Hammer Polizisten-Schicksal schlägt weiter hohe Wellen

Fall Klischat ein Jahr später: "Vater Staat hat seine Söhne vergessen"

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Versetzt in den Ruhestand: Herbert Ö. erhielt dieses Schreiben im Januar 2003 per Post. Das Dokument und der Briefbeschwerer der Schutzpolizei Hamm, dem ihm einst die Kollegen schenkten, sind die einzigen Erinnerungsstücke an seine Dienstzeit.

Hamm - „Karriere-Aus und keine Lobby“: So überschrieb des Westfälische Anzeiger vor einem Jahr die leidvolle Geschichte des Hammer Oberkommissars Markus Klischat, der am 4. September 2010 von einem psychisch kranken Mann auf der Hauptwache angegriffen und zum Invaliden geschossen wurde.

Klischats jahrelanger Kampf mit der Justiz, seinem Dienstherrn und seiner Unfallversicherung bewegte in der Folge die Gemüter in weiten Teilen NRWs. Weitere Polizisten, die im Dienst ebenfalls Opfer brutaler Übergriffe geworden sind, meldeten sich in der Redaktion. Sie alle äußerten den Wunsch nach einem anständigen, fairen und gerechten Umgang durch Vorgesetzte und sonstige Beteiligte.

Monatelang tat sich nichts, bis Mitte November 2016 doch Bewegung in die Angelegenheit kam, als Ministerpräsidentin Hannelore Kraft verkündete, dass das Land NRW bei Schmerzensgeldansprüchen von Landesbediensteten künftig in Vorleistung treten werde. Für Markus Klischat und seine Leidensgenossen wird dies zu spät kommen – und nicht nur das: Ihre Schicksale werden – Stand heute – von der neuen Regelung gar nicht erst erfasst.

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Gezeichnet von dem Überfall auf der Wache: Markus Klischat am 4. September 2010.

Wieder ist es Herbst geworden. Zum sechsten Mal, seit jenem Schicksalstag. Zwei Schusstreffer am Kopf, sieben weitere Verletzungen durch stumpfe Gewalteinwirkung und noch weitere durch Abwehrhandlungen: Markus Klischats Trommelfell zerplatzt am 4. September 2010 wie die Hülle eines Luftballons. Multiple Hämatome im Kopf- und Gesichtsbereich trägt er davon, als er 40 Minuten in der Gewalt eines Psychopathen steht. Sechsmal feuert der 41-jährige Mann aus Kasachstan aus nächster Nähe in Richtung des Polizistenkopfes. Der Geiselnehmer will ein Fernsehteam auf der Wache sehen, um über die angeblich mafiösen Strukturen bei seinem Arbeitgeber aufzuklären. Später, vor Gericht, wird er behaupten, dass er Klischats Dienstwaffe wollte, um sich mit der P99 ins Jenseits zu befördern.

Bekanntlich überlebt der Oberkommissar den Überfall aufs Präsidium an der Hohen Straße. Die Waffe des Angreifers, der schließlich aufgibt und verhaftet wird, war eine Gaspistole. Wegen der kurzen Distanz hätten aber auch die Schüsse damit tödliche Folgen haben können.

Für seine Tat wandert der 41-Jährige nicht ins Gefängnis. Schuldunfähig sei er an jenem Tag gewesen, urteilen die Richter am Dortmunder Landgericht im folgenden Januar. Es ist der nächste Niederschlag für Markus Klischat, und viele weitere werden noch folgen.

In der Persönlichkeit ist nichts mehr wie es war

Hier im Hammer Polizeipräsidium kam es am 4. September zu dem folgenschweren Übergriff auf den Polizisten Markus Klischat.

Für den heute 54-Jährigen wird der 4. September 2010 der letzte Arbeitstag im Polizeidienst werden. Rasch heilen zwar seine äußerlichen Wunden, doch tief in seiner Persönlichkeit ist nichts mehr wie es einmal war. Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) nennt die Wissenschaft das Phänomen, das in seinem Innern von Monat zu Monat stärker wütet. Klischat traut sich nicht mehr unter Menschen, kann sich auf nichts mehr konzentrieren und wird von Alpträumen und Angstattacken geplagt. Zu gern würde er zurück in seine Wachdienstgruppe, doch es geht nicht mehr.

Fast fünf Jahre wird er dafür kämpfen müssen, ehe das Verwaltungsgericht Arnsberg im April 2015 den Übergriff auf der Wache als einen qualifizierten Dienstunfall anerkennt und seine Pensionszahlungen damit nach der Besoldungsgruppe A12 und nicht, wie das Land es will, nach A10 berechnet werden. Schmerzensgeld bekommt er keins vom Täter, und auch seine private Unfallversicherung weigert sich bis heute, die fällige Prämie für die erfahrene Berufsunfähigkeit zu zahlen.

Noch immer ist in dieser Angelegenheit ein Rechtsstreit vor dem OLG Hamm anhängig. Wieder einmal unterstellt man Klischat Simulantentum und jagt ihn durch die Behandlungszimmer der so genannten Fachgutachter. „Und am Ende wird auch dabei nichts herauskommen“, gibt sich der Ex-Polizist seit längerem pessimistisch. „Aufgeben“ würde er am liebsten, „endlich einen Schlussstrich ziehen können“, wie er sagt. Der ständige Rechtfertigungszwang gegenüber Ärzten, Dienstherren und Juristen hat ihn zermürbt – und das hat offenbar System...

