Wie die Schrumpfkur in der Innenstadt verlief

Größer als Allee-Center: Hammer Handel verliert riesige Fläche

Demontage der Horten-Waben in Hamm.
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Demontage der Horten-Waben: Dieser Vorgang steht symbolisch für das Schwinden der früheren Hammer Einkaufs-City. (Das Foto entstand im April 2007.)

Kaum eine Zeit war für den Handel in der Hammer Innenstadt so einschneidend wie die vergangenen eineinhalb Jahre. Damit geht ein herber Qualitätsverlust für die Hammer Einkaufslandschaft einher.

Hamm – Die Bahnhofstraße als Einzelhandelsstandort ist jetzt mit kleinen Ausnahmen gänzlich ausradiert. Dafür musste zuletzt niemand mehr Prophet sein, aber jetzt ist es Fakt. Nicht nur Fläche ist verschwunden, auch ganze Sortimente sind der Innenstadt und den Kunden verloren gegangen.

Aus dem Blähbauch, der durch die Expansion von Handelsflächen mit der Eröffnung des Allee-Centers 1992 künstlich aufgeblasen worden war, ist spätestens seit 2020 endgültig die Luft raus. Rund 21.000 Quadratmeter waren mit dem Allee-Center seinerzeit hinzugekommen.

Schon mit der Horten-Schließung 2002, beziehungsweise Yimpas 2005, waren die Verhältnisse wieder zurecht gerückt. 10.800 Quadratmeter gingen auf einen Schlag verloren. C&A verkleinerte sich und zog ins Allee-Center (2010; heute 3800 Quadratmeter Fläche), die Kaufhalle verschwand (2004) und machte dem Jobcenter und dem Elektromarkt Berlet Platz.

Flächenschwund

In den vergangenen eineinhalb Jahren kamen in geballter Form weitere Flächenreduzierungen im Handel in der Innenstadt hinzu:

  • Herlitz (2018): rund 2200 Quadratmeter
  • TerVeen (Juni 2019): rund 2400 Quadratmeter Verkaufsfläche
  • Kaufhof (Oktober 2020): rund 6000 Quadratmeter
  • Spielwaren Kremers (Oktober 2020): rund 600 Quadratmeter

Stand von vor 1992

Allein die oben genannten vier Innenstadtflächen entsprechen noch einmal über der Hälfte der Fläche des Allee-Centers. Damit ist der einstige Zugewinn von Handelsflächen in der City mehr als ausgelöscht. Der Stand von vor 1992 ist mehr als erreicht, vielmehr ist der klassische, inhabergeführte Einzelhandel in der Innenstadt in seiner Kleinteiligkeit auf wenige Anbieter geschrumpft.

Ein Handelsstandort verändert sein Gesicht - Eindrücke aus Hamm

Kaufhof in Hamm
Ter Veen in Hamm
Horten in Hamm
Horten in Hamm
Ein Handelsstandort verändert sein Gesicht - Eindrücke aus Hamm

Flächen-Top-5 aktuell

Die drei flächenmäßig größten Unternehmen liegen allesamt im Allee-Center. Die ersten fünf sind:

  • Peek & Cloppenburg (4000 Quadratmeter),
  • C&A (3800),
  • Saturn (2500),
  • Berlet Elektrofachmarkt (1950),
  • Grüter & Schimpff (1900).

Sortimentsverluste

Mit den Flächenverlusten gehen in Hamm spürbare Sortimentsverluste einher. Wer heute in der Innenstadt beispielsweise hochwertigere Haushaltswaren, Küchengeräte, Porzellan, ausgewählte Spielwaren, Bettwäsche oder Feinkost stationär kaufen möchte, stößt schnell an seine Grenzen. Das Sortiment ist limitiert, Auswahl ist in bestimmten Warengruppen kaum vorhanden. Der Weg führt entweder ins Möbelhaus vor den Toren der Stadt, in Nachbarstädte oder ins Internet.

„Das (...) Angebot ist als recht breit, oftmals aber nicht sonderlich tief zu charakterisieren“, heißt es in der 2. Fortschreibung des Einzelhandelsstandortkonzeptes für die Stadt Hamm von 2019. So würden einzelne Warengruppen oftmals (neben der damals noch bestehenden Fachabteilung in der Galeria Kaufhof) nur von wenigen Fachbetrieben vorgehalten.

Traditionshäuser

Durch das breite Sortiment der Warenhäuser bestand zumindest noch die Chance, bestimmte Artikel in der Hammer Innenstadt zu kaufen. Einige Traditionshäuser und Fachgeschäfte hatten bereits vorher ihren Betrieb eingestellt. Halberstadt als Porzellanbieter beispielsweise (Ritterstraße; heute Wittekindshof und Café Mittendrin) schloss Ende 2009, WMF (Weststraße; heute Präsente und Ballone) im Herbst 2017, Betten Reinhard (Antonistraße; heute Humanitas) Anfang 2019.

Niveauverlust

Mit Sortimentsverlusten inklusive Verlusten von Fachberatung geht zwangsläufig ein Niveauverlust eines Einkaufsstandortes einher.

Die Einzelhandelsstudie beklagt für die Weststraße zwischen Westentor und Nordstraße so genannte „Trading-Down-Tendenzen“, denen es entgegenzuwirken gelte. Das bedeutet unter anderem einen qualitativen Abfall im Mieterbesatz, in der Gebäudesubstanz und im Branchenmix.

Schwerpunkte

„Der sortimentsbezogene Angebotsschwerpunkt ist eindeutig im Bereich ,Bekleidung, Schuhe, Sport’ auszumachen, auf den etwa die Hälfte der innerstädtischen Verkaufsfläche entfällt“, heißt es im Einzelhandelskonzept. „Darüber hinaus sind weitere Angebotsschwerpunkte bei Nahrungs- und Genussmitteln sowie Elektro/Unterhaltungselektronik festzustellen.“

Empfehlungen

Vor dem damaligen Hintergrund während seiner Entstehungszeit kommt das Einzelhandelskonzept zu Empfehlungen, die durch die aktuelle Entwicklung zumindest zum Teil wieder überholt sind. Unter anderem heißt es: „Vor dem Hintergrund eines ansonsten recht umfassenden Sortimentsangebots gilt es, zur Stabilisierung der Innenstadt weitere attraktive Einzelhandelsnutzungen – unabhängig vom Sortimentsschwerpunkt (Anmerkung: Textiler) – für die zentralen Einzelhandelslagen zu gewinnen, von deren Frequenzen der gesamte Innenstadtbereich profitieren kann. Bei einer Bevölkerungszahl von rund 180.000 Einwohnern (...) kommen hierbei grundsätzlich auch größere Angebotsformate in Betracht (zum Beispiel Decathlon). Dabei bietet die angekündigte Neukonzeption der zentral gelegenen Ritterpassage (B-tween) sehr gute Möglichkeiten zum Ausbau der lokalen Angebotssituation.“

Schon überholt

Zwischenzeitlich haben aber die Investoren – nicht zuletzt vor dem Hintergrund von Corona – ihre Pläne und Flächenzuschnitte für den Handel im „B-tween“ wieder deutlich zurückgefahren. Die größte Einzelhandelsfläche soll bei rund 1000 Quadratmetern liegen. Das ist etwas größer als Intersport und etwa genauso groß wie TK Maxx im Allee-Center. Es soll nur noch das Erdgeschoss, nicht mehr das 1. Obergeschoss mit Handel und Gastronomie besetzt sein.

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