In der Innenstadt

88-Jähriger findet keine Toilette und wird dann einfach stehen gelassen

Wohin, wenn es drückt? Als der Rentner am Westentor umsteigen wollte, musste er dringend zur Toilette – die es dort aber nicht gibt.
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Wohin, wenn es drückt? Als der Rentner am Westentor umsteigen wollte, musste er dringend zur Toilette – die es dort aber nicht gibt.

Diese Notlage wünscht sich niemand, aber sie ist allzu menschlich: Plötzlich rumpelt es im Gedärm, und eine Toilette ist nicht in erreichbarer Nähe. Genau das erlebte der 88-jährige Heinz P. (Name von der Redaktion geändert) am Sonntag, mitten in der Innenstadt.

Hamm – Das Malheur brach sich Bahn, und P. stand in seiner Not mutterseelenallein am Westentor. Bei der Suche nach Hilfe fühlte er sich allein gelassen.

„Sollte jemand anderes in die gleiche Situation kommen, wünsche ich ihm, dass er nicht das mitmachen muss, was ich erfahren habe“, sagt P. tags darauf. Deshalb hat sich der Senior an die Zeitung gewandt. Heute ist er schlauer, doch rückblickend auf die Ereignisse vom Sonntag sagt er: „Ich habe starke Nerven, aber in dem Moment war ich am Ende. Mir waren alle Türen verschlossen.“

Am Sonntagmittag keine öffentliche Toilette in der Nähe

Aber der Reihe nach: P. wollte von Uentrop aus mit dem Bus seine Bekannte in Rhynern besuchen. Normalerweise hole sie ihn immer ab, so der 88-Jährige, doch nach einer frischen OP sei das diesmal nicht möglich gewesen. Am Westentor musste P. umsteigen. Das war gegen 12.30 Uhr. In der Innenstadt angekommen spürte er, dass der Druck zunahm. Aber wohin? Allee-Center geschlossen, City-Galerie zu, Enchilada noch nicht geöffnet um diese Zeit. Keine Toilette weit und breit. So nahm das Unglück seinen Lauf – in die Hose.

Eine Passantin habe für ihn die Taxengemeinschaft angerufen, so P. Doch als der Wagen nach 10 Minuten vorgefahren war, zerschlug sich die Hoffnung, nach Hause befördert zu werden, ziemlich schnell. Man würde ihn in diesem Zustand nicht befördern, habe ihm der Fahrer zu verstehen gegeben. Das würde auch kein Kollege tun.

Taxifahrer und Polizei weisen 88-Jährigen in Notlage ab

Es gebe zwei Ausschlusskriterien für eine Beförderung, sagte ein Mitarbeiter der Taxengemeinschaft auf Nachfrage unserer Zeitung: aggressive Verhalten und Unrat beziehungsweise starke Verschmutzung. Von letzterem sei hier wohl auszugehen. Auf solche Fälle sei man nicht vorbereitet und sie seien auch unangenehm für nachfolgende Fahrgäste.

In seiner Not und der ehemals weißen Hose stehengelassen wählte P. den im Handy gespeicherten Notruf: 110. Doch in diesem Fall war die Polizei weder Freund noch Helfer. Ihm sei ziemlich unmissverständlich klar gemacht worden, dass man ihn nicht nach Hause fahren werde, so P. Dabei habe er das ja auch gar nicht erwartet, sondern nur einen Rat haben wollen, wohin er sich wenden könne. Der Rat blieb aus.

Polizei räumt Fehler ein - und will sich bei Heinz P. melden

„Das hätte besser laufen können“, räumt Polizeisprecher Malte Gerwin ein. Grundsätzlich sei das aber nicht der Stil der Kollegen. Man sei sehr wohl bemüht, nach Lösungen zu suchen, ob am Telefon oder im Streifendienst. Gerwin kündigte an, Kontakt zu Heinz P. aufzunehmen.

Dieser tat am Ende das, was er eigentlich vermeiden wollte: Er rief seine Bekannte an, die sich wegen der OP gar nicht ins Auto hätte setzen sollen. In der Not tat dieses trotzdem und fuhr P. nach Hause. Das Ende von nervenaufreibenden und entwürdigenden 60 Minuten.

Feuerwehr hätte P. nicht stehen lassen, Problem bleibt aber

Was niemandem – weder P. noch Taxifahrer noch Polizei – einfiel, war ein Anruf bei der Feuerwehr (Rufnummer 112). Das wäre die Lösung gewesen. „Wir lassen niemanden stehen“, sagt Kai Harjes, im Wechsel Diensthabender Einsatzführungsdienst. „Es handelte sich im weiteren Sinne um eine hilfebedürftige Person, und wir finden in solchen Lagen je nach Situation eine Lösung. Das ist unsere Aufgabe.“

Zurückdrehen lässt sich das alles jetzt nicht mehr, aber P. sieht auch Handlungsbedarf für die Zukunft. Und das führt letztlich zur Ausgangssituation zurück: Die Möglichkeiten insbesondere an einem Sonntag in Hamm eine öffentliche Toilette aufzusuchen, sind rar. Die Wege zum Santa-Monica-Platz oder zum Bahnhof sind weit. Zu weit, wie P. erfahren musste.

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