Wenn Buchstaben für jemanden nur Bilder sind  ... dann hilft die VHS

Qualen eines Analphabeten: Klaus Böhm lernt mit über 60 Jahren lesen und schreiben 

+
Seit sieben Jahren lernt Klaus Böhm, Jahrgang 1953, bei Emel Liebetrau in der Volkshochschule lesen.

Hamm – Rund 11.000 Erwachsene in Hamm können weder lesen noch schrieben - statistisch hochgerechnet. Klaus Böhm ist einer der Analphabeten. Mit seinen über 60 Lebensjahren zeigt er, wie man mit Unterstützung der VHS teilhaben kann am Leben mit der Schrift.  

„Bitte ... auf dieser ... Ta-fel ... nicht mit ... Perm... Perman...“ Klaus Böhm, Jahrgang 1953, lernt seit sieben Jahren in der Volkshochschule lesen. Nun sagt er: „Das kann ich nicht.“ „Doch Klaus, kannst du!“, antwortet seine Lehrerin. Er atmet tief durch. „Nicht mit ... Permanent... Permanentmarkern ... schreiben.“ Wörter können eine Qual sein für Böhm. Wenn sie in Schreibschrift an einer Tafel stehen so wie hier, dann fällt es ihm schwer, in den Buchstaben das Wort zu erkennen, in den Wörtern den Satz und seine Bedeutung. 

Böhm sitzt im Mehrzweckraum der Volkshochschule neben VHS-Dozentin Emel Liebetrau. „Schreibschrift ist die größte Herausforderung“, sagt sie. Zweimal in der Woche besucht Böhm ihren Kurs, um zum zweiten Mal in seinem Leben lesen und schreiben zu lernen.

Bilder statt Buchstaben

Der Kurs für Analphabeten gehört zum Bereich Grundbildung in der VHS. „Wer nicht lesen und schreiben kann, geht mit einem anderen Blick durchs Leben“, sagt Liebetrau. „Für diese Menschen ist das Leben voller Bilder, während es für die, die lesen können, voller Buchstaben ist.“ 

Eigentlich ist sie Krankenschwester. Von dieser Arbeit nahm sie eine Pause, als sie Kinder bekam, will heute nicht mehr ins Gesundheitswesen zurück. Sie studierte soziale Arbeit und kam vor einigen Jahren über eine Freundin dazu, in der VHS schreiben und lesen zu vermitteln.

Schlaganfall mit 54 Jahren

Böhm konnte einst lesen. Er ahnte nicht, dass ihm dies fortan schwerfallen würde, als er an einem Morgen vor neun Jahren mit Schwindel und Kopfschmerzen aufwachte. Die Schrift in der Zeitung verschwamm vor seinen Augen, erzählt er. Er ist kein zimperlicher Typ. Statt zum Arzt zu gehen, legte er sich ins Bett, auskurieren. Fünf Tage später schickte ihn seine Frau in die Notaufnahme des Krankenhauses. Die Ärzte diagnostizierten einen Schlaganfall. 54 Jahre war er da.

Eigentlich zählt bei einem Schlaganfall jede Minute. Gefäße im Hirn sind geplatzt oder verstopft. Ärzte versuchen, dies mit unterschiedlichen Therapien aufzulösen. Geschieht das fünf Tage lang nicht, werden Hirnareale nicht richtig mit Sauerstoff versorgt. Schäden können unumkehrbar sein.

Post in Übergröße

Für Böhm änderte sich nach dem Schlaganfall vieles. Er lag lange im Krankenhaus, machte Therapien. Heute darf er nicht mehr Auto fahren, manchmal fällt ihm das Gehen schwer. Will er etwas lesen, kann er sich nur schwer auf die Schrift konzentrieren, Wörter und Sätze nur schwer verstehen. Je größer die Schrift, desto leichter fällt ihm das Lesen. Die Rentenversicherung schickt ihm die Post inzwischen auf A3-Ausdrucken. Das hilft.

