Joghurt vom Nachbarn: Ehrenamtliche arbeiten wegen Coronavirus als Einkaufshelfer

Leon Boenki hat sich als Einkaufshelfer gemeldet.
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Leon Boenki hat sich als Einkaufshelfer gemeldet.

Vor allem Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen sollen vor der gefährlichen Lungenkrankheit Covid-19 geschützt werden, für sie birgt das Coronavirus große Gesundheitsgefahren. „Zuhause bleiben“ lautet daher die Formel, mit der die Gesundheit der Risikogruppe geschützt werden soll.

Hamm – Das heißt auch möglichst keine Wege in den Supermarkt, um das Ansteckungspotenzial gering zu halten. Für die Betroffenen gibt es in Hamm zahlreiche Menschen, die helfen wollen. 389 ehrenamtliche Helfer haben sich inzwischen bei den verschiedenen lokalen Unterstützungsangeboten registrieren lassen und bieten ihre Hilfe an. Insgesamt 105 Personen wünschen, dass für sie eingekauft wird. 124 Mal wurde die Einkaufshilfe in Anspruch genommen. Diese Zahlen hat die Stadt ermittelt. Sie beziehen sich auf die „offiziellen“ Nachbarschaftshilfen.

„In Krisenzeiten wird offenbar, wie sehr Menschen einander brauchen“, sagt Conny Schmidt. Sie organisiert für den Verein „Mayday“ in Rhynern die besondere Form der Nachbarschaftshilfe. Bereits vor einigen Wochen sei ihr die Idee gekommen, die Risikogruppen zu unterstützen. „Möglichst wenig direkten Kontakt zu anderen Menschen, das ist der beste Weg sich nicht anzustecken.“ Das ist ihr früh klar geworden und dabei ist die Idee zur Einkaufshilfe geboren. „Die Helfer waren schnell gefunden“, erinnert sie sich. Einige hätten sich bei ihr gemeldet: „Ich bin gesund, ich habe Zeit, ich kann helfen, was kann ich tun“, hatte es geheißen.

Helfer sind digital vernetzt

Doch wie die Hilfe koordinieren? Conny Schmidt hat alle ihre Helfer in einer WhatsApp-Gruppe zusammengefasst. „Das hat sich als sehr konstruktiv und einfach erwiesen“, sagt sie. Menschen, die Hilfe beim Einkaufen benötigen, melden sich bei ihr mit Einkaufswünschen. Die Telefonnummern stehen im Internet auf mehreren Homepages und sind inzwischen auch durch Mund-zu-Mund-Propaganda bekannt. In einem Formular, das sie selber entworfen hat, wird die Einkaufsliste zusammengefasst. Name der Kunden, Adresse und wenn möglich die Bankverbindung werden eingegeben.

Conny Schmidt stellt das Formular dann in die WhatsApp-Gruppe und fragt, wer Zeit hat, die Besorgungen zu machen. „Es dauert nie mehr als zwei Minuten, dann meldet sich schon jemand und übernimmt den Einkauf“. Ihre Helfer arbeiten die Einkaufsliste ab und melden sich kurz bevor ausgeliefert wird bei den „Auftraggebern“ mit dem Hinweis, dass sie in wenigen Minuten den bestellten Einkauf abgeben werden. Die Übergabe funktioniert dann kontaktlos.

So kommt die Ware bei den Leuten an

Die Helfer stellen die bestellten Waren vor Haus- oder Wohnungstür. Das Geld, wenn es nicht überwiesen wird, liegt meistens in einem Kuvert an einem vereinbarten Ort. „Probleme hat es noch nie geben“, sagt Schmidt. Die Helfer gehen beim Bezahlen in Vorleistung, haben aber bislang immer ihr Geld zurück bekommen.

Von der Mayday-Hilfe profitieren auch Angelika und Wolfgang Müller. Beide sind über 60 Jahre und haben mehrere Vorerkrankungen. Würden sie sich mit dem Corona-Virus infizieren, sehe es für sie sehr schlecht aus. Entsprechend vorsichtig sind sie und meiden möglichst viele Kontakte. Bereits zwei Mal haben sie sich von den Mayday-Helfern beliefern lassen. „Das hat wunderbar funktioniert“, freut sich Angelika Müller. Alle bestellten Artikel sind geliefert worden, ihnen fehle es an gar nichts. Beide genössen derzeit das schöne Wetter und die Arbeit im eigenen Garten.

Der Garten als Luxus

Vor einigen Jahren hätten sie mit dem Gedanken gespielt, das Haus zu verkaufen und sich eine Wohnung zu nehmen. „Gut, dass wir das nicht gemacht haben“, sagt Müller rückblickend. Jetzt in der relativen Isolation genießen sie die Zeit im Garten. Sie bedauern die Menschen, die diesen „Luxus“ nicht hätten. „In dieser Krise wird der Blick auf die eigene Situation ein ganz anderer“, sagt Angelika Müller.

Die Brüder Niclas und Leon Boenki helfen in Rhynern. Zu Beginn der Krise wollte Niclas einen eigenen ehrenamtlichen Lieferdienst auf die Beine stellen. Durch einen Kontakt zu Mayday gab er dieses Ansinnen auf und schloss sich Conny Schmidt an. „Das funktioniert super“, sagt er. Gemeinsam mit seinem Bruder ist der Student bis zu drei Mal in der Woche unterwegs um einzukaufen. „Das ist in dieser Situation doch selbstverständlich“, will er um seine Person nicht viel aufsehen machen.

Auch Einkaufshilfe in Bockum-Hövel

Dass man in der Krise enger beieinander steht, beobachtet auch Caritas-Mitarbeiterin Ulrike John von der Quartiersentwicklung Bockum-Hövel. Auch in ihrem Stadtteil wird die Einkaufshilfe angeboten. Schon mehr als 50 Einkaufshelden haben sich inzwischen bei ihr gemeldet, um Nachbarn oder Menschen zu helfen, die zur Risikogruppe gehören und daher weitestgehend zu Hause bleiben sollten.

„Vom 14-jährigen Schüler bis zum Rentner, vom Arbeitslosen bis zu Berufstätigen. Menschen ganz unterschiedlicher Nationalitäten haben sich gemeldet, um zu helfen“, sagt sie. Daraus seien in der Zwischenzeit viele schöne Kontakte entstanden. Dabei geht es nicht nur ums Einkaufen. So werden auch Hunde Gassi geführt oder Telefonate mit älteren Mitbürgern getätigt. Das sei ein wichtiger Dienst, so John. Viele, gerade ältere Menschen, litten unter der Isolation. Durch die Nachbarschaftshilfen entwickelten sich zahlreiche neue soziale Kontakte.

Jusos und Junge Union bieten auch Hilfe an

Einkaufshilfen bieten auch der politische Nachwuchs bei den Jusos oder der Jungen Union an. Mitglieder der Jungen Union betreuen fünf Senioren und gehen regelmäßig für diesen Personenkreis einkaufen. Bei den Jusos haben sich 20 Freiwillige gemeldet. Zwei Einsätze pro Tag zählt Jan-Hendrik Flecke, bei dem die Fäden zusammenlaufen. Die Aufträge werden per Telefon entgegengenommen und am nächsten Tag ausgeliefert.

Coronavirus in Hamm - weitere Infos:

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