Monatelang Akkord- statt Kurzarbeit

Corona-Boom fordert irren Tribut: Zweirad Stantze zieht die Notbremse

Ingo Schütte, Geschäftsführer von Zweirad Stantze in Hamm-Heessen.
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Keine Zeit für den Nachschub: An neuen Rädern mangelt es nicht bei Zweirad Stantze. Aber Geschäftsführer Ingo Schütte fehlen schlicht die Mitarbeiter, um der vielen Aufträge im „Fahrrad-Boom-Jahr“ 2021 Herr zu werden.

Mit dem Lockdown kam bei Ingo Schütte, Geschäftsführer bei Zweirad Stantze in Hamm, die Sorge, dass die diesjährige Saison eine schwierige werden könnte. Rückblickend hat sich diese Einschätzung bewahrheitet –aber auf eine völlig andere Art als befürchtet.

Hamm – Statt Kurz- stand Akkordarbeit an, weil die Kunden dem Fahrradhändler die Bude stürmten. Jetzt bleibt der Laden in Heessen zwei Wochen geschlossen – auch, um Liegengebliebenes aufzuarbeiten. „Wir kommen einfach nicht mehr hinterher mit der Arbeit“, sagt Schütte.

Über zu wenig zu tun kann der Fahrradhändler sich wahrlich nicht beklagen. „Nach den vier Wochen, in denen wir geschlossen hatten, ist ein Tsunami über uns weggerollt“, erinnert er sich. In der Form habe er damit nicht gerechnet. „Wir hatten erst richtige Sorgen, wie wir die Saison überstehen werden.“ Doch schon während des Lockdowns zeichnete sich ab, dass E-Bikes und „normale“ Fahrräder auf einmal deutlich gefragter sind als in den Jahren zuvor.

Schütte begann zum Beispiel mit Hausbesuchen, brachte dabei mehrere Räder per Fahrradanhänger mit. Auch Video-Chats waren auf einmal Teil des Arbeitsalltags. „Wir sind damit durch die Ausstellung gegangen und haben den Kunden so gezeigt, was für Modelle wir vorrätig haben“, berichtet der Unternehmer. Wirklich Werbung habe er für diesen Service schon gar nicht mehr gemacht.

Mit dem Ende des Lockdowns ging es dann – natürlich unter Einhaltung der Hygienebestimmungen, die dafür sorgen, dass zum Teil auch Kunden vor der Tür warten müssen – rasant weiter. Aktuell ist die Arbeitslast bei Zweirad Stantze so hoch, dass Schütte auf der Suche nach zwei neuen Fahrradverkäufern oder -verkäuferinnen ist. Die Suche gestaltet sich allerdings als nicht ganz einfach. Denn der Laden brummt nicht nur bei Schütte.

Corona-Boom bei Zweirad Stantze: Laden wie ein löchriges Gebiss

„Fahrradhändler, die dieses Jahr kein gutes Geschäft machen, machen irgendetwas Grundsätzliches falsch“, sagt er. Vielerorts würden Mitarbeiter für die Fahrradgeschäfte gesucht. „Da ist es dann natürlich schwierig, die passenden Leute zu finden.“ Auch darum wirkte und wirkt der Ausstellungsraum bei Stantze zuweilen so ausgedünnt, dass ein Kunde den Anblick gar mit einem löchrigen Gebiss verglich. „Wir haben noch genug Räder und Waren hier – aber wir kommen einfach nicht dazu, sie aufzubauen und auszustellen.“

Immerhin, in der Werkstatt ist eine Arbeitserleichterung in Sicht: Ab November bekommt das Team Unterstützung durch einen zweiten Meister. Doch auch dann kann es sein, dass Reparaturen sich länger hinziehen, als die Kunden das von Stantze gewohnt sind. Schuld daran sind nicht die Werkstatt-Mitarbeiter, sondern Nachschubprobleme. Viele Bauteile und Zubehör kommen aus Fernost. „Dort war die Produktion aber drei bis vier Monate deutlich herunter gefahren“, erklärt Schütte. Das Resultat sind nun zum Teil lange Wartezeiten auf Ersatzteile.

Corona-Boom bei Zweirad Stantze: Langes Warten auf neue Räder

Aber auch auf neue Fahrräder müssen die Kunden teils warten. „So etwas ist man überhaupt nicht gewohnt“, sagt Schütte. Auf einmal müssten die Händler ihren Kunden sagen, dass das bestellte – und teils schon angezahlte – Fahrrad erst einmal auf sich warten lasse. „Ihr Fahrrad kommt dieses Jahr nicht mehr“ – Aussagen, die in der Branche vor der Coronavirus-Pandemie kaum vorstellbar waren, die aber inzwischen dazu gehören, weil viele Menschen nach wie vor, wenn möglich, auf den öffentlichen Nahverkehr und Fahrgemeinschaften verzichten und in ihrer Freizeit in der Natur unterwegs sein wollen.

Dazu komme, dass es eine zeitlich eingegrenzte Saison in dem Sinne gar nicht mehr gebe. „Früher haben die Leute von Pfingsten bis etwa zum Ende der Sommerferien Fahrräder gekauft. Heute fängt das im Februar an und geht bis in den November.“

Wie gut bestückt Zweirad Stantze in die nächste Saison gehen wird, müsse sich indes zeigen. Die 300 bis 400 Fahrräder für das nächste Jahr seien – wie üblich – bereits bestellt. „Aber keiner weiß, ob er die bestellten Räder und das Zubehör auch bekommt. Die Produktion hängt ja hinterher.“ Bisher sei der Nachschub bei Stantze aber kein Problem: „Wir haben noch genug Fahrräder da.“ (Linda Ehrhardt)

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