Fall Thomas Ewers

Jetzt sitzt das vermeintliche Opfer auf der Anklagebank

+
Thomas Ewers verfolgte mit seinem Anwalt Dr. Michael von Glahn als Nebenkläger den Prozessauftakt.

HAMM/DORTMUND - Als Thomas Ewers vor zwölf Jahren wegen Vergewaltigung zu sechs Jahren und acht Monaten Gefängnis verurteilt wurde, interessierte sich kein Fernsehsender für den Fall des heute 45-jährigen Hammers. Das ist jetzt völlig anders.

Von Frank Lahme

Die Beweislage schien damals eindeutig, niemand zweifelte an der Aussage seines jungen Opfers – wohl auch deshalb, weil Ewers ein stattliches Vorstrafenregister vorzuweisen hatte.

Lesen Sie zum Thema auch:

- Freispruch für Thomas Ewers nur eine Frage der Zeit

- Fall Thomas Ewers jetzt vor zwei Gerichten

- Falsche Verdächtigung: Ewers-Prozess kommt

- Justizopfer: Fall Ewers vor der Wiederaufnahme

-Zu Unrecht verurteilt: Thomas Ewers hofft wieder

Am Mittwoch surrten gleich ein Dutzend Kameras, als der Bockum-Höveler den Saal 23 des Dortmunder Landgerichts betrat – nicht als Täter, sondern als mögliches Opfer eines perfiden Komplotts, das seine Ex-Freundin damals mit ihrem vorübergehenden Lebensgefährten geschmiedet haben soll.

„Es stimmt nicht. Es ist alles erfunden“, sagt die heute 41-jährige Ex-Lebensgefährtin mit dünner Stimme. Ihr Gesicht hat sie hinter einer dunklen Sonnenbrille verborgen, während der Vorsitzende Richter die bis ins Jahr 1997 zurückgehenden Übergriffe in Erinnerung ruft.

Nein, Ewers habe sie nicht mit Handschellen an eine Heizung gekettet, sagt sie. Wenn er nicht seinen Willen bekommen habe, hätte es wohl mal Ohrfeigen gesetzt. Und er habe auch ihre Wohnungstür aufgebrochen, ihre Kleidung zerschnitten und sie splitternackt aus der Wohnung geworfen. All das, was 2002 zur Verurteilung führte, sei im Ansatz richtig dargestellt gewesen. Nur eines eben nicht: die Vergewaltigungshandlungen.

Das sei eine Idee ihres zwischenzeitlichen Lebensgefährten gewesen. Beinahe ein Jahr lang habe der heute 37-jährige Hammer auf sie eingeredet und die sexuellen Übergriffe für eine Verurteilung inszeniert.

„Er hat mir das eingetrichtert. Stundenlang, immer wieder“, sagt „Er hat mir das eingetrichtert. Stundenlang, immer wieder“, sagt die Frau, die sich nunmehr wegen mittelbarer Freiheitsberaubung vor der 35. Strafkammer verantworten muss.

Ewers habe ihr und ihrem Ex-Partner penetrant nachgestellt, sie am Telefon bedroht und an der Wohnungstür Sturm geschellt. Auch dann noch, als im November 2001 eine einstweilige Verfügung mit dem Inhalt, dass Ewers sich ihr nicht mehr hätte nähern dürfen, erwirkt worden war.

Weil das Stalking nicht aufgehört habe, sei sie im Dezember gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten – der als möglicher Anstifter zur Freiheitsberaubung seit Mittwoch ebenfalls auf der Anklagebank sitzt – zur Polizei gegangen.

„Ich wollte das gar nicht machen“, sagt die 41-Jährige über die Anzeige auf dem Revier – und dass sie damals mit einer Bewährungsstrafe für Ewers gerechnet habe. Verurteilt wurde Ewers zu sechs Jahren und acht Monaten Haft. Der überwiegende Teil dieser Strafe entsprang den Vergewaltigungshandlungen.

Bis zum letzten Hafttag musste der 45-Jährige seine Strafe verbüßen; er erhielt keine Vergünstigungen, weil er die Tat stets bestritt und deshalb als im Strafvollzug nicht kooperationsbereit galt.

Einige Monate nach seiner Entlassung offenbarte sich die 41-Jährige zunächst der Tochter, die sie gemeinsam mit Ewers hat. Daraus resultierte ein Brief, in dem sie die Vergewaltigungshandlungen widerrief und der letztlich das Strafverfahren gegen sie auslöste.

Seit immerhin vier Jahren hält die ebenfalls aus Bockum-Hövel stammende Frau nun an ihrer Version fest und hat sie mehrmals bestätigt – zuletzt am Montag vor dem Essener Landgericht, wo ein Wiederaufnahmeverfahren im Fall Ewers läuft.

„Ich hab’s die ganze Zeit vorgehabt. Aber ich habe nicht den Mut gehabt“, sagt die 41-jährige über ihr spätes Geständnis. Erst in 2009, nach der Trennung von ihrem mitangeklagten Ex-Partner, habe sie den Kopf dafür freigehabt.

Neben einer Verurteilung droht der Frau, die bis zur Anklageerhebung in 2011 eine monatliche Rente über 122 Euro nach dem Opferschutzgesetz bezog, auch ein finanzieller Verlust.

Der 37-jährige Mitangeklagte, der bis heute ein massives Drogenproblem hat, sagte nur eingangs des Prozesses aus. „Wir müssen eine Anzeige machen, sonst passiert das immer wieder“, waren seine Worte. Er habe die sexuellen Übergriffe für nicht erfunden gehalten. „Aber ich war ja nicht dabei.“ Das Urteil soll nach zwei weiteren Verhandlungstagen am 28. April erfolgen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare