Immer mehr Menschen psychisch krank

„Eine tiefe Verunsicherung“ - Chefarzt der Psychiatrie erklärt, was der zweite Lockdown mit uns macht

Corona Depression Psyche
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Corona und die Psyche: Was das Virus mit uns macht

Infolge der Coronapandemie steigt die Zahl psychischer Erkrankungen, sagt Prof. Dr. Marcel Sieberer. Er ist Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des St.-Marienhospitals in Hamm. Im Interview erklärt er, wie man psychisch gesund durch die Krise kommen kann.

In diesem Frühjahr haben viele gehofft, die Pandemie sei bis Herbst überstanden. Was macht es mit uns, dass die Krise anhält?

Es belastet uns. Die Pandemie stellt einen in unserer Generation bisher nicht erlebten Ausnahmezustand dar. Wir können sie nur schwer vergessen oder ausblenden, weil sie ins Alltägliche eingreift, jeden Kontakt, viele Gespräche, die Arbeit und die Freizeit beeinflusst. Wir bleiben auf Distanz. In unserer Kultur sind wir so geprägt, dass wir üblicherweise eine Armlänge Abstand zueinander einhalten. Das reicht jetzt nicht mehr aus, der Abstand muss größer sein. Natürlich können sich Menschen daran gewöhnen – andererseits führt es zu einer Verunsicherung, wenn man auf einmal etwas anders machen soll, als man es über Jahre und Jahrzehnte als völlig selbstverständlich erlebt hat. Die wieder rasant steigenden Infektionszahlen verunsichern uns natürlich zusätzlich.

Prof. Dr. Marcel Sieberer zeigt, wie viel Abstand Menschen in unserem Kulturkreis normalerweise voneinander halten - aktuell gilt das als zu wenig.

Inwiefern?

Das, was man persönlich gegen die Ausbreitung des Coronavirus tun kann, ist nicht etwa durch eine körperliche Anstrengung zu bewältigen. Man fühlt sich schnell ausgeliefert oder ohnmächtig. Noch dazu erkennt man keinen unmittelbaren Effekt des eigenen Handelns. Jeder muss sich ständig daran erinnern, dass man viele der Einschränkungen nicht nur für sich in Kauf nimmt, sondern für die Gemeinschaft.

Sinkt die Akzeptanz der Regeln?

Ja. Es ist nicht mehr wie am Anfang der Krise. Da gab es teilweise fast eine Aufbruchstimmung, den Willen, das Virus gemeinsam zu besiegen. Das ist ein Stück weit erloschen. Außerdem erschienen die verordneten Maßnahmen in den vergangenen Wochen und Monaten zum Teil willkürlich, weil sie sich für unterschiedliche Personenkreise und Landkreise zum Teil stark unterschieden haben.

„Wenn Regeln nicht stimmig erscheinen, machen sich Menschen ihre Regeln selbst“

Wenn etwa Fußballspieler positiv getestet wurden, der Rest der Mannschaft aber nicht in Quarantäne musste – während sich in Hamm Schüler ganzer Jahrgangsstufen wegen eines einzigen Falls in der Stufe wochenlang häuslich isolieren mussten?

Genau. Solche Entscheidungen verstehen die meisten nicht. Menschen wollen sich an Regeln orientieren. Aber wenn die Regeln ihnen nicht stimmig erscheinen, suchen sie Systemlücken und machen sich ihre Regeln selbst.

Müssten die Maßnahmen einheitlich sein?

Nicht unbedingt. Aber es ist der Eindruck entstanden, dass die unterschiedlichen Handhabungen nicht das Ergebnis von Sachinformationen sind. Genau das sollten sie aber sein: Man braucht eine sachliche, wissenschaftlich fundierte Diskussion über den Pandemieverlauf und die nötigen Maßnahmen. Daraus können unterschiedliche Schlüsse gezogen werden, die aber jeweils nachvollziehbar sein sollten.

Haben Sie Verständnis für Menschen, die trotz der steigenden Infektionszahlen wenig Abstand halten, vielleicht sogar Feiern veranstalten?

Das nicht. Natürlich ist der Mensch ein soziales Wesen, das auf Kontakte angewiesen ist – auch in Gruppen. Ich fände es aber zu einfach, wenn jemand eine Party und einen Verstoß gegen die Coronaregeln damit erklärt, dass er eben Kontakte braucht. Es stehen sich hier ja zwei Grundbedürfnisse gegenüber: Das Bedürfnis nach gesundheitlicher Unversehrtheit und das Bedürfnis nach sozialen Kontakten. Wer feiert, befriedigt zwar sein Kontaktbedürfnis, gefährdet aber die gesundheitliche Unversehrtheit anderer.

