"Ein Liebesbrief an die Leser": Verleger Dr. Dirk Ippen über die Zukunft der Zeitung

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Verleger Dr. Dirk Ippen

Hamm - Vor 50 Jahren hat Dr. Dirk Ippen seine Tätigkeit beim Westfälischen Anzeiger begonnen. Zunächst als „Kronprinz“ des Herausgebers, wie er selbst sagt. Inzwischen ist er lange erfolgreicher Verleger.

Von Hamm aus begann er mit dem Aufbau seiner Verlagsgruppe, die heute zu den größten in Deutschland gehört. Mit Martin Krigar unterhielt er sich über alte Zeiten, über verdiente Weggenossen – und über die Herausforderungen der Zukunft.

Herr Dr. Ippen, ich bin erst seit 1999 in Hamm. Sie sind schon dreißig Jahre länger dabei und als zwischenzeitlicher Chefredakteur einer meiner Vorgänger. Erzählen Sie doch mal, wie war das damals?

Dirk Ippen: Zum ersten Mal bin ich beim WA als Praktikant gewesen, Mitte der sechziger Jahre noch in dem uralten historischen Verlagsgebäude der Firma Griebsch. Da saß ich zunächst in der Betriebsabrechnung für die Druckerei. Davon habe ich gar nichts verstanden. Ich bin dann lieber zu den Damen der Buchhaltung gewechselt. Da war eine ganz junge Frau Glahe. Sie ist heute ja Leiterin der WA-Seniorengruppe. Wenn jemand dort Geburtstag hatte, gab es Kaffee und Kuchen. Das war für mich sehr viel schöner als die trockenen Rechenaufgaben der Betriebsabrechnung.

Und dann kamen Sie 1968 wieder…

Ippen: Altverleger Dr. Otto Woßidlo hatte nur eine Tochter in Wien und suchte einen Nachfolger. Er und mein Vater kannten sich. Und er wollte testen, ob ich der Richtige bin. Im Gegenzug sollte sich mein Vater an dem Unternehmen beteiligen, weil es Geld brauchte für den Neubau an der Gutenbergstraße und für eine neue Druckmaschine. Woßidlo war dann von mir sehr angetan. Aber ich wollte das zunächst eigentlich gar nicht, mir kam der ganze Betrieb ein wenig altmodisch vor. Was für großartige Menschen dort tätig waren, habe ich erst später erkannt.

Wann ging das dann in Hamm los?

Ippen: Am 1. Februar 1968 fing ich dort an.

Sie waren da mit gerade mal 27 Jahren ja noch sehr jung…

Ippen: Jung und unerfahren. Aber ich hatte einen offenen Kopf. Und ich hatte Glück. Ich profitierte unter anderem von dem Praktikum. Diese Zeit war hervorragend gewesen, es wurde ja auch gearbeitet und gab nicht nur Geburtstagsfeiern. Ich hatte ganz junge Leute im Verlag kennen gelernt, die wirklich gut waren. Zum Beispiel Herrn Reinisch, den späteren Vertriebsleiter, und Herrn Schlump, später Chef der Anzeigenabteilung. Die waren jung wie ich, und wir haben uns gleich gut verstanden.

Waren sie gleich der Chef im Verlag?

Ippen: Zunächst einmal war ich nur der Kronprinz. Im Haus herrschte vor allem Verlagsleiter Friedrich Frerich zusammen mit Verleger Woßidlo. Sie waren großartig, hielten aber gerne gegen meine moderneren Ansichten zusammen. Da habe ich mich durchsetzen müssen. Die Zustände in dem Traditionsunternehmen waren recht altmodisch. Ich habe dann mit der Zeit vom Keller bis zum Dachboden das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Das gefiel nicht immer.

Was war die erste große Neuerung?

Ippen: Das war die Einführung der bargeldlosen Lohnzahlung. Bis dahin war das Geld immer einmal in der Woche von der Bank geholt worden, mit Pistole und Hund. Dann wurde das in der Buchhaltung auf langen Tischen ausgebreitet und in Tüten gesteckt. Das ging nicht mehr. Ich hatte aber in der Belegschaft einen kleinen Aufstand. Plötzlich standen vier Maschinensetzer bei mir im Büro und wollten streiken. Die hatten ihren Frauen immer nur den Grundlohn gegeben. Das Überstundengeld, in der Hammer Sprache das „Schickermoos“, hatten sie für sich behalten. Das Problem haben wir am Ende gelöst, irgendwie mit einem „Dauerdarlehen“…

Welche Neuerungen gab es sonst so?

Ippen:  In der Druckerei habe ich dafür gesorgt, dass wir neue Daueraufträge bekamen. Wir haben zum Beispiel den Verlag Langenkämper gekauft und Zeugnisse, Klassenbücher und Formulare an Schulen verkauft. Und ich besorgte dauernde Druckaufträge für Telefonbücher und den „Junion Jack“, eine Zeitung für die englischen Soldaten bei uns. Ein ganz großer Schritt kam, als wir auf Fotosatz umstellten. Bald fingen wir auch an, die ersten Anzeigenblätter herauszugeben.

Gab es bei Umstellungen auch Reibungspunkte?