30. Juli 1992: Der Fall Herbert Ö.

Es ist der 30. Juli 1992, ein strahlend warmer Tag mit Temperaturen um die 30 Grad. Herbert Ö. ist Kriminalhaupkommissar und ebenfalls in Hamm beschäftigt. An jenem Donnerstagmittag kehrt der damals 47-Jährige von einer Streifenfahrt zurück. Ö. sitzt auf dem Beifahrersitz, der Kollege neben ihm steuert den Dienst-Passat an der Hohen Straße auf die Hofeinfahrt des Präsidiums zu. Nichts deutet auf das folgende Unheil hin.

Eine junge Frau steht rechts neben der Einfahrt. Sie trägt ein Sommerkleid und winkt den Beamten zu – so als wolle sie eine Auskunft haben. Herbert Ö. kurbelt die Seitenscheibe herunter und spricht die Frau an. „Wie kann ich weiterhelfen...?“

Eine Antwort bekommt er nicht. Stattdessen holt die Unbekannte einen Revolver hervor und zielt direkt auf den Kopf von Herbert Ö. Sie meint es offensichtlich ernst. Der Beamte versucht, seine Dienstpistole zu ziehen, doch der Sicherheitsgurt von seinem Sitz spannt sich direkt über das Holster. Er kommt nicht an die Waffe, versucht mit Rechts durchs Fenster nach der Frau zu greifen.

Die Kleidträgerin weicht einen Schritt zurück und spannt die Waffe. Ö. hat zum ersten Mal in seinem Leben Todesangst. „Mir war klar: Wenn der Hahn nach vorne schlägt, trifft das Projektil in den Kopf, und du erleidest tödliche Verletzungen“, wird er 17 Jahre später in einer Petition an den NRW-Landtag schreiben. Vor seinem geistigen Auge laufen in jenen Sekunden die wesentlichsten Punkte seines Lebens ab. Wie in einem Film. „Er zeigte meine Ehefrau und meinen Sohn, die ich in diesem Augenblick zu verlieren glaubte.“

Angreiferin wollte erschossen werden

Es macht „Klick“, doch es löst sich kein Schuss. Eine Fehlzündung? Irgendwie gelingt es dem Hauptkommissar, sich vom Sicherheitsgurt zu befreien und aus dem Passat zu stürmen. Die Frau zielt immer noch auf ihn, will erneut abdrücken. Herbert Ö. kann die Schützin zu Boden ringen. Der Revolver fällt aufs Pflaster. Aus dem Präsidium naht Verstärkung und klärt die Lage.

Wenig später wird sich herausstellen, dass die Waffe eine Attrappe war. Die Angreiferin war psychisch krank. Sie wollte an jenem 30. Juli von der Polizei erschossen werden.

Markus Klischat im Herbst 2015.

Der Vorfall wird nicht dienstunfallrechtlich untersucht. Herbert Ö. ist am nächsten Tag wieder im Einsatz, denn ihm ist ja nichts passiert. Zunächst bemerkt er nicht, dass er innerlich beständig abbaut. Im Lauf der Zeit isoliert er sich von Freunden und Bekannten, kann nicht mehr durchschlafen und seine Waffe bei den routinemäßigen Schießübungen nicht mehr ruhig halten. Die Symptome sind ähnlich wie bei Markus Klischat. Sechs Jahre irrt er wie im Nebel durch das Leben und quält sich Tag für Tag zum Dienst. „Begriffe wie Trauma oder Posttraumatische Belastungsstörungen waren mir einfach nicht bekannt“, sagt er rückblickend.

Mehrere Klinikaufenthalte folgen, bei denen seine Probleme nicht ergründet werden. Herbert Ö. fühlt sich völlig ausgebrannt, weiß aber nicht warum. Auch die Ärzte finden keine Lösung, wissen nicht, wonach sie suchen sollen.

Der Groschen fällt erst im September 2000, bei einer Fortbildungsveranstaltung des Weißen Rings zum Thema Opferschutz. Herbert Ö. und die übrigen Teilnehmer – allesamt Polizisten – sollten hier im Umgang mit traumatisierten Opfern von Straftaten geschult werden. Als der Gruppe von einem Psychologen erklärt wird, was ein Trauma ist, stockt Herbert Ö. der Atem: „Hier wurde genau das beschrieben, was ich am 30. Juli 1992 am eigenen Leib erlebt hatte.“

Die Ursache des seelischen Dauertiefs ist klar

Ö. spricht mit dem Psychologen und fertigt noch am gleichen Abend eine Dienstunfallmeldung über den 1992er Zwischenfall. Nach Tagungsende begibt er sich auf den Rat des Fachmanns hin in psychotherapeutische Behandlung. Die Ursache seines seelischen Dauertiefs wird auch hier bestätigt: Es liegt an der Frau mit dem Revolver...

Ein mehrwöchiger Aufenthalt in einer Traumaklinik folgt im Januar 2001. Im März ergeht das erste Gutachten. Ergebnis: „Polizeidienstunfähigkeit mit einer Minderung der Erwerbsfähigkeit von 50 Prozent“.

Polizeipräsidentin Helga Fahlberg erörtert dem inzwischen 58-jährigen Kommissar, dass sie für ihn eine vorzeitige Zurruhesetzung beantragen werde. Die Anerkennung des Dienstunfalls lehnt sie hingegen ab – was erhebliche Einbußen bei den Pensionszahlungen für Herbert Ö. zur Folge haben würde.

Schlimmer als der finanzielle Verlust wiegt jedoch der Eindruck, den Ö. in diesen Tagen seiner Person gegenüber entgegengetragen sieht und der sich wie ein roter Faden durch das nun folgende Verwaltungsstreitverfahren ziehen wird: „Dieser Beamte ist ein Simulant!“

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