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"Eisenärsche" testen auf 36-Stunden-Tour ihre Grenzen aus

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Der südlichste Punkt Deutschlands bei Oberstdorf wurde von Andreas Falkner, Bernd Anker, Martin Kellerhaus, Ferdi Schäpers, Uwe Rabe und Daniel Mesken gegen 13 Uhr erreicht. © pr

Hamm/Ahlen - Sechs Motorradfahrer aus Hamm und Ahlen machten sich auf, um in 24 Stunden den Westen, Süden, Osten und Norden Deutschland anzusteuern. Nach 2200 Kilometern legten sie dabei eine Punktlandung hin - mit Schmerzen im ganzen Körper.

„Das war aber knapp“, atmete Uwe Rabe am vergangenen Sonntag um 5.35 Uhr richtig tief durch. Er hatte als Letzter der Sechsergruppe am Automat der Tankstelle in Niebüll unweit der dänischen Grenze getankt und dann sofort die aufgedruckte Zeit der Quittung verglichen mit der Quittung einer Tankstelle in Selfkant-Isenbruch an der holländischen Grenze. Da stand auch 5.35 Uhr, allerdings am Samstag – also auf die Minute genau 24 Stunden vorher. 

„Tja, eine Minute später, und das Ganze wäre für dich sprichwörtlich für den Eisenarsch gewesen“, lachte Daniel Mesken. Die beiden hatten in den 24 Stunden zusammen mit Andreas Falkner, Bernd Anker, Ferdi Schäpers und Martin Kellerhaus auf ihren Motorrädern über 2.200 Kilometer zurückgelegt und dabei den westlichsten, südlichsten, östlichsten und nördlichsten legal befahrbaren Punkt in Deutschland besucht.

Tankquittungen als Nachweis

Die Tour nennt sich „SS 2.000K-4C“ und bedeutet „Saddle Sore“ für „Sattelschmerz“ mit mindestens 2.000 Kilometern in 24 Stunden mit vier „Corners“ = Ecken. Sie wird angeboten von der Ironbutt Butt Association Germany (IBA). Die IBA ist eine in den USA seit über 30 Jahren bestehende Gemeinschaft von Langstrecken-Motorradfahrern, die seit 2010 auch in Deutschland immer mehr begeisterte Anhänger findet. 

Auf jeden Fall ist gutes Sitzfleisch erforderlich. Als Nachweis für ihre strengen Prüfungen verlangt die IBA Zeugenbescheinigungen, Fotos und Tankquittungen. Erst nach Auswertung der kompletten Unterlagen können die Biker die Urkunden und Abzeichen mit dem Titel „Iron Butt“ (englisch für Eisenarsch“) erhalten. Bereits im vergangenen Jahr hatten sich die sechs Männer am Tag der deutschen Einheit den Titel gesichert. 

Start nachts um 3 Uhr

Damals hatten 1.730 Kilometer durch alle 16 Bundesländer zurückgelegt. Ihre Erfahrungen von 2015 konnten sie jetzt bei der Planung und Durchführung sehr gut gebrauchen. Bei den Vorbereitungen kam auch die Idee auf, gleich zusätzlich eine weitere Wertung der IBA anzupeilen – den „Bun Burner Gold - 2.500K“, also mindestens 2 500 Kilometer in 36 Stunden. 

Beginnen wollten die Motorradfahrer im Westen. Nach dem Treffen am Samstagmorgen um 3 Uhr am Autohof in Werne ging es Richtung Venlo und dann auf holländischer Seite zu einem Grenzstein bei Selfkant-Isenbruch. Alle waren noch frisch und gut drauf und die 24 Stunden für den 4C begannen erst danach – mit dem Tanken um 5.35 Uhr. Als Nächstes ging es Richtung Süden. 

Pausen dürfen nur zehn Minuten dauern

Auch der stundenlange Regen in Bayern kostete keine Zeit, so dass der zweite Zielpunkt, eine Fahrverbotstafel an der Fellhornbahn im Stillachtal südlich von Oberstdorf, voll im Zeitplan gegen 13 Uhr erreicht wurde. Für die meisten Menschen ist hier nach gut 950 Kilometern die Fahrt zu Ende und der Urlaub beginnt. Die „Eisenärsche“ gönnten sich einige verträumte Blicke auf die Berglandschaft, drehten dann aber um und fuhren zum nächsten Punkt – nach Osten zur deutsch-polnischen Grenze an der Neiße.

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Die Tour der „Eisenärsche“ zum nördlichsten, südlichsten, westlichsten und östlichsten Punkt Deutschlands. © pr

Die A7 und A6 Richtung Nürnberg, dann A9 und A72 über Chemnitz zur A4 gen Osten. Es ist erstaunlich, wie viele Autobahnen man in Deutschland fahren kann. Getankt wurde etwa alle 220 Kilometer – und zwar im Eiltempo. Nur 10 Minuten durften die Pausen dauern. Der versteckt unter einem großen Baum direkt an der Neiße liegende östlichste Punkt Deutschlands wurde nach Befragung eines einheimischen Landwirtes und einiger Lauferei durch Felder und Wiesen auch gefunden und um 21.20 Uhr ging es nach mittlerweile schon insgesamt über 1 600 Kilometern im Sattel nach Norden. 

Der ganze Körper schmerzt

Die erste Stunde im „Tiefflug“ über Landstraßen zur A15 nach Cottbus machte den Bikern noch richtig Spaß, aber danach begann die Nacht der „langen Messer“. Ganz Deutschland schien Fußball zu gucken oder zu schlafen; denn auf den Autobahnen nach Berlin und noch schlimmer danach Richtung Hamburg war überhaupt kein Verkehr. Wie an der Perlenkette aufgereiht donnerten die sechs Maschinen mit 150 Sachen einsam durch die sternenklare Nacht. Nacken, Knie, Handgelenke, Rücken – eigentlich schmerzte der ganze Körper. 

Koffeinhaltige Energydrinks wurden bei den kurzen Pausen in Mengen heruntergespült und es wurde zunehmend schwieriger, die Konzentration ständig aufrecht zu halten. Die Gedanken schweiften ab und trafen sich immer häufiger bei der Frage nach dem Sinn der ganzen Quälerei. Hinter Hamburg begann es wieder zu regnen. Am Deutsch-Dänischen Grenzstein im Naturschutzgebiet Rickelbüller Koog im nördlichsten Zipfel Deutschlands erlebten sie um 5 Uhr einen idyllischen Sonnenaufgang. 

Punktlandung nach 2.219 Kilometern

Aber die nächste Tankstelle lag noch etwa 25 Minuten entfernt und erst die Tankquittung belegt das Ende der Tour. Als dann die Tankstelle in Niebüll nur einen umständlich zu bedienenden Kartenautomaten hatte, kam zum ersten Mal während der letzten fast 27 Stunden etwas Hektik auf, weil alle einzeln nacheinander tanken mussten. Letztlich schafften sie aber auf die Minute genau nach 24 Stunden und 2.219 Kilometern für die vier Ecken Deutschlands eine Punktlandung. 

Anschließend ging es noch 500 Kilometer zurück nach Westfalen. An der A1-Tankstelle in Münster wurde dann am Sonntag um 14.50 Uhr auch die Bun-Burner-Wertung mit dem allerletzten Tanken beendet. Seit Samstagmorgen um 3 Uhr hatten die sechs Freunde auf ihren Motorrädern 2.912 Kilometern in 35 Stunden und 50 Minuten zurückgelegt und dabei viel erlebt. Und vor allem hatten sie die eigenen Grenzen ein ganzes Stück verschoben.

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