Interview: Oberärztin Friederike Lefarth über Adipositas

Stigmatisiert, ausgelacht, krank: Leben mit Adipositas

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Ein Beitrag der Ausstellung "Schwere(s)los".

Hamm - Krankhaftes Übergewicht bedeutet seelische und körperliche Belastungen. Es kann auch Mobbing, Ausgrenzung und Einsamkeit bedeuteten. Bis zum 1. Februar gibt es zu dem Thema im Evangelischen Krankenhaus die Ausstellung „Schwere(s)los“.

Adipositas, krankhaftes Übergewicht, beginnt mit einem BMI von 30

Die Ausstellung im EVK ist eine Aufklärungskampagne, um die gesellschaftliche Ausgrenzung von stark Übergewichtigen zu beenden und gleichzeitig die Ästhetik der Menschen zu zeigen.

Hier geht es zur Bildergalerie der Aktion.

Über die Gefahren und Bekämpfungs-möglichkeiten der Krankheit mit Oberärztin und Leiterin der Adipositas-Chirurgie Dr. Friederike Lefarth, die gemeinsam mit Professor Dr. Christian Peiper, Chefarzt der Allgemein- und Viszeralchirugie, krankhaftes Übergewicht am EVK behandelt.

Welche Gründe gibt es denn für krankhaftes Übergewicht? 

Friederike Lefarth ist Oberärztin und Leiterin der Adipositas-Chirurgie am EVK.

Friederike Lefarth: Die klassischen Gründe für Übergewicht sind, dass zu viele Kalorien aufgenommen und diese durch zu wenig Bewegung nicht abgebaut werden. Auch die Genetik kann hinzukommen. Wenn es ebenfalls genetische Begünstigung gibt, bedingen sich die Faktoren oft gegenseitig. Die Betroffenen haben Schwierigkeiten in Bewegung zu kommen und bewegen sich dementsprechend nicht genug. Sie haben zu viel Appetit und essen dadurch zu viel.

Hinzu kann eine ungünstige Ernährung kommen, das heißt kalorienreich mit nur wenigen Ballaststoffen. Klassische Beispiele hierfür sind Hamburger oder Pizza, also Nahrungsmittel, die eigentlich jeder gerne isst. Sie sind an unseren Geschmack künstlich angepasst. Dagegen sind Gemüse und Obst oft relativ teuer und eben nicht künstlich geschmacklich angepasst. 

Was kann man als Betroffener selbst dagegen tun? 

Lefarth: Die Feststellung, dass man übergewichtig ist, fällt vielen nicht schwer. Damit sich dies ändert, ist die Umstellung der Essgewohnheiten und des Lebensstiles absolut sinnvoll. Mehr Bewegung und die Auswahl und Menge der Lebensmittel können dann viel bewirken. Wenn der Schritt zur Adipositas Grad I erfolgt ist, sollte dies unter ärztlicher Überwachung und mithilfe von geschulten Ernährungsberatern erfolgen. Auch kann der Besuch einer Selbsthilfegruppe Adipositas vielen Menschen zusätzlich eine Hilfestellung sein. Damit kann die Entwicklung zur chronischen Erkrankung der Adipositas Grad II und III eventuell verhindert werden.

Ist die Adipositas über Jahre schon bestehend und sind Organschäden und Folgeerkrankungen vorhanden, nimmt die Beweglichkeit hierdurch deutlich ab, dann helfen nur noch spezielle Programme, die in einer multimodalen Therapie mit Verhaltenstherapie, Bewegungstherapie und Ernährungstherapie innerhalb von sechs Monaten alles versuchen, um das Gewicht zu reduzieren. 

Als letzte Möglichkeit ist eine Operation der einzige Ausweg. 

Wie kann die Kunst in Ihrer Ausstellung das Thema zugänglicher machen? 

Lefarth: Die Ausstellung ist eine Aufklärungskampagne. Menschen mit krankhaftem Übergewicht werden in unsere Gesellschaft stigmatisiert

Uns werden nur schlanke Models als schön und normal gezeigt. Übergewichtige Menschen hingegen werden verlacht und verspottet. Mit unserer Fotografie-Ausstellung wollen wir ins Bewusstsein rücken, dass auch Menschen, die keine Modelmaße haben, sehr ästhetisch sind.

Wir möchten das Thema aus der Tabu-Ecke wieder in die Gesellschaft holen. Viele übergewichtige Menschen trauen sich nicht ins Schwimmbad, weil sie ausgelacht werden. Wir möchten eine Gegenbewegung initiieren.

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