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Engpass bei Medikamenten: Besonders Kinder-Arznei ist betroffen

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Von: Gisbert Sander

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Ein Mensch schüttet sich Tabletten in die Hand
Könnte knapp werden: die Tablette gegen Schmerzen. Foto: Klose/dpa © Christin Klose

Es wird eng bei vielen Medikamenten – noch enger als schon vor zwei Jahren. „Die Lieferengpässe nehmen zu“, sagt Dr. Werner Cobet, Sprecher der Hammer Apothekerschaft.

Hamm – Das gelte besonders für fiebersenkende und schmerzlindernde Säfte für Kinder mit den Wirkstoffen Paracetamol und Ibuprofen. Bisher sei es aber immer noch gelungen, alternative Mittel zu finden. Paracetamol und Ibuprofen, die auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation stehen, werden zum überwiegenden Teil in Indien und China produziert. Weil die weltweiten Lieferketten aus unterschiedlichsten Gründen unterbrochen sind, hapert es auch da mit dem Nachschub für Europa.

In den vier Apotheken, die Dr. Axel Schneider in Hamm betreibt, ist die Situation nicht anders. Zum Engpass komme hinzu, dass auch bei Medikamenten die Preise steigen – zumindest für die Verbraucher. Denn für Arzneimittelhersteller gelte in Deutschland seit 2010 ein Preis-Moratorium. Bedeutet: Preiserhöhungen sind gesetzlich faktisch ausgeschlossen – trotz steigender Personal-, Rohstoff- und Energiepreise. Laut Schneider hat der Arzneimittelhersteller Ratiopharm angekündigt, die Produktion von Ibuprofen-Säften einzustellen. „Ich vermute, dass die Firma nicht mehr kostendeckend arbeiten kann“, so Schneider. Andere Produzenten könnten nicht kurzfristig in die Produktion einsteigen, weil bei der Entwicklung eines solchen Produktes viele Facetten zu beachten seien – von der Herstellung selbst über die Beschaffung passender Flaschen bis zum Beipackzettel.

Zäpfchen als Alternative

Der Apotheker warnt davor, stattdessen Ibuprofen- oder Paracetamol-Tabletten für Erwachsene in Saft oder Wasser aufzulösen und den Kindern zu verabreichen: Erstens würden sich die Tabletten nur „extrem schwer“ in Flüssigkeit auflösen und zweitens gebe es das noch gravierendere Problem, die richtige Dosierung fürs Kind zu finden. Zur „Galenik“ (Lehre von der Rezeptur und Herstellung von Arzneimitteln) gehörten viele Spezifikationen: „Die Tabletten schmecken gallebitter. Das muss kaschiert werden, damit Kinder den Saft überhaupt trinken“, sagt Schneider. Wenn seine Vorräte aufgebraucht sind, gebe es trotzdem noch Alternativen – Zäpfchen zum Beispiel, „auch wenn die nicht jedermanns Sache sind.“

Zur Not müsse er wieder selbst Rezepturen herstellen. Schneider ahnt, dass die Bereitschaft der Kunden aber begrenzt ist, den dafür erforderlichen Preis zu zahlen: „Solch eine Einzelanfertigung ist nicht für 5 Euro pro Flasche zu machen.“ Und dann gibt es da noch einen Trend, der in sozialen Netzwerken ausgelöst wurde und den Schneider überhaupt nicht nachvollziehen kann: Da geht es um Elektrolyte, die Kindern gegen Durchfall gegeben werden. Selbst da gebe es stellenweise einen Engpass, weil die empfohlen würden, um nach durchzechter Nacht den „Kater“ zu vertreiben. „Und dann bleibt für die Kinder, die es wirklich brauchen, nichts übrig.“

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