Interview mit Dr. Markus Unnewehr

Erster Corona-Fall in Hamm vor einem Jahr - Chefarzt hat „keine Angst mehr“

Vor genau einem Jahr wurde der erste Coronafall in Hamm bekannt. Seitdem hat sich Dr. Markus Unnewehr zum Corona-Spezialisten entwickelt. Er sagt: „,No Covid‘ wäre natürlich wünschenswert. Aber das entspricht nicht der Lebensrealität.“

Hamm - Am 12. März 2020 berichtete WA.de über die allererste Corona-Infektion in Hamm. Dr. Markus Unnewehr hat sich seit dieser Zeit zum Corona-Spezialisten entwickelt: Der Chefarzt der Pneumonologie an der St.-Barbara-Klinik Hamm hat inzwischen hunderte Covid-Patienten behandelt. Welche Lehren zieht er nach einem Jahr mit Pandemie? WA.de hat mit ihm gesprochen. (News zum Coronavirus in Hamm)

Macht Corona Ihnen Angst?
Am Anfang hatte ich Angst, als die ersten Informationen, Bilder und Patientenbeschreibungen aus China und Italien kamen, aus Bergamo, wo das Gesundheitssystem zusammengebrochen war. Ich habe mich gefragt: Kriegen wir das hin? Wir haben uns in der Klinik auf einen Patientenansturm vorbereitet. Mittlerweile habe ich keine Angst mehr. Wir haben im gesamten Haus und Team gelernt, mit dem Virus umzugehen.
Wie hat sich die Behandlung der Patienten verändert?
Wir wissen jetzt mehr darüber, auf welche Patienten wir besonders aufpassen müssen. Wir können schwere Verläufe besser behandeln. Bei den Medikamenten haben wir aber keine durchschlagenden Erfolge. Wir haben ein Medikament, Cortison. Sonst gibt es nicht viel, was wirklich gut gegen die Krankheit hilft.
Das, was Trump genommen hat, bringt nichts?
Trump hat vielleicht vieles genommen, aber die meisten Substanzen haben sich im Nachhinein nicht als wirksam erwiesen. Covid-19 ist eine Viruserkrankung, und es ist einfach sehr schwer, ein Virus ursächlich zu behandeln. Wir haben gelernt, unsere Beatmung und die Intensivtherapie zu verbessern, aber auch da gab es keine unerwarteten 180-Grad-Wendungen. Wir können heute besser vorbeugen.
Also Ansteckungen vermeiden?
Ja. Auch wenn ich unzufrieden mit der Datenlage bin. Ich kann nicht verstehen, warum wir nach einem Jahr Pandemie immer noch nicht genau wissen, in welchen Situationen sich das Virus wie überträgt. Ich habe das Gefühl, dass da viel verschlafen worden ist, dass man einiges nicht ernst genommen hat. Es gibt beispielsweise viel zu wenig Daten dazu, wie man sich in Schulen infizieren kann.
Aber dazu liegen doch Studien vor.
Ja, aber oft nur aus Ländern und Konstellationen, deren Ergebnisse man nicht einfach auf uns übertragen kann. Warum gibt es keine Studien vor Ort, aus Hamm oder vergleichbaren Städten? Das fehlt mir. Hier hätte ich mir gewünscht, dass die Politik Forschung ermöglicht, klare Aufträge dazu gibt, welche konkreten Erhebungen wir brauchen.
Dr. Markus Unnewehr sagt: „Ich kann nicht verstehen, warum wir nach einem Jahr Pandemie immer noch nicht genau wissen, in welchen Situationen sich das Virus wie überträgt.“
Im November waren mehr als 700 Menschen in Hamm akut infiziert, aber nur wenige Branchen geschlossen. Als die Fallzahlen deutlich niedriger lagen, kam der harte Lockdown. Jetzt sind die Zahlen leicht gestiegen, aber es kommen Lockerungen. Das irritiert viele, Sie auch?
Natürlich. Ich wünsche mir, dass man sich öfter besinnt auf Biologie und Virologie: Was kann ein Virus und was nicht? Ein Beispiel ist die Ansteckung draußen. Wir wissen aus der Aerosol-Medizin: Die Viren können nicht gut fliegen. Die können sich draußen bei ausreichendem Abstand nicht übertragen. Jetzt gibt es in einigen Städten eine Maskenpflicht an Uferpromenaden. Das finde ich kontraproduktiv, weil Menschen die Maßnahmen irgendwann insgesamt nicht mehr ernst nehmen. Das führt mich zum zweiten Punkt, der gefühlten 100-Prozent-Strategie.
Was meinen Sie damit?
100 Prozent virenfrei, das wäre „No Covid“, und das wäre natürlich wünschenswert. Aber das ist nicht realistisch und entspricht nicht der Lebensrealität. Wir müssen akzeptieren, dass wir in den meisten Bereichen des Lebens keine 100 Prozent Virenfreiheit, Sicherheit und Schutz erreichen werden. Ich vermisse, dass man sagt: Wir gehen ein kalkuliertes Risiko ein, nehmen in Kauf, dass es einige Infektionen gibt – aber ermöglichen dafür auch vieles wieder.
Sie wünschen sich mehr Ehrlichkeit.
Richtig, das ist eine Frage der Ehrlichkeit, und eine Frage der Relation. Ich habe oft das Gefühl, dass wir in einem Bereich sind, in dem wir versuchen, mit einem enormen Aufwand noch zwei, drei letzte Prozent an Schutz rauszuholen. Und was passiert? Alles andere, was man schon erreicht hat, wird in Frage gestellt, eine Maßnahmenmüdigkeit stellt sich ein. Man gefährdet das, was schon erreicht ist. Allerdings haben wir auch schon viel erreicht.
Sie haben 350 Covid-19-Patienten behandelt. Wer bleibt Ihnen besonders in Erinnerung?
Die schweren Verläufe, wo man wochen- und monatelang kämpft, und am Ende stirbt der Patient doch. Das ist tragisch. Es gibt aber auch die alten Patienten, die am Ende unerwartet gesund werden. Manche Patienten haben wir lange beatmet, entlassen sie, sie gehen in die Reha. Das ist dann eine wunderbare Überraschung für das Team, wenn man so einen Patienten wiedersieht, den man nur aus einer Liegend-Position kennt, und wenn der sagt: Mir geht’s gut.
Was erleben Sie in der Sprechstunde zu Spätfolgen?
Die bieten wir gemeinsam mit der Facharztpraxis für Lungen- und Bronchialheilkunde Dr. Grammann und Francis in Hamm an. So viel können wir noch nicht sagen, die Krankheit gibt es noch nicht lange. Aber die Hauptsymptome scheinen eine lang anhaltende Müdigkeit und allgemeine Schwäche zu sein.

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Wann ist Corona vorbei?
Wir merken jetzt den Effekt der Impfungen. Im vergangenen Jahr kam ein großer Teil unserer Patienten aus den Pflegeheimen, das fällt aktuell weg – und zeigt, die Impfung funktioniert. Wenn wir die über 70-Jährigen geimpft haben, kommen auch die nicht mehr in die Klinik. Die Unbekannte bleiben die Mutationen.
Was werden sie uns bringen?
Erst mal: Mutationen sind normal. Ich gehe hier vom natürlichen Verlauf von Pandemien aus: Virusmutationen werden normalerweise ansteckender, wenn auch meist nur leicht, das ist übrigens auch bei Covid so. Und die Mutationen werden üblicherweise weniger gefährlich, weil es mehr Immunitäten und Teilimmunitäten gibt. Wir werden mit dem Virus leben müssen. Aber wenn es so weitergeht mit der Impferei, sind die Risikogruppen am Ende des Frühjahrs geimpft. Dann werden wir kaum noch schwere Verläufe haben. Das Virus wird sich auf lange Sicht einreihen in die bekannten Erkältungsviren.

Rubriklistenbild: © Barbaraklinik

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