Besonderes Bauwerk an der Lippe

Riesen-Deich in Hamm soll Teil des Unesco-Welterbes werden

Der laut Lippeverband „höchste Flussdeich Europas“ misst südöstlich des Gersteinwerks 17 Meter.
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Beeindruckend: Der laut Lippeverband „höchste Flussdeich Europas“ misst südöstlich des Gersteinwerks 17 Meter. Monika Simshäuser und Friedhelm Jasper hoffen, dass er Teil des Welterbes wird.

Der Kölner Dom und die Speicherstadt in Hamburg gehören dazu, ebenso der Tower of London und der Grand-Canyon-Nationalpark in den USA. Und bald auch Europas höchster Flussdeich? Der steht nämlich in Hamm.

Hamm - Der Lippedeich in Herringen ist 17 Meter hoch und hat Chancen, als Teil der „Industriellen Kulturlandschaft Ruhrgebiet“ in die Welterbe-Liste der Unesco aufgenommen zu werden. Aus Hamm stehen sogar insgesamt sechs Projekte auf der Vorschlagsliste der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur. Das sind der Verlauf der Lippe und die Mündung der Seseke, die Wasserverteilungsanlage an der Münsterstraße, die Zeche Radbod (Schächte I und II), die Köln-Mindener-Eisenbahn, die Hamm-Osterfelder-Bahn und der Datteln-Hamm-Kanal.

In der politischen Beratung und der öffentlichen Diskussion wurden noch weitere Aspekte genannt, darunter auch der Herringer Flussdeich in der Kategorie Transport/Kanäle. Sie alle sind untrennbar mit der Entwicklung Hamms verbunden. Besonders gut werde die, wie Bürgermeisterin Monika Simshäuser (SPD) sagt, am Lippedeich deutlich. Auch er sei ein Folgeprodukt des Bergbaus. Und: „Er ist bedeutend für die industrielle Kulturlandschaft“, sieht sie ein gutes Argument für den Welterbe-Eintrag.

So kommen Sie hin:

Zu erreichen ist das Bauwerk über die Straße Zum Torksfeld/Am Lausbach. Aus Richtung Herringen kommend, geht es gleich hinter der Brücke links runter in Richtung Lippe/Kanal. Dort liegt er dann auf der rechten Seite.

Der Lippedeich selbst wurde ab 1937/47 und noch einmal 1975 erhöht – auf eben jene 17 Meter südöstlich des Gersteinwerks. Hätte man das nicht gemacht, wäre der Bereich nördlich der Lippe früher oder später „abgesoffen“. Bis vor Kurzem stand dort ein Hinweisschild mit Erklärungen zum „Höchsten Flussdeich Europas“, wie der Lippeverband das Bauwerk bezeichnet. Es sei, so Friedhelm Jasper als zuständiger Betriebsmeister beim Lippeverband, entfernt worden, da der Lippeverband seine Beschilderung derzeit neu konzipiere. „Es kommt dort auf jeden Fall wieder ein Schild hin.“

Das begrüßt auch Simshäuser, die sich sehr darüber freut, dass die Verbandsversammlung des Regionalverbandes Ruhr, in der sie die Stadt vertritt, das Anliegen Hamms und die vorgeschlagenen Projekte der „Industriellen Kulturlandschaft Ruhrgebiet“ unterstützt. Das sei ein wichtiges Signal.

Die von der Unesco geführte Liste des Welterbes umfasst aktuell insgesamt 1 120 Stätten in 167 Ländern, davon liegen 46 in Deutschland. Es handelt sich um Kulturdenkmäler, Naturstätten und solche, die sowohl dem Kultur- als auch dem Naturerbe angehören. Nur die besten unter den herausragenden Zeugnissen der Menschheits- und Naturgeschichte dürfen den Titel Unesco-Welterbe tragen.

Europas höchster Flussdeich in Hamm: Gut Ding will Weile haben

Bis zur endgültigen Entscheidung wird es aber noch einige Zeit dauern. Anfang 2025 soll der erste Antrag der deutschen Tentativ- oder auch Kandidatenliste beim Welterbe-Zentrum eingereicht werden. Davor stehen unter anderem die Prüfung durch eine Fachjury, die Entscheidung der Landesregierung NRW und der Beschluss der Kultusministerkonferenz in gut zwei Jahren an.

Simshäuser blickt aber bereits weiter voraus. Für Hamm wäre die Aufnahme ihrer Projekte in die Welterbe-Liste ein großer Image-Gewinn, den man auch touristisch vermarkten könne. „Zum Beispiel indem man die einzelnen Projekte miteinander verbindet.“

Das findet auch Rüdiger Brandt (Hamm), der über viele Jahre Geschäftsbereichsleiter Unternehmenskommunikation beim Lippeverband war. „Der Deich ist Teil der durch die Montanindustrie geprägten Kulturlandschaft.“ Durch die Bergsenkungen sei es nötig geworden, immer höhere Deiche zu bauen. „Der höchste Binnendeich Europas macht die Bodensenkungen der angrenzenden Stadtlandschaft in besonderer Weise erkennbar.“

Der Lippedeich

1911/12 wurde die Lippe im Gebiet der Stadt Hamm in Zusammenhang mit dem Bau des Kanals verlegt und begradigt. Westlich dieser Ausbaustrecke durchfloss sie in vielen Windungen die Niederung zwischen Hamm und Stockum.

In der Folgezeit kam es durch Bergsenkungen zu Abflussstörungen und Hochwassergefährdungen. Zur Behebung wurde die Lippe 1937/47 zwischen den Kilometern 58,5 (Radbodstraße) und 62 nach Süden an den Kanal verlegt und eingedeicht. Später kam es auch westlich davon zu bergbaulichen Einwirkungen, sodass sie bis zum Kilometer 63,3 (Gersteinwerk) ebenfalls nach Süden an den Kanal verlegt und eingedeicht wurde. 1975 wurde der Deich erhöht.

Zum Hochwasserschutz gehört auch eine Deichfußdrainage zur Abführung von Sickerwasser. Der Altarm der Lippe ist auch heute noch gut zu erkennen. Er liegt deutlich tiefer als der Kanal und die „neue“ Lippe.

Europas höchster Flussdeich in Hamm: Lippe hat besondere Bedeutung

Von großer Bedeutung ist für ihn auch die Lippe selbst: Sie ist mit vier Schifffahrtskanälen verbunden, um für die Wasserspeisung, aber auch die Nivellierung der Wasserstände – dafür die Lippe-Wasserverteilung in Hamm – zu sorgen. Zwei weitere Flüsse hätten die Region ebenfalls geprägt: Die Ruhr als frühes Transportsystem für den Bergbau und die Stahlindustrie und heute für die Trinkwasserversorgung, die Emscher als – einstiges – oberirdisches Abwassersystem. „Damit dieses Fluss-System und damit verbunden die umliegenden Landschaften funktionsfähig waren und blieben, mussten unter anderem Schleusen gebaut, Absturzbauwerke zur Überwindung der Höhendifferenzen errichtet und Deiche angelegt werden.“

Und damit landete er wieder in Herringen. Steht man unter der heutigen Lausbachbrücke, sieht man in der laubfreien Zeit nur noch die Spitze der Kapelle St. Peter und Paul in Nordherringen – vor mehreren Jahrzehnten war es noch die ganze Kirche.

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