„Die Nachfrage nach intensiven Behandlungsformen nimmt zu“

Ist seit Beginn der Pandemie die Zahl derer gestiegen, die in Ihrer Klinik behandelt werden?

Ja. Wir haben einen deutlichen Anstieg der Behandlungszahlen erlebt und sehen einen hohen Bedarf. Viele Patienten sind schwer krank, die Nachfrage nach intensiven Behandlungsformen nimmt zu, sodass auch mehr Menschen stationär behandelt werden müssen. Die aktuelle Krise kann gerade bei entsprechender Vorbelastung zur psychischen Dekompensation führen.

Was heißt das?

Das bedeutet, dass bei Betroffenen Symptome zum Ausbruch kommen, bei denen das sonst vielleicht nicht passiert wäre. Wir erleben, dass Menschen infolge der Pandemie wieder krank werden, die längere Zeit stabil waren.

Kann die Klinik das bewältigen?

Ja, das gelingt. Allerdings stellt das Virus auch uns vor Schwierigkeiten. Wir haben ein besonderes Konzept: Normalerweise können wir den Übergang von der stationären zur ambulanten Behandlung fließend gestalten. Wenn jemand zum Beispiel drei Wochen stationär hier war, können wir ihm anbieten, wieder zu Hause zu übernachten, ihn aber tagsüber behandeln. In Coronazeiten geht das nicht, weil man diese Personenkreise jetzt nicht mischen darf. Wir müssen gegenwärtig die stationär von den ambulant Behandelten trennen. Das finden wir bedauerlich, können es aber aktuell nicht ändern.

„Krise trifft vor allem einsame Menschen“

Gibt es Gruppen, die die Krise besonders trifft?

Ja, das sind sicherlich vor allem einsame Menschen. Viele Alltagsbegegnungen sind weggefallen. Jemand, der immer zum Bäcker geht und dort seinen Kaffee trinkt, kann das vielleicht auch jetzt noch tun. Er trifft dort aber nicht mehr die gleichen Leute für eine kleine Plauderei. Gerade für diese Menschen ist es sehr schwer.

Wie viele sind das?

Sicherlich 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung fühlt sich zumindest zeitweise im Leben einsam.

„Jetzt sollte man sich Gedanken machen: Wie kann ich die freie Zeit gestalten?“

Was kann jeder Einzelne tun, um psychisch gesund durch die Krise zu kommen?

Man muss sich fragen: Wie kann ich die Zeit gestalten, auch wenn Einschränkungen gelten? Im Sommer konnten sich einige noch damit anfreunden, dass sie in den Ferien zu Hause bleiben mussten. Es war vielleicht sogar schön, die Umgebung zu erkunden und den eigenen Wohnraum auf Vordermann zu bringen. Aber inzwischen sind alle Hecken geschnitten, der letzte Winkel des letzten Schranks ausgewischt, und in den Herbstferien konnten wieder viele nicht wegfahren. Jetzt sollte man sich also Gedanken machen: Wie will ich die freie Zeit verbringen, auch wenn ich nicht wegfahren kann? Außerdem hilft es, sich Etappenziele zu setzen und sich zu überlegen: Wie will ich die Zeit bis Weihnachten gestalten, wie Silvester feiern – trotz der Regeln? Dann fühlt man sich nicht so ausgeliefert.

„Anderen zu helfen, tut gut“

Ich habe die Empfehlung eines amerikanischen Arztes gelesen, der zur Verbesserung der psychischen Gesundheit vier Maßnahmen empfiehlt: Man solle sich mehr bewegen, mehr lieben, weniger Stress haben, gut essen. Was halten Sie davon?

All das hilft der psychischen Gesundheit. Für sie kann man mindestens so viel tun wie für die physische. Dazu kommt ein fünfter Punkt: etwas für andere tun. Viele unserer Patienten finden das im ersten Moment absurd, sie sagen: Mir geht es schon so schlecht, und jetzt soll ich auch noch was für andere tun? Ja, sollten sie. Es gibt Studien, die zeigen, dass Helfen auch dem guttut, der hilft. Und sicherlich fällt es uns leichter, die Pandemie gemeinsam zu überwinden, wenn wir uns gegenseitig unterstützen.

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