Pflege weiter stärken

„Extreme Belastung“: Neuer Pflegedirektor wirbt trotz aktuell schwieriger Lage für Job als Krankenpfleger

Jörg Beschorner ist der neue Pflegedirektor des St.-Marienhospitals in Hamm
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Jörg Beschorner ist der neue Chef von 750 Mitarbeitern

Jörg Beschorner will als neuer Pflegedirektor im St.-Marienhospital das Team der Intensivstation weiter ausbauen. Die aktuelle Lage sei angespannt - aber die Arbeit in der Pflege mache Spaß.

Hamm – 750 Pflegekräfte im St.-Marien-Hospital haben einen neuen Chef. Anfang des Monats hat Jörg Beschorner den Posten übernommen. Beschorner ist 52 Jahre alt, verheiratet, hat zwei fast erwachsene Kinder und lebt in Lippstadt. Er sagt, die Pflege sei einer der schönsten Berufe, die man wählen könne. Und doch: „Die Situation ist aktuell extrem angespannt.“

Die Intensivstation im St.-Marienhospital ist fast voll. Ein Register zeigt, dass im Marienhospital an der Nassauer Straße keine Intensivbetten mehr frei sind, am Standort Knappenstraße nur noch wenige ohne die Möglichkeit zur invasiven Beatmung.

Mitarbeiter haben Angst, sich mit dem Coronavirus anzustecken

„Die Mitarbeiter stehen unter einer enormen Belastung“, sagt Beschorner: Das liege an der hohen Auslastung und daran, dass die Pflegekräfte die schweren Verläufe der Covid-19-Patienten beobachteten: bei alten, gebrechlichen ebenso wie bei jungen Menschen ohne Vorerkrankungen. Die Mitarbeiter hätten teils Angst, sich anzustecken.

In dieser kritischen Lage muss Beschorner dafür sorgen, dass die Organisation der Pflege funktioniert. Die Einarbeitung sei abgeschlossen, sagt er nach knapp drei Wochen an seinem neuen Arbeitsplatz. „Der Welpenschutz ist vorbei.“

Allerdings seien die Voraussetzungen für die Organisation gut, Corona zum Trotz. Er habe im Marienhospital hervorragende Strukturen vorgefunden, sagt er.

Viele Spezialisten unter den Pflegekräften

Als Pflegedirektor ist Beschorner dafür verantwortlich, dass auf jeder Station genau die Pflegekräfte arbeiten, die man braucht. Der Grad der Spezialisierung ist hoch. Im Marienhospital arbeiten unter anderem Spezialisten für Wunden, Diabetes, Geriatrie, Anästhesie und Psychiatrie. In den vergangenen Monaten lernten weitere Pflegekräfte, auch auf der Intensivstation zu arbeiten.

Und diese Spezialisten werden mehr, glaubt Beschorner. „Schon durch unsere Bevölkerungsstruktur werden wir mehr Pflegekräfte brauchen“, sagt er. Schließlich werden die Menschen im Durchschnitt älter, also auch häufiger krank – und brauchen dann die Hilfe der Pflegekräfte.

Doch wie Fachkräfte gewinnen, wenn die Schlagzeilen aus der Branche oft so negativ sind? Zahlreiche Zeitungen titelten in den vergangenen Jahren Schlagzeilen wie „Pflegekräfte schlagen Alarm“, die Deutsche Krankenhausgesellschaft warnt Jahr für Jahr, die Häuser seien unterfinanziert.

„Die Pflege ist ein unheimlich schöner Beruf“

Beschorner kennt diese Debatten. Er hat sein gesamtes Berufsleben in der Branche verbracht, 1986 mit seiner Ausbildung zum Krankenpfleger begonnen, seit 1996 in der Pflegedienstleitung, in den letzten 21 Jahren in Arnsberg. Die negativen Schlagzeilen, sie stören ihn. „Lange Zeit sind nur die Nachteile herausgestellt worden. Dabei ist das ein unheimlich schöner Beruf.“

Die Probleme bestätigt er dennoch: Seit das System der Fallpauschalen ab den frühen 2000ern eingeführt wurde, sei der Kostendruck in den Kliniken deutlich gestiegen. Schließlich erhalten sie Geld pro Diagnose, unabhängig davon, wie lange ein Patient tatsächlich der Behandlung bedarf. „Da ist auch an der Pflege gespart worden.“

Doch gerade in der jüngsten Zeit habe sich die Lage erstmals in seinem Berufsleben gebessert. „Die Politik hat das gut erkannt“, sagt Beschorner. „Das System wurde jetzt zum ersten Mal wieder geöffnet.“ So unterliegt die Pflege nun nicht mehr dem Fallpauschalensystem. Es wurde Geld bereit gestellt, um neue Mitarbeiter zu beschäftigten. Allein im Marienhospital gibt es 20 weitere Vollzeitstellen. „Das hilft“, sagt Beschorner.

Er sieht es als eine seiner größten Aufgaben an, Personal zu gewinnen – und es fällt ihm leicht, für den Beruf zu werben: „Ich mache das unheimlich gerne.“ Die Arbeit im Krankenhaus sei jeden Tag spannend. „Sie arbeiten in interprofessionellen Teams ständig zusammen und tauschen sich aus“, sagt er. Die Arbeit sei immer spannend, man habe viel mit Menschen zu tun. Zudem sei sie mit einem Einstiegsgehalt von etwa 3000 Euro gut bezahlt. „Natürlich gibt es auch ernste Themen, aber die gehören dazu.“

„Wir hätten gerne weniger Patienten“

Ernste Themen, so wie volle Intensivstationen. Kam der Lockdown zu spät? Beschorner zögert, bevor er die Frage beantwortet. „Wir hätten gerne weniger Patienten“, sagt er. Die Ressourcen seien ausgeschöpft. Insofern hätte es wohl nicht schaden können, früher darauf hinzuwirken, dass die Menschen ihre Kontakte reduzieren und so die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Doch konkrete Kritik an der Politik will er nicht äußern, sich lieber auf das konzentrieren, was möglich ist.

Zu Beschorners nächsten Aufgaben gehöre es, die Digitalisierung im Krankenhaus voranzutreiben, die Qualität in der Pflege zu sichern und das Personal aufzustocken: auch und gerade auf den Intensivstationen.

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