Ippen:  Es gab einen entscheidenden Durchbruch – gegen die beiden alten Herren Woßidlo und Frerich. Ich wollte unserer sehr tüchtige Hauptbuchhalterin Martha Niemann Prokura geben und sie offiziell als Abteilungsleiterin installieren. Das wollten beide nicht. Einer Abteilung, in der so viele Damen arbeiteten, musste nach ihrer Überzeugung ein Mann vorstehen. So war das damals. Da habe ich gesagt: Nicht mit mir. Ich habe mich durchgesetzt. Das hat den weiblichen Teil der Belegschaft sehr motiviert, weil klar wurde, dass bei uns gerade auch Damen in leitender Position arbeiten konnten. Frau Niemann hat später die Expansion des Hammer Unternehmens in die anderen Verlage in Deutschland entscheidend geprägt.

Und was war mit der Zeitung?

Ippen:  Hamm war immer schon sehr aufs Lokale ausgerichtet. Ich habe das verstärkt. Wenn man eine Lokalzeitung in Hamm hat oder anderswo in der Provinz, dann ist es unsinnig, daraus ein Weltblatt machen zu wollen. Zu der Zeit meinten die meisten Verleger in Deutschland, der Mantelteil sei das Wichtigste und man müsse in der großen Politik eine Rolle spielen. Das konnte man schon damals nicht mit einer Provinzzeitung und heute im digitalen Zeitalter wäre es erst recht unmöglich. Ich habe Lokaljournalisten zusätzlich eingestellt, die waren kritisch und unbequem, auch mir gegenüber. Ich kriegte da manchmal Ärger, auch nachdem ich selber Chefredakteur geworden war. Das war total gegen den Zeitgeist damals. Ich wusste aber, dass man eine kritische Zeitung braucht, die einen entschieden sozialen Standpunkt einnimmt. Da waren mir diese fleißigen und kritischen Journalisten gerade recht. Wir hatten immer schon einen hervorragend ausgebauten Heimatsportteil. Ich habe dafür gesorgt, dass zum Beispiel im Fußball auch die E- und F-Jugend vorkamen.

1982 sind sie nach München gegangen, ohne den Bezug nach Hamm verloren zu haben. Was haben Sie aus den Hammer Jahren ganz besonders gut in Erinnerung?

Ippen: Dass es eine Stadt ist, in der man wunderbar Kinder aufziehen kann, die da sofort in einer Gemeinschaft sind und keine endlos langen Wege haben. Ich habe es genossen, vom Huckenholz mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Und es gab in Hamm eine völlig intakte Gesellschaft. Wenn man einmal die richtigen Leute kannte, dann hatte man immer kurze Wege. Und im Betrieb gab so viele Talente, von denen ich viel gelernt habe. Dadurch ist die Verlagsgruppe überhaupt erst entstanden.

Sie haben jetzt in Hamm in ein neues Verlagshaus investiert. Gleichzeitig übernehmen Sie von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ die regionalen Geschäfte in Hessen; unter anderem gehören seit April 2018 die „Frankfurter Rundschau“ und die „Frankfurter Neue Presse“ zur Ippen-Gruppe. Das alles zeigt, dass Sie an die Zukunft von regionalen Medien glauben.

Ippen: Die lokalen Zeitungen werden nicht verschwinden, weil sie das gedruckte Facebook sind. Gerade in diesen Wochen erleben wir, dass es im Internet keinen Datenschutz gibt. Und wenn es um Glaubwürdigkeit geht, dann stehen die alten Zeitungsmarken ganz weit vorne. Das Thema „Fake News“ betrifft das Internet, nicht die Zeitungen. In einer Zeitung kann man diejenigen, die Verantwortung tragen, sofort greifen, vom Herausgeber über den Chefredakteur bis zum einzelnen Journalisten. Die sind alle verantwortlich zu machen. Im Internet ist das sehr viel schwieriger. Gleichzeitig können auch Zeitungshäuser digitale Geschäfte machen. Das erlebe ich fortschreitend auch in unserer Gruppe.

Zur Medienhaus-Eröffnung kommt NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Ist er Ihnen persönlich bekannt?

Ippen: An Herrn Laschet erinnere ich mich. Als vor mehr als 25 Jahren der private Rundfunk möglich wurde, haben wir in München einen Sender namens Radio Charivari gegründet. Dort arbeitete auch Herr Laschet. Ich freue mich, ihn unter so ganz anderen Umständen wiederzusehen.

Und was raten Sie mir als Ihrem Nach-Nach-Nach-Nachfolger in der WA-Chefredaktion für die nächsten Jahre?

Ippen: Bleiben Sie dran an den Themen der Menschen. Gehen Sie ins lokale Detail. Bringen Sie Gesichter, bringen Sie Menschen, bringen sie spannende oder anrührende Geschichten. Vergessen Sie nie, dass wir nicht ins Kino gehen, nur um Dokumentarfilme zu sehen. Wir wollen Dinge sehen und lesen, die unser Herz erreichen. Machen Sie eine Zeitung, als wenn Sie einen Liebesbrief an die Leser schreiben. Der wahre Chef der Zeitung ist nicht der Chefredakteur und schon gar nicht der Herausgeber, sondern der Leser.

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