Ein Jahr Bonpflicht selbst für Mini-Beträge - Immer noch Ärger

Ein Bon wird per Smartphone digital gescannt
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Scannen statt drucken: In der Bäckerei Potthoff gibt es den Bon auch digital.

Hamm – Gut ein Jahr besteht nun die „Bonpflicht“ – doch der Unmut darüber hat sich noch nicht überall gelegt. Unverständnis herrscht vor allem da, wo dem Kunden selbst für Cent-Beträge ein Beleg zur Mitnahme angeboten werden muss – unabhängig davon, ob der Kunde ihn haben will oder nicht.

Dabei muss es gar nicht mal ein Kassenzettel sein, der auf nicht immer umweltfreundliches (Thermo-)Papier gedruckt wird. Akzeptiert wird auch eine elektronische Variante. Zuständig für die Kontrolle ist das Finanzamt. Ob es in Hamm „unangemeldete Kassen-Nachschauen“ und gegebenenfalls Beanstandungen gegeben hat, teilte die Oberfinanzdirektion auf Nachfrage nicht mit: Prüfungen gebe es im Rahmen des „normalen Prüfungsgeschäfts“, sie würden nicht eigens erfasst.

Vor allem von Bäckern hatte es zur Einführung der Bonpflicht einen Aufschrei der Entrüstung gegeben. Sind doch auch sie seit dem 1. Januar 2020 verpflichtet, einen Beleg auszugeben, selbst wenn nur ein einzelnes Brötchen verkauft wird. Wie beim Heessener Bäcker Bernd Brockmann, in dessen Geschäft die Kasse bei jedem Kassiervorgang automatisch einen Bon ausspuckt. „Man muss sich die Frage stellen, inwiefern das Sinn macht“, gibt sich Brockmann rhetorisch. Denn: Vor Januar 2020 hätten vielleicht zwei von zehn Kunden einen Bon haben wollen und selbstverständlich auch erhalten. Seitdem seien es aber nicht mehr Kunden geworden, die den Kassenzettel mitnehmen. Fazit: Der Rest bleibt als Müll bei ihm zurück.

Manipulationssichere Kasse

„Wer glaubt denn allen Ernstes, dass ich mich bei meinen Arbeitszeiten noch zusätzlich daransetze, um mit viel Aufwand einzelne Buchungen zu fälschen?“, fragt Brockmann. Er habe schon vorher eine manipulationssichere Kasse angeschafft, außerdem müsse er die Kaufnachweise zehn Jahre lang in verschlüsselter Form auf einem eigenen Server speichern. Und das Finanzamt könne auch anhand des Waren-Einkaufs überschlagen, ob die Angaben zu den Verkäufen „passen“. Brockmann schätzt seinen finanziellen Mehraufwand durch die Bonpflicht auf jährlich etwa 2000 Euro.

Ein Ärgernis bleibt das neue Gesetz auch für Ulrike Sonntag. In ihrem Lotto- und Zeitschriftengeschäft an der Oststraße müssten ständig die Bonrollen erneuert werden, obwohl auch dort kaum jemand einen Beleg mitnehmen wolle, sagt sie. Wie hoch die finanzielle Mehrbelastung ist, konnte sie nicht beziffern. Die Sonntags betreiben in ihrem Laden auch eine Postfiliale, die – anders, als die Poststelle am Hauptbahnhof – sogar ohne Mittagspause geöffnet hat und dann besonders viel frequentiert wird. Und selbstverständlich müsse selbst für eine einzelne Briefmarke ein Beleg angeboten werden, der etwa vier Mal größer ist als die gekaufte Ware.

Ganz anders reagiert Jürgen Aust, Sprecher der Bockum-Höveler Großbäckerei Hosselmann: In den rund 200 Filialen sei „schon immer“ ein Bon pro Kunde ausgedruckt worden, die Bonpflicht sei darum für ihn kein Thema. Gleiches gilt – wie für die meisten Metzgereien – für die Fleischerei Senz, für die das neue Gesetz nach Auskunft von Kevin Senz ebenfalls keine Veränderung bedeutet habe.

Digitaler Bon statt Papiermüllflut

Aber es muss gar nicht immer gedruckt werden, um dem Kunden einen Beleg anzubieten. Auch dafür gibt es Beispiele in Hamm: In der Bäckereikette Dördelmann mit ihren 14 Filialen habe man von Anfang an darauf gesetzt, den Papiermüll einzudämmen. „Wir haben die Bonpflicht von Anfang an digital umgesetzt“, sagt Geschäftsführer Philipp Dördelmann. Der Kunde könne sich entscheiden, ob er den Beleg ausgedruckt haben möchte oder ob er den QR-Code, der ihm auf einem Monitor angezeigt wird, abfotografiert. „Die digitale Lösung war uns aus Umweltgründen lieber“, so Dördelmann. Das Interesse daran, den Beleg-Code abzufotografieren, sei allerdings verschwindend gering: „Aber wir tun dem Gesetz genüge.“ Einen Mehraufwand bedeute die Bonpflicht in jedem Fall: Dördelmann beziffert ihn auf monatlich 176 Euro pro Kasse, was sich angesichts von 22 Kassen in den 14 Filialen auf stolze 46.464 Euro jährlich summiert.

Gleiches gilt für die Bäckerei Potthoff mit ihren drei Filialen und dem Hauptgeschäft in Westtünnen. Die erste Zeit habe nach Auskunft von Nicole Potthoff schon einen deutlichen Mehraufwand bedeutet. Mittlerweile habe die „Papierverschwendung“ aber aufgehört, weil auch Potthoff seit einigen Monaten den E-Bon anbietet. Aber auch in ihren Filialen nehme kaum ein Kunde die Möglichkeit wahr, den QR-Code von einem Monitor ins eigene Smartphone einzuscannen.

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