Kurs für Analphabeten

2012 sah er im Fernsehen einen Bericht über die hohe Rate von Analphabeten in Deutschland (siehe unten) – und hörte von Kursen, in denen Erwachsene lesen lernen. Böhm wohnt in Welver. Er setzte sich in einen Zug nach Hamm, nahm seinen Mut zusammen und meldete sich für den Kurs für Analphabeten an. „Man braucht Rückgrat, um das zu tun“, sagt Liebetrau.

Sie kennt die Geschichten von vielen Schülern, die über Jahre niemandem gegenüber – auch sich selbst nicht – eingestanden haben, dass sie nicht lesen können. Mütter, die den Kindern nicht bei den Schulaufgaben helfen können, Angestellte, die eine E-Mail schreiben sollen und daran scheitern. Wer das zugebe und sich für einen Kurs anmelde, habe einen Riesenschritt gemacht, sagt sie. 

Individuelle Förderung

Böhms Kurs sollte zunächst nicht zustande kommen. Es hatten sich zu wenige angemeldet. „Ich habe gesagt, dass ich auch den Teilnehmerbeitrag für alle bezahle, wenn ich hier lernen darf“, erzählt er. Wochenlang rief er immer wieder bei der Leitung der VHS an. Schließlich klappte es doch noch. 

Neue Schüler taxiert Liebetrau zunächst. Was können sie, was müssen sie lernen? „Viele behaupten, dass sie gar nichts können“, sagt sie. Das stimme nur selten. Je nach Kenntnissen kommen sie in den Anfänger- oder Fortgeschrittenenkurs. Sie fördert Schüler individuell. Manchmal erarbeitet Liebetrau für jeden Einzelnen Übungen. 

Teilhabe am Leben mit Schrift

Böhm füllt unter anderem in Arbeitsheften Lückentexte aus, liest Bücher in verständlicher Sprache mit großer Schrift. Liebetrau erkennt Fortschritte in seinen Fähigkeiten. Dennoch glaubt der Rentner nicht daran, eines Tages wieder flüssig die Zeitung lesen zu können. „Ich komme hierher, damit ich mich nicht weiter verschlechtere“, sagt er. Der Kurs bewahrt ihm ein Stück Teilhabe am Leben mit Schrift – und macht ihm Spaß.

Gemeinsam ein Buch schreiben

Schnell geht das Lernen nur selten, auch wenn die Kursteilnehmer keine Krankheitsgeschichte haben. „Man darf nicht vergessen, dass es bei den meisten einen Grund dafür gibt, dass sie nicht lesen können“, sagt Liebetrau. Viele seien durchs Raster gefallen, hätten die Schule geschwänzt, das Lernen nicht gelernt. „Dann muss man da anfangen: Erst einmal beibringen, wie man überhaupt etwas Neues lernt.“ 

Die Arbeit erfüllt die Dozentin. „Ich will hier weitermachen, so lange es geht“, sagt sie. Vor einiger Zeit hat ein Schüler vorgeschlagen, gemeinsam ein Buch zu schreiben. „Das fand ich toll, diese Motivation, und sich das zu trauen. Dann weiß ich, dass sich für die Schüler wirklich etwas ändert“, sagt sie.

Viele Analphabeten in Deutschland

Einer vom Bildungsministerium geförderten Studie zufolge können 6,2 Millionen Menschen in Deutschland nicht richtig Deutsch lesen und schreiben. Das entspricht etwas mehr als sieben Prozent der Erwachsenen – auf Hamm hochgerechnet wären das etwa 10.900 Personen. Der Studie zufolge war bei der Hälfte Deutsch die erste Sprache, die sie gelernt haben. Die übrigen haben einen Migrationshintergrund.

Ausgebucht sind die VHS-Kurse zum Lesen- und Schreibenlernen dennoch nicht: So werden an der VHS meist vier Kurse dazu angeboten. Dozentin Liebetrau hat in diesen Kursen mitunter schon mit drei Schülern gesessen. Aufgrund der geringen Anmeldezahl kamen in der Vergangenheit einige Kurse nicht zustande.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare