Kein Ambiente, kaum Umsatz: Das Leiden des Hammer Einzelhandels

Margret Holota spricht in ihrer Buchhandlung in Hamm mit zwei Kundinnen mit Maske.
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Margret Holota spricht in ihrer Buchhandlung in Hamm mit zwei Kundinnen mit Maske.

Auch nach der schrittweisen Wiederöffnung der Geschäfte in der Corona-Krise leidet der Einzelhandel in Hamm weiter massiv unter Umsatzeinbrüchen.

Hamm – „Wir haben immer noch große Verluste zwischen 40 und 70 Prozent im Vergleich zu den Vor-Schließungszeiten“, sagt Matthias Grabitz. Er ist Sprecher der Hammer Einzelhändler und hält den Kontakt zu seinen Kollegen. Der Einzelhandel, so seine Beobachtung, leide nach der schrittweisen Lockerung weiter unter Kaufmüdigkeit. „Die meisten Betriebe sind weit davon entfernt, rentabel zu arbeiten.“

Derzeit finde ein reiner Beschaffungs- und Bedarfskauf statt und weniger das gemütliche Bummeln mit Spontankäufen. Viele Kunden hätten noch Angst, sich mit dem Coronavirus anzustecken. „Die Maske erinnert daran, dass wir trotz aller Lockerungen noch nicht zur Normalität zurückgekehrt sind. Die Unbeschwertheit ist noch nicht wieder da“, so Grabitz.

Eine Einschätzung, die auch der Handelsverband Westfalen-Münsterland teilt. Zwar sinke die Zahl derer, die derzeit eine große Gefahr der Geschäftsaufgabe sehen, ohne zusätzliche finanzielle Unterstützung gehe jedoch vielen Unternehmen bald die Luft aus, befürchtet Thomas Schäfer, Hauptgeschäftsführer des Verbandes, der auch die Interessen der Einzelhandelsgeschäfte in Hamm wahrt. Er sieht die Gefahr, dass sich viele Menschen dem Online-Handel zuwenden, da die Kunden ein Einkaufserlebnis wünschten, zu dem neben offenen Geschäften auch sichere und angenehme Anfahrtsmöglichkeiten, Wohlfühlambiente, umfangreiche gastronomische und kulturelle Angebote sowie Aufenthaltsqualität gehörten. „Das kann noch nicht geboten werden“, so Schäfer.

Brautmoden gehen fast gar nicht

Voll erwischt von der Krise wurden die Geschäfte, die jetzt zwar öffnen dürfen, aber keine Waren verkaufen. Betroffen sind davon Monika und Peter Egden. Sie betreiben das Geschäft „Monis Braut- und Abendmoden“ an der Wilhelmstraße. „Wir verkaufen derzeit fast gar nichts“, sagt Peter Egden. Schützenfeste sind abgesagt, Hochzeiten in einem größeren Rahmen finden nicht statt. Anlässe für Abendmode gibt es nicht mehr. „Bei uns rufen die Bräute an und verschieben ihre Hochzeit auf das kommende Jahr“, sagt er.

Wenig Bummeln, dafür zügig und zielorientiert, so kaufen die Kunden im Allee-Center ein. Das berichtet Center-Managerin Cornelia Ludlei. Nach wie vor gelten auch dort Hygieneregeln. Ein Sicherheitsdienst ist angehalten, auf die Einhaltung der Abstandsregeln und der Maskenpflicht zu achten. Zudem können die Besucherströme über Frequenzzählanlagen gemessen und so die Anzahl der Besucher im Center gesteuert werden. Ludlei: „Unter den Einzelhändlern im Allee-Center nehmen wir eine positive Stimmung wahr.“

Einige Passanten unbeeindruckt

Wer in diesen Tagen in der Innenstadt unterwegs ist, bringt meist einen Kaufvorsatz mit. Erika Rubner und Karl-Georg Ende zum Beispiel. Einen Bummel hätten sie gerade hinter sich, sagt Rubner und deutet auf eine prall gefüllt Einkaufstasche: „Klamotten.“ Ihr Einkaufsverhalten hätten sie wegen Corona nicht geändert; gäbe es die Krise nicht, wären sie genauso unterwegs, sagt Ende.

Auch Rebekka und Fabian Mielchen zeigen sich unbeeindruckt: Die Jungverheirateten kommen gerade aus dem Allee-Center, beim Computerspiel, nach dem sie geschaut haben, gab es Lieferschwierigkeiten. Einkaufen, sagt Fabian Mielchen, täten sie genau wie vorher; der Online-Einkauf sei kein großes Thema für sie. Nur die Maske, sagt Rebekka Mielchen, die sei immer noch ungewohnt.

Gebühr unaufgefordert zurückerstattet

Die Maske rückt sich auch Petra Dankert zurecht, als sie einen Stapel T-Shirts ordnet. Bei „Cruse“, einem Bekleidungsladen an der Weststraße, ist gerade gut zu tun. Direkt nach der Wiederöffnung sei es beklemmend gewesen, weil niemand gekommen sei, sagt die Verkäuferin. Am nächsten Tag sei es dann übervoll gewesen, mit dem schlechten Wetter aber steil bergab gegangen. „Jetzt kommen die Leute wieder“, so Dankert. Es seien noch nicht so viele wie vor der Krise, aber: „Es läuft wieder an.“

Auch Semmi Jakupi freut sich wieder über Kundschaft im Eiscafé Remor. Es gebe treue Unterstützer, die in den vergangen Tagen fast täglich ein Eis gegessen hätten. Aber auch einige, die wieder gegangen seien, als sie Namen und Adresse angeben sollten, wie es in Gaststätten zwecks Nachverfolgung von Infektionswegen verlangt wird. Die Stadt, sagt Jakupi, habe ihm die Gebühr für die Außengastronomie für die Schließungszeit unaufgefordert zurückerstattet.

Buchladen als Krisengewinner

Margret Holota sieht sich in ihrem Buchladen ein wenig als Krisengewinnerin. 15 Prozent mehr Umsatz habe sie im April gemacht, sagt sie: „Die Leute sind wieder zum Lesen gekommen.“ Viel Unterhaltung sei über den Tisch gegangen, darunter einiges, was vor zwei oder drei Jahren im Gespräch war. „Viele haben da etwas nachgeholt“, sagt die Buchhändlerin. Und selbst „Harry-Potter“-Bände hätten sich noch mal gut verkauft. Lernhilfen für die Schule übrigens auch. Ob der Trend anhalte? Das wisse sie natürlich auch nicht...

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