.

„Tulpen aus Amsterdam“ – das ist Generationen ein Begriff. Aber man muss gar nicht zu den Nachbarn mit dem grünen Daumen reisen, um sich an diesen bunten Frühlingsboten zu erfreuen. An gleich zwei Stellen in Hamm haben Blumenfreunde die Gelegenheit, Tulpen und mehr feldfrisch zu bekommen – und sie selbst zu ernten.

Werne/Hamm – In Berge an der B 63 hinter der Aral-Tankstelle ist „Ferdinands Blumenparadies“ aus dem Boden geschossen. Ebenfalls an der B 63, allerdings stadtauswärts in Heessen, befindet sich ein weiteres Feld für Selbstpflücker.

Begonnen hat Ferdinand Schulze Froning junior 2018 mit einem ersten Blumenfeld für Selbstpflücker am Kreisel Nordlippestraße/Capeller Straße in Werne. Mittlerweile lädt er an sechs Standorten in der Region Blumenfreunde zum Selbstpflücken ein – seit vergangenem Jahr auch in Berge und Heessen auf einem Feld von jeweils einem halben Hektar.

Unschwer auszumachen sind sie am strahlenden Gelb der Narzissen, die als Frühstarter dem aktuellen Temperatursturz prächtig trotzen. Fast 30000 Tulpen recken allein am Zubringer in Werne die Hälse in die Höhe.

Vertrauenskassen auf Feldern

Anders als im Spargelbau müssen sich Ferdinand (29) und Ehefrau Johanna (26) Schulze Froning um die Einreise für Erntehelfer in der Corona-Krise nicht sorgen. Ihre Kolonnen sind sowieso im Land, denn hier bedient sich der Kunde selbst. „Wir haben hier eine Vertrauenskasse“, sagt der Landwirt vom elterlichen Hühnerhof am Froningholz.

Nun ist es mit dem Vertrauen so eine Sache. 30 Cent kostet die selbst geschnittene Narzisse, 50 eine Tulpe, und wenn später Sonnenblumen und Gladiolen blühen, sollen die Selbstpflücker 80 Cent pro Stück in die Kasse einwerfen. Damit die nicht Zeitgenossen lockt, die sich allein für deren Inhalt interessieren, nicht aber für die Blütenpracht, hat Schulze Froning in das Vertrauen viel Gewicht gelegt. Die Stahlkassette ist in einem selbst gegossenen Betonklotz verankert, das Ganze ohne schweres Gerät gar nicht zu bewegen.

„Natürlich zahlen nicht immer alle, das ist Teil des Konzepts. So wie ich einkalkulieren muss, dass ich nicht alles verkaufen kann“, erzählt der Werner. „Zehn Prozent pflanze ich als Marketing, 30 Prozent gehen nicht an, der Rest kann Ertrag bringen.“

Gute Erfahrung bei der Zahlungsmoral

In puncto Zahlungsmoral machen Schulze Fronings durchaus positive Erfahrungen. „Wir finden manchmal Zettel“, berichtet Ehefrau Johanna, „da entschuldigen sich die Leute, dass sie nicht genug Geld dabei hatten und beim nächsten Mal nachzahlen würden.“

Selbst aus dem Tulpen-Eldorado hat sich wer gemeldet: „Ein Holländer hat mich auf Facebook angeschrieben und mitgeteilt, dass er hier Blumen geschnitten hat, die er nicht bezahlen konnte“, erzählt Ferdinand. „Er hat dann nach der Kontonummer gefragt und die vier Euro überwiesen.“

250 Messer für Blumenpflücker

Was sonst noch bei der Ernte zu beachten ist, steht in den Erläuterungen auf der Tafel über der Kasse. Dort finden Blumenfreunde auch ein Schälmesser, das sie – möglichst tief, wie der Fachmann betont – an den Stängel setzen können. 250 solcher „Hümmelken“ hat Schulze Froning im Umlauf. Auch hier gilt: Ein bisschen Schwund ist immer.

Froning hat mehrere Felder zum Selberpflücken

70 Kilometer stehen übrigens auf dem Tacho, wenn Ferdinand sein Paradies einmal abgefahren hat. 3,5 Hektar bewirtschaftet der Jungunternehmer insgesamt, neben der Keimzelle des Unternehmens in Werne und den beiden Feldern in Berge und Heessen gibt es drei weitere Standorte: an der Hammer Straße (Höhe Gersteinwerk) in Stockum, in Bergkamen-Heil an der Kapelle und am Kamener Karree.

Mal keine Bonpflicht: In die Vertrauenskasse werfen Kunden ohne Kontrolle Geld ein. Sie ist tonnenschwer.

„Das A und O ist eine viel befahrene Straße“, erläutert der Jungunternehmer. „Ich brauche aber auch Parkmöglichkeiten, am besten eine richtige Zufahrt. Wenn die Kunden nur auf der Bankette stehen, gibt’s Ärger.“

Blumenliebhaber in Zeiten von Corona

Gleichwohl merkt der junge Unternehmer aber klare Unterschiede zwischen seinen Standorten. „Jetzt in Corona-Zeiten sind weniger Autofahrer unterwegs. In Berge und Heessen halten vor allem Pendler an und nehmen nach der Arbeit ein Sträußchen auf dem Heimweg mit. Das sind derzeit weniger als im vergangenen Jahr“ , sagt Ferdinand Schulze Froning. Zuhause in Werne liege das Feld keine 500 Meter vom Ortsausgang. „Da kommen auch Spaziergänger vorbei.“

Mehr Blumenvielfalt und mehr Fläche

Nicht nur die Anbaufläche, auch die Blumenauswahl vergrößert er, um das Saisongeschäft bis zum ersten Frost auszuweiten. Herbst-Chrysanthemen sollen hinzukommen, fürs Frühjahr ‘21 Pfingstrosen. Nach Narzissen und Tulpen kommen jetzt aber erst mal ab Ende Mai Gladiolen und Sonnenblumen aus der Erde und Ende Juli Dalien.

Start mit Schnittblumen

Angefangen hatte Schulze Froning vor zwei Jahren noch mit vielen Schnittblumen. Die aber hätte er wegen der Trockenheit sehr viel wässern müssen und deshalb jetzt von flachwurzelnden Schnittblumen auf Blumen mit Knollen und Tiefwurzler umgestellt.

Denn das Blumengeschäft ist ein Standbein, aber keine Existenzgrundlage. Damit es wirtschaftlicher wird, hat der Landwirt für die langen Reihen Sonnenblumen gerade eine Sämaschine hergerichtet. „Die ersten Blumen habe ich hier mit der Hand gepflanzt“, sagt Schulze Froning – und der Blick lässt keinen Zweifel, dass das bisschen Bücken beim Schneiden nichts dagegen ist.

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