Einstmals 1000 Filialen

Empire am Ende: Letzte Videothek in Hamm und Umkreis schließt

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Der Film ist aus: Betreiber Günter Hellwig schließt die Empire-Filiale in Bockum-Hövel.

Wenn Ende dieses Monats der Mietvertrag ausläuft, wird auch diese Branche in Hamm endgültig zum Auslaufmodell: Am 26. September schließt mit „Empire“ die letzte Videothek in Hamm und im weiteren Umkreis.

Hamm – Wer auf „analogem“ Weg Filme leihen möchte, muss wohl nach Dortmund, Münster oder Marl fahren. 17 Jahre war der Film- und Spieleverleih in der Oswaldstraße 31. Schon lange sind digitale Filmangebote auf der Datenautobahn an DVD und Bluray vorbeigezogen. Lohnenswert ist der klassische Verleih nicht mehr.

Das sagt einer, der es wissen muss: Günter Hellwig ist seit 1980 im Videoverleih tätig und gehört zu jener 20-köpfigen Mannschaft, die 1998 die „Empire“-Gruppe gründete. Rund 1000 Filialen betrieb das Unternehmen zu Hochzeiten. Hellwig selbst hatte 25 Geschäfte, die alle auf Franchise-Basis betrieben wurden. In Bockum-Hövel wird er nach dem Standort in Diepholz seine letzte Filiale abschließen. Bis zum Ende des vergangenen Jahres hatte ihr Heinz Matuschek als Franchise-Nehmer ihr Gesicht gegeben. Als dieser kürzertreten wollte, übernahm der 72-jährige Hellwig selbst das Geschäft.

Letzte Videothek Hamm schließt ohne Wehmut

Wehmut spüre er nicht, sagt Hellwig. Die Zeichen stehen zu eindeutig, einen Schlussstrich mit dem Auslaufen eines Pachtvertrages hat er schon häufig gezogen. Hellweg ist weder Cineast noch Romantiker. „Für uns war der Verleih von Videos ein Geschäftsmodell, das nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten funktioniert“, sagt er.

Verkauf statt Verleih: Das DVD- und Bluray-Sortiment muss raus.

Das erkannte er früh, damals 1980. „Mit einem Freund habe ich vor einem Ladenlokal eine Schlange beobachtet und dachte: Wenn die Leute Schlange stehen, gibt es da etwas Besonderes.“ Die Kunden standen für Videokassetten an. „Da habe ich zu meinem Freund gesagt: Das machen wir auch.“ Die Idee für die erste Videothek in Osnabrück war geboren, bestückt wurde sie mit 300 bis 400 Filmen. „Am Wochenende haben wir nicht gezählt, wie viele Filme verliehen sind, sondern wie viele noch im Regal stehen. Das war leichter. Manchmal waren es nur zehn.“

Letzte Videothek Hamm schließt: VHS für 240 Mark!

Trotz hoher Einkaufspreise für eine Verleih-VHS – in der Spitze rund 240 D-Mark – und später einer DVD (im Schnitt 25 Euro) florierte lange Zeit für viele Verleihe das Geschäft. Wenn sie nicht wirtschaftlich allzu ungeschickt agierten, wie Hellwig sagt. Seine Rechnung war einfach und ging lange auf: Der Franchise-Nehmer erhält seine Provision und zahlt das Personal, für den Einkauf der Filme ist das Unternehmen zuständig. 30 Prozent des Umsatzes wird in Ware reinvestiert. Der Einkauf erfolgt frei von persönlichen Vorlieben, sondern unter der Maßgabe, ein möglichst breites Angebot vorzuhalten. „Wenn ich nach Geschmack auswähle, funktioniert das nicht“, sagt Hellwig.

Nach seinen Angaben hatte „Empire“ als Gesamtunternehmen zu besten Zeiten 30 Prozent Marktanteil. Selbst wenn ein Film auf DVD im Verleih erst bei 75 Euro rentabel wurde (bei einem Tagespreis von 1,50 Euro also 50 Mal entliehen werden musste), lief das Geschäft. Bis etwa 2010, sagt Hellwig. „Dienste wie Prime, später Netflix und Streaming-Angebote haben uns überrollt. Im Netz gibt es vieles kostenlos.“

Letzte Videothek Hamm schließt: Erotik wichtig

Versuche gegenzusteuern seien gescheitert. „Wir haben auf Verkauf gesetzt, mussten aber immer ganze Pakete abnehmen und konnten im Gegensatz zum Handel nicht retournieren. Auf dem Bodensatz ist man dann hängen geblieben.“ Auch die zeitlichen Abstände zwischen Kinopremiere, Verleih-DVD und Handelsware hätte sich zunehmend verkürzt, sodass die Margen immer enger geworden seien. Manche Kollegen hätten versucht, das Publikum zu lenken und bestimmte Hypes zu bedienen. Auch das habe nicht funktioniert.

Bis zu 6000 unterschiedliche Filme habe ein Standort zu guten Zeiten vorgehalten. Etwa ein Drittel des Umsatzes habe das räumlich getrennte Erotiksegment ausgemacht. In Bockum-Hövel seien von 15 000 Karteikunden zu Hochzeiten 3000 leihaktiv gewesen. „Heute sind das noch 500“, sagt Hellwig. Für ihn insgesamt keine Basis, um weiterzumachen. „Die Industrie wird die DVD-Produktion irgendwann ganz einstellen“, lautet seine Prognose. Nicht schön für Nostalgiker, aber wohl nicht abzuwenden.

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