„Die Hoffnung stirbt zuletzt“

Existenz bedroht: Barbara Sander, Inhaberin des Sun-Reisebüros versucht trotz Corona optimistisch zu bleiben

Sieht ihre Existenz bedroht: Barbara Sander, Inhaberin des Sun-Reisebüros am Heessener Marktplatz, macht sich große Sorgen um ihre geschäftliche Zukunft.
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Sieht ihre Existenz bedroht: Barbara Sander, Inhaberin des Sun-Reisebüros am Heessener Marktplatz, macht sich große Sorgen um ihre geschäftliche Zukunft.

Nein, die Sonne scheint bei Barbara Sander schon länger nicht mehr, auch wenn es der Name ihres Reisebüros eigentlich anders vermuten lässt. Doch weil die Reisebranche einer der von Corona am stärksten betroffenen Wirtschaftszweige ist, bekommt die Inhaberin des Heessener „Sun Reisebüro“ die Auswirkungen immer stärker zu spüren.

Heessen – „Im Moment ist es ein Zuschussgeschäft“, sagt die existenzbedrohte Inhaberin. Doch das Schlimmste sei, dass keiner weiß, wann sich die Corona-Situation ändern wird.

Rückblick: Das Jahr begann sehr gut für die Unternehmerin: „Im Januar sah 2020 aus, wie eines der besten Jahre überhaupt“, erinnert sich Sander, die zunächst viele Flug- und Fernreisen sowie Kreuzfahrten verkaufte. Doch schon Ende Februar schwand die Reise- und Unternehmenslust vieler Kunden angesichts der Medienberichte über die Verbreitung des damals noch ganz neuen Coronavirus’ im Ausland. „Die Menschen haben sich Sorgen gemacht“, sagt Sander, die schließlich wie die rund 15 weiteren Reisebüros in Hamm auch am 18. März im Zuge des ersten Lockdowns schließen musste.

Weil sich die Situation auch in den folgenden Monaten nicht besserte, war die 65-Jährige gezwungen, ihr Ladenlokal zu verlassen und sich schweren Herzens von ihrer Mitarbeiterin zu trennen – zu hoch war die Miete, zu gering die Einnahmen. Die Vorsitzende der Heessener Werbe- und Interessensgemeinschaft erfuhr aber Unterstützung, die sie sehr zu schätzen weiß. So bot man ihr an, ihr Reisebüro im Modehaus „Lyko“ – das wie ihr bisheriger Standort ebenfalls am Heessener Markt liegt – zu verlagern. Der Deal: Wenn Barbara Sander gerade keine Kunden ihres Reisebüros betreut, hilft sie im Bekleidungsgeschäft aus. Doch dann kam im Dezember der erneute Lockdown und wieder musste sie ihr „Sun Reisebüro“ vorläufig schließen.

Rote Zahlen im „Sun Reisebüro“

Arbeit hat sie seither dennoch. Denn noch immer treten einige Kunden von ihren Reisen zurück. Durch die unsichere Situation aktuell kann Sander ihre Kunden verstehen, doch ergibt sich daraus ein großes Problem für sie. „Ich muss mich nicht nur um die Abwicklung von Reiserücktritten kümmern, sondern auch die Provisionen an die Reiseveranstalter zurückzahlen – und die habe ich sogar schon versteuert“, erklärt Sander das Problem. Unterm Strich macht sie derzeit also ein Minusgeschäft. „Aber wie soll ich das bezahlen, wenn ich doch keine Einnahmen habe?“, fragt sich Sander. Eine Antwort darauf hat ihr bislang noch niemand gegeben.

Enttäuscht von Land und Bund

Viele ihrer Gedanken drehen sich zurzeit ums Geld und ihre Zukunft. Denn auch einen Teil der Corona-Soforthilfe des Landes NRW wird Sander wohl zurückzahlen müssen – obwohl sie, wie viele andere auch, den Antrag zu anderen Bedingungen bewilligt bekam und dort nicht von einer Rückzahlung die Rede war. „Deshalb habe ich mich einer Interessengemeinschaft angeschlossen“, erzählt die 65-Jährige, die sich gegen die drohende Rückzahlung zusammen mit über 2000 anderen Mitgliedern und Anwälten wehren will. Weitere Coronahilfen möchte sie dagegen nicht mehr in Anspruch nehmen.

„Den Antrag für die Novemberhilfen müsste ein Steuerberater stellen – und der kostet etwa 1500 Euro“, erklärt Sander und zeigt sich enttäuscht von den vermeintlichen Hilfen von Land und Staat. Würde sie die Überbrückungshilfe nutzen, könnte sie nur die Fixkosten ihres Unternehmens zahlen. „Der Unternehmer selber muss seine privaten Kosten aus den Rücklagen begleichen oder Hartz IV beantragen“, erklärt Sander, sodass sie bei der Inanspruchnahme der Hilfen letztlich sogar draufzahlen würde.

Hoffnung auf Rückkehr zur Normalität

Klar und absolut nachvollziehbar ist, dass das Finanzielle und insgesamt die Geschehnisse der vergangenen Monate nicht spurlos an der Heessener Unternehmerin vorbeigehen. „Ich bin gereizt“, erklärt Sander, an der die Situation nagt – vor allem aufgrund der fehlenden Planbarkeit. Was ihr Hoffnung macht: die bevorstehenden Impfungen gegen das Coronavirus und die damit erhoffte Rückkehr zur Normalität sowie schnellere Testergebnisse.

„Die Leute wollen mal wieder raus und etwas anderes sehen“, weiß die Heessenerin, die schon seit Monaten viel Zuspruch erhält. „Viele Kunden und Heessener sagen mir, ich soll durchhalten.“ Und auch aus ihrem persönlichen Umfeld bekomme sie viel Halt, sagt die 65-Jährige. Weihnachten kam ihr in diesem Jahr daher gerade recht, denn bei der Familie konnte Sander endlich einmal abschalten.

„Die Hoffnung stirbt zuletzt“, gibt sie sich trotz allem kämpferisch. Was ihr neben ihrer Familie und ihrem Umfeld Mut macht: Der frühere amerikanische Präsident Barack Obama. „Ich lese gerade seine Biografie, er hat schon früher den Spruch benutzt: ,Yes we can’“, erzählt Barbara Sander und fügt hinzu, „das ist der Slogan“ – auch für sie selbst.

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