Eintrittskarte ins Corona-Team

Was macht eigentlich... Philipp Thomas vom Ticketcorner in Hamm?

Ist da wer? Philipp Thomas hat eine Weile auf Kunden im Ticketcorner gewartet. Das ist längst vorbei.
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Ist da wer? Philipp Thomas hat eine Weile auf Kunden im Ticketcorner gewartet. Das ist längst vorbei.

Nahezu alle Kulturinteressierten in Hamm haben sich mindestens schon einmal mit Philipp Thomas (47) unterhalten. Vor allem über Sitzgelegenheiten und die damit verbundenen Perspektiven.

Hamm – Im Ticketcorner an der Oststraße versorgt Thomas seine Kunden seit 1997 mit Eintrittskarten für Comedy, Konzerte, Lesungen, Vorträge, Partys und natürlich Fußball – vor allem die BVB-Tickets sind ein Dauerbrenner. Doch derzeit bleiben in dem kleinen Ladenlokal die Lichter aus. Wo sonst zahlreiche bunte Poster Großereignisse ankündigen und Lust auf Musicals machen, schaut man auf weitgehend kahle Wände. Im Schaufenster blicken „Kiss“ neuen Tourterminen entgegen, im Innenraum hält „Ozzy Osbourne“ die Fahne hoch und setzt mit seiner nächsten und angeblich wieder einmal letzten Tour auf das Jahr 2022.

Corona hat das Geschäft mit der Freizeitgestaltung komplett zum Erliegen gebracht. „2019 war eigentlich ein recht gutes Jahr“, sagt Thomas und wirft einen Blick in seine Unterlagen. „Rund 20.000 Karten haben wir da verkauft.“ Und 2020? „Seit März haben wir gerade mal 200 Karten verkauft, was kein Wunder ist, weil man überhaupt nicht mehr planen kann.“ Mehr als 90 Prozent aller geplanten Veranstaltungen seien abgesagt worden. Er hofft, dass im Sommer 2021 der Betrieb langsam wieder anläuft, aber dass die bereits angekündigten großen Festivals realisiert werden können, das fällt ihm schwer zu glauben.

Kaum Anspruch auf Fördermaßnahmen

So paradox es klingen mag – dass das Ticketcorner aktuell nicht öffnen darf, ist für Thomas eine Erleichterung. So lange es keine behördliche Anordnung zur Schließung gab, konnte er auch bestimmte Hilfen und Fördermaßnahmen nicht nutzen. Oft saß er stundenlang in dem kleinen Ladenlokal und wartete. Selten klingelte das Telefon – und wenn, waren Kunden dran, die wissen wollten, ob sie für ausgefallene Veranstaltungen ihr Geld zurückbekommen könnten.

Längst hat Thomas auf persönliche Rücklagen zurückgegriffen, um sein kleines Unternehmen weiterführen zu können. „Die Miete für das Ladenlokal ist eher niedrig und die Personalkosten sind auch gering, da Dagmar Gardemin meine einzige Mitarbeiterin ist. Seit 20 Jahren hält sie dem Ticketcorner die Treue und hat auch meinen Schritt nach Münster tatkräftig unterstützt. Seit April ist sie in Kurzarbeit, und nun geht sie bald in Rente. Ich hätte mir für sie einfach einen würdigeren und festlicheren Abschied gewünscht“, erläutert der 47-Jährige, der in 2020 seine Filiale „Ticket to Go“ in Münster abgewickelt hat.

Ticket-Verkauf verlagert sich ins Internet

Das zweite Standbein, das er sich 2008 an der Windt-horststraße in Münster, dem Durchgang vom Hauptbahnhof in die Innenstadt, aufgebaut hatte, stand von Anfang an unter keinem guten Stern: „Ich hatte vor allem auf die Studenten gesetzt, aber die kamen erstaunlicherweise nicht. Anders als in Hamm, von wo die Leute nach Köln, Dortmund, Düsseldorf, Essen, Bochum oder eben Münster starten, lief es in Münster eher nach dem Motto ,Arena Oberhausen? Wo ist denn Oberhausen?‘ Die Münsteraner denken und planen nicht in solchen Aktionsradien wie die Hammer, sie müssen Münster nicht unbedingt verlassen, um etwas zu erleben und entsprechend weniger mobil sind sie. Für den Ticketabsatz ist das natürlich von Nachteil.“

Als 2011 das Angebot der Halle Münsterland kam, in deren Räumlichkeiten umzuziehen und auch gleich den Kartenvorverkauf für die dortigen Veranstaltungen mit zu übernehmen, sagte Thomas sofort zu. Ob die inzwischen eingestellte Kegelparty oder aber der noch existente Bullenball – zahlreiche der dort angesiedelten Party-Formate ziehen Tausende von Besuchern. Aber auch hier erfolgte im März der Einbruch. Das Management der Halle Münsterland erließ Thomas in weiser Voraussicht die Miete, aber das schenkte „Ticket to Go“ keine Zukunftsperspektive: Die Halle Münsterland wurde zum Impfzentrum erklärt und in diesem Zuge wurden auch die Räumlichkeiten der Vorverkaufsstelle benötigt. Thomas zog einen Schlussstrich und somit war „Ticket to Go“ endgültig Geschichte.

Pandemie wie ein Brandbeschleuniger

Die Pandemie wirkt auf den Digitalisierungsprozess wie ein Brandbeschleuniger. Der Ticket-Verkauf verlagert sich mehr und mehr ins Internet. Wer Fragen hat, landet in Hotline-Dauerschleifen.

„Und genau das ist es, was uns von den Online-Anbietern unterscheidet“, sagt Thomas, der hofft, dass die Kunden sich den Unterschied vergegenwärtigen und dem Ticketcorner die Treue halten. Wer ins Ticketcorner kommt, der will nicht nur Karten kaufen: „Unsere Kunden schätzen das Einkaufserleben“, weiß der Betreiber, der sich beim Öffnen der Ladentür auch schon Musik-Fans im Schlafsack gegenüber fand, die den Start eines bestimmten Ticket-Verkaufs auf keinen Fall verpassen wollten.

Fußball, Metallica und Logenplätze

Geschnackt wird bei Thomas über Fußball, darüber was bei den Kids gerade angesagt ist, ob die neue Bühnenshow von Metallica wirklich so toll ist und welches Musical die meisten Gänsehautmomente bietet. Und am Bildschirm zeigt sich, ob der Logenplatz sein Geld wert ist oder ob man vielleicht woanders einen viel besseren Blick aufs Geschehen hat. Geht es nach Thomas, muss das nicht enden. Er hofft auf den Neustart. Aber bis es so weit ist, hat er sich eine neue Aufgabe gesucht.

Mehrmals hatte sich der gelernte Bankkaufmann bei der Stadtverwaltung beworben, weil er sich in Sachen Corona einbringen wollte. „Für mich war wichtig, nicht irgendetwas zu machen. Es sollte schon etwas Sinnvolles sein.“ Ohne Erfolg. Plan B: Ein BWL-Studium an der Fern-Uni Hagen. Doch ein Freund, der ebenfalls für die Stadt Hamm tätig ist, hörte von den gescheiterten Bewerbungen und hakte erfolgreich nach.

Philipp Thomas hilft im Corona-Team

Als Mensch, der mit Zahlen umzugehen versteht, führte ihn der Weg direkt in die Corona-Einsatzleitung, wo die Zahlen aufbereitet werden, mit denen Krisenstab und Pressestelle später arbeiten.

Seit zwei Monaten ist er nun 30 Wochenstunden im Einsatz. Als Vater zweier Kinder arbeitet Thomas jeden zweiten Tag von Zuhause aus. „Das schlechte Gewissen lässt mich dabei nicht los. Sonst habe ich ein Schild an die Tür gehängt, dass vorübergehend geschlossen ist und musste das vor mir selbst verantworten. Aber jetzt bin ich Teil eines Teams und es fühlt sich für mich komisch an, jeden zweiten Tag ins Home-Office zu verschwinden. Aber anders ist das für uns einfach nicht zu schaffen.“

Mit ein bisschen Glück könnte der Übergang für Thomas fließend werden – in dem Moment, da die Corona-Einsatzleitung nicht mehr benötigt wird, könnte hier der Ticket-Verkauf womöglich starten.

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