Spendenaktion der Schützengesellschaft Berge

Alptraum auf Hausdach: So erlebte ein Hammer Paar die Hochwasser-Nacht

Auf dem Dach des Hauses erlebten Rita und Wolfgang Laerbusch die Katastrophen-Nacht in Bad Neuenahr.
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Ein Albtraum: Auf dem Dach des Hauses, das zum Teil abgeknickt war, erlebten Rita und Wolfgang Laerbusch die Katastrophen-Nacht in Bad Neuenahr.

Rita und Wolfgang Laerbusch haben die Flutkatastrophe in Bad Neuenahr-Ahrweiler nur knapp überlebt. Bis 2007 lebten sie in Hamm, waren fester Bestandteil der Schützengesellschaft Berge, die nun ein Spendenkonto eingerichtet hat. Hier erzählen sie ihre furchtbare Geschichte.

Bad Neuenahr-Ahrweiler/Hamm – Wenn Wolfgang Laerbusch über die Nacht zum 15. Juli 2021 spricht, läuft in seinem Kopf vieles noch ab wie in einem falschen Film. Realisieren können er und seine Frau die Geschehnisse längst noch nicht, auch wenn ihnen bewusst ist, dass dieser Albtraum tatsächlich real ist: „Das muss man gesehen haben. Das glaubt einem kein Mensch.“ Wolfgang und Rita Laerbusch haben einen Großteil ihres Lebens in Hamm verbracht, sind in Berger Vereinen heimisch geworden, insbesondere in der Schützengesellschaft Berge. 2007 zogen sie zur Tochter nach Bad Neuenahr-Ahrweiler und bauten sich eine neue Heimat auf. Die gibt es seit vergangener Woche nicht mehr.

Beide haben nur noch die Kleidung, die sie in jener Nacht trugen. Alles Hab und Gut, alle Erinnerungen wurden ihnen unter den Füßen weggerissen. Von der einstigen Wohnung steht nur noch ein Bruchteil. Der Winzerbetrieb des Schwiegersohnes ist völlig zerstört. „Hier reden wir von Millionenschäden“, sagt Laerbusch. Wie dies nun alles geregelt wird, ist völlig offen.

Die Sorgen sind zunächst ohnehin ganz andere. Dabei wissen die Laerbuschs ihr Glück im Unglück zu schätzen. Sie leben. „Wir haben bei dem Unwetter einige Bekannte verloren, sie haben die Katastrophe nicht überlebt“, berichtet der 76-Jährige mit einem Kloß im Hals. Sie selbst konnten sich in der Nacht retten, gemeinsam mit Tochter und Schwiegersohn sowie befreundeten Nachbarn. Zu sechst verbrachten sie die gesamte Nacht von etwa 22.30 Uhr bis morgens um 9 Uhr auf dem Dach eines Hauses. Das Dach des eigenen Hauses wäre ihnen wohl zum Verhängnis geworden. Das Gebäude steht zu großen Teilen nicht mehr.

Morgens wagte sich die Familie wieder hinab.

Der Reihe nach: Am Mittwoch, 14. Juli, sickern im Laufe des Tages die Nachrichten durch, dass das Hochwasser die Stadt erreichen werde. „Im Radio und vor allem durch Anrufe und Gespräche mit Nachbarn haben wir davon erfahren“, erzählt Laerbusch. Wir bereiteten uns vor, indem wir eine etwa 50 Zentimeter hohe Mauer aus Sandsäcken um unser Grundstück legten“, erzählt er. Am Abend dann sei die Feuerwehr gekommen, „die Rettungskräfte waren vor dem Wasser da“, so Laerbusch. Sie unterrichten die Bewohner, dass der Strom abgestellt werde und dass sie in die Häuser gehen sollten. „Offenbar hatten aber die Rettungskräfte das Ausmaß der Katastrophe völlig unterschätzt“, sagt Laerbusch heute. Denn der Verbleib in den vier Wänden war lebensgefährlich.

Als sich die Wassermassen dem Haus näherten, sei schnell klar gewesen, dass die Sandsack-Mauer gar nichts bewirken werde, so Laerbusch. Das Wasser schwappte einfach drüber und stieg mit enormer Geschwindigkeit. „Anschließend sind wir immer weiter nach oben ins Haus geflüchtet“, erzählt das Flutopfer. Letztlich sei nur noch die Leiter auf den Speicher geblieben und durch eine Dachluke raus aufs Dach. „Das war aufgrund unseres Alters gar nicht so einfach. Aber irgendwie funktioniert man. Wir hatten sogar vorher noch unsere Papiere, Handy und das Portemonnaie eingesteckt.“

Freier Blick ins Wohnzimmer und Bad.

Draußen auf dem Dach verbrachten die Laerbuschs dann mehrere Stunden gemeinsam mit den Verwandten und Bekannten. Da die Dächer miteinander verbunden waren, verweilten sie schließlich auf dem Teil des Gebäudes, das am standsichersten erschien. Wie richtig diese Entscheidung war, zeigte sich schnell: „Plötzlich machte es ,knack‘ und wir konnten zugucken, wie ein Teil unseres Hauses weggeknickt ist“, schildert der Rentner. Unter ihnen war das Wasser bis auf fünf Meter Höhe angestiegen, Gasleitungen zischten. Die Feuerwehr hatte zwar auf einer Erhöhung Sichtkontakt per Scheinwerfer hergestellt, ans Haus heran kam sie aber nicht.

Erst morgens um 9 Uhr des nächsten Tages war der schlimmste Spuk vorbei, die größten Wassermassen abgeflossen. Über den Balkon kletterten sie vorsichtig hinab und brachten sich mit einem Fahrzeug in Sicherheit, in ein Hotel. Die kleineren Fahrzeuge, wie ein kleiner Motorroller, waren nicht mehr da. „Die hat die Flut weiß Gott wohin mitgenommen. Auch meine Weinflaschen, die ich am Tag zuvor noch gekauft hatte. Das tut mir besonders weh“, erwähnt er und will damit zum Ausdruck bringen, dass er bei allem Elend seinen Humor nicht verloren hat.

Froh, am Leben zu sein: Wolfgang und Rita Laerbusch. (Klicken Sie oben rechts ins Bild, um das komplette Motiv zu sehen.)

Nach zwei Tagen hat die Familie ihr Haus besichtigen können. Die neu errichtete Firmenhalle des Winzers und ein Großteil des Gebäudes sind schlichtweg nicht mehr da. Im übrigen Teil des Gebäudes ist das Wasser wieder abgelaufen. „Die Blumen stehen auf dem Tisch, als wäre fast nichts gewesen“, berichtet der Ex-Hammer betroffen und fassungslos bei diesen Bildern. Aber auch der Anblick des gesamten Hauses macht ihn nur noch traurig. Vieles Vertraute im Ort ist zerstört. Die Bahngleise liegen kreuz und quer rum. Brücken sind weggebrochen, so dass wichtige Verbindungswege nicht mehr existieren.

Wolfgang und Rita Laerbusch sind zunächst bei ihrem Sohn in Oer-Erkenschwick untergekommen. Als er dem WA von seinen Erlebnissen berichtet, nimmt er einen Schluck Kaffee und sagt: „Endlich kommen wir mal etwas zur Ruhe.“ Wie es weitergehen soll, wissen sie nicht. Aber eins sei klar: „Wir stecken den Kopf nicht in den Sand. Man lebt ja viