Polizeipräsident geht in den Ruhstand

Erich Sievert überzeugt: Die Polizei in Hamm steht für den demokratischen Rechtsstaat ein

Blickt auf eine ereignisreiche Zeit als Polizist zurück: Erich Sievert, Polizeipräsident Hamms, geht in den Ruhestand.
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Blickt auf eine ereignisreiche Zeit als Polizist zurück: Erich Sievert, Polizeipräsident Hamms, geht in den Ruhestand.

Als Erich Sievert vor 16 Jahren nach Hamm kam, um Polizeipräsident zu werden, war großer Bahnhof angesagt: ein Empfang mit geladenen Gästen und örtlichen Würdenträgern, vielen Blumen und einer Rede des Innenministers. Wenn Sievert am Montag, 31. Mai, seinen letzten Arbeitstag absolviert, wird es bei einer Feier im kleinen Kreis bleiben – aufgrund der Pandemie. Der Präsident geht in den Ruhestand. Zeit für einen Rückblick.

Hamm - Ein Thema, das Sievert während seiner Polizeikarriere nicht losgelassen hat, war der Rechtsterrorismus. „Bei der Polizei ist kein Tag wie der andere“, sagt er. „Es kommt etwas Dramatisches, und dann stimmt nichts mehr.“ Für Sievert ist es der 14. Juli 2000, als er noch in Dortmund ist: Ein Rechtsradikaler erschießt drei Polizisten und tötet sich dann selbst. Ein verwirrter Einzeltäter heißt es zunächst – doch der entpuppt sich als Mitglied der rechten Szene in Dortmund, die die Polizistenmorde feiert.

In Hamm stellt der Fall Thorsten W. die Polizei auf die Probe. Der Mann war als Mittelalter-Fan bekannt, arbeitete im Verkehrskommissariat und steht derzeit in Stuttgart vor Gericht, weil er die sogenannte „Gruppe S.“ unterstützt haben soll – die Rechtsradikalen sollen Anschläge auf Politiker und Moscheen geplant haben.

„Wir hätten die vagen Anzeichen besser deuten müssen“, sagt Sievert. Als der Fall vor etwas mehr als einem Jahr publik wurde, stand er als Präsident eines eher kleinen Präsidiums auf einmal im Mittelpunkt des bundesweiten Interesses. Den Prozess in Stuttgart nehme er intensiv wahr, sagt er. Da offenbart sich ein anderer Mitarbeiter als der, den man in Hamm zu kennen glaubte: „Da hat man schon dran zu knapsen.“ Doch er glaube nach wie vor, dass die Truppe in Hamm für den demokratischen Rechtsstaat einstehe.

In seinem Büro sieht es noch nicht wirklich nach Ruhestand aus: Auf dem Schreibtisch stapeln sich noch die Akten. Schöne Dinge blieben ihm für die letzten Tage im Amt, sagt Sievert. Kollegen zu befördern beispielsweise, er habe da noch die eine oder andere Urkunde zu übergeben. Die eigene Urkunde zur Versetzung in der Ruhestand hat der 65-Jährige am Freitag aus der Hand von Innenminister Herbert Reul erhalten.

Dabei schien eine Polizeikarriere für Sievert nicht vorgezeichnet. Jura hat er studiert, in Gießen, außerdem Psychologie und Politikwissenschaft. In Köln war er kurz als Rechtsanwalt tätig, auch im Arbeitsamt Mönchengladbach hielt es ihn nicht lange. Sievert ging als Regierungsrat zur Bezirksregierung nach Arnsberg und lernte dort erst mal die verschiedenen Fach- und Verwaltungsgebiete kennen, war dann Dezernent für Personal, Abfallwirtschaft, Immissionsschutz und Wasserwirtschaft.

Pragmatische Karriereplanung

Dann kam die Polizei. Fragt man Sievert, warum er 1996 im Dortmunder Präsidium als Leiter der Verwaltung und Entwicklung anfing, antwortet er sehr pragmatisch: Er wohne ja in Dortmund und habe nicht ständig nach Arnsberg pendeln wollen. Eine geplante Karriere bei der Polizei sei es nicht gewesen. Doch er blieb und griff zu, als man ihm 2004 die Leitung der Hammer Behörde anbot. Ein kleines Präsidium zwar, aber, wie er damals sagte, eine Chance, selbst etwas zu bewegen.

Dabei kam Sievert nach Hamm, als die Zukunft des Präsidiums unsicher war. Die damalige Landesregierung wollte die Polizei umstrukturieren, plante ein zentrales Präsidium für das östliche Ruhrgebiet mit Sitz in Dortmund. Ob sein Engagement in Hamm länger dauern würde, habe er nicht gewusst, sagt Sievert; sollte die geplante Reform durchkommen und sein neuer Posten wegfallen, sei ihm etwas Gleichwertiges anderswo in Aussicht gestellt worden. Der Regierungswechsel 2005 machte aus der groß angelegten Reform ein Reförmchen. Das Hammer Präsidium blieb, ebenso blieb Sieverts Präsidentschaft.

Heute weniger Personal als 2014

Was sich seitdem verändert hat? Mit weniger Personal müsse man heute auskommen, sagt Sievert. 370 Beamte habe er gehabt, als er nach Hamm kam. Heute seien es 330. Natürlich, die Kriterien für die landesweite Verteilung der Beamten hätten sich geändert: Man brauche mehr Leute für Staatsschutz und Ermittlungsgruppen etwa gegen Kinderpornographie.

Sievert schmerzt der Personalrückgang. 20 Beamte mehr, sagt er, könne er in Hamm gut beschäftigen. Vor 15 Jahren waren noch Fahrradstreifen in der Stadt unterwegs – bei der aktuellen Personallage ist das nicht mehr drin.

Dennoch, die Hammer Polizei habe sich gut entwickelt, meint Sievert. 2004 hatte er die Prävention großschreiben wollen – Einbrüche und Unfälle zu verhindern, ist allemal besser, als Täter zu ermitteln und Opfer zu versorgen. Im Verkehrssektor denkt Sievert da zuerst an die Radfahrer: Ist das Rad verkehrssicher? Tragen alle einen Helm? Wissen die Pedelec-Fahrer, wie man bremst? Man könne beraten und schulen, sagt Sievert. Auch die Zusammenarbeit mit den Fahrradhändlern habe sich ausgezahlt. In Sachen Autoverkehr gebe es zusammen mit der Stadt relativ dichte Tempokontrollen. In Sachen Handy beim Autofahren sei es schwieriger – Kontrollen seien eben personalintensiv.

Einbruchszahlen rückläufig

In Sachen Kriminalität seien die Wohnungseinbrüche einschneidend gewesen. Sievert sieht Erfolge, wenn es um „heimische Klienten“ geht: Bestimmte Serien seien nach einer Festnahme beendet gewesen. Schwieriger sei es, reisenden Tätern beizukommen. Es komme dabei auf die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Polizeibehörden an. Insgesamt seien die Einbruchszahlen rückläufig.

Schwerer in den Griff zu bekommen sind aus Sieverts Sicht die Enkeltrickbetrüger, die besonders Ältere am Telefon unter Druck setzen, um sich deren Geld aushändigen zu lassen. Dass es inzwischen nicht nur der „Enkel“ ist, sondern auch der „Polizist“, empfindet Sievert als provokant: Das gute Image der Polizei werde da missbraucht.

Mit steigenden Fallzahlen rechnet Sievert in den kommenden Jahren beim Thema Internetkriminalität. Und auch das entschiedene Vorgehen gegen Kinderpornographie in Nordrhein-Westfalen werde sich in der Statistik niederschlagen. Anders hält er für konstant. Körperverletzungen im öffentlichen Raum etwa, meist im Umfeld von Volksfesten.

Ein Dauerthema seiner 16 Jahre in Hamm war das Auseinanderklaffen von Sicherheitslage und Sicherheitsgefühl: Trotz relativ weniger Delikte offenbarte eine vom Präsidium selbst initiierte Studie jüngst ein Bedrohungsgefühl, das viele Bürger in der Innenstadt insbesondere nachts empfinden. Auffällige Gruppen habe man durch Sozialarbeit eingebunden, das schlage sich im Rückgang von Fallzahlen wieder, sagt Sievert. Die Entwicklung des Einzelhandels sieht er da mit Sorge – weniger Länden bedeuten weniger Passanten und somit auch weniger soziale Kontrolle in der Innenstadt.

Kollegen retteten ihm das Leben

Was er seinen Leuten verdankt, erzählt Sievert nicht sofort: sein Leben. Beim Polizeisport ist es passiert. 3000 Meter sollte er laufen, richtig gut habe er sich nicht gefühlt. Trotzdem: „Zähne zusammenbeißen.“ Und dann sei er umgekippt – das Herz. Kollegen haben ihn gerettet. Einer, sagt Sievert heute, habe just davor seine Erste-Hilfe-Ausbildung erneuert.

Woran erinnert Sievert sich gerne zurück? Die Tage der offenen Tür im Präsidium fallen ihm ein, und der NRW-Tage. Die Polizei habe sich bürgernah und freundlich gezeigt. Viel Arbeit sei das gewesen, aber so etwas organisiere man gerne. Für den Ruhestand in Dortmund hat er sich nichts Spektakuläres vorgenommen. Mit dem Pedelec will er fahren, durchs Ruhrtal oder über den Haarstrang: „Da gibt es vieles, was ich noch nicht vom Rad aus gesehen habe.“

Wer Sieverts Nachfolger wird, steht noch nicht fest. Einen neuen Polizeipräsidenten muss Innenminister Helmut Reul ernennen. Bis Düsseldorf entschieden hat, führt die bisherige Nummer zwei im Präsidium, Regierungsdirektorin Adriane Klostermann, die Hammer Polizei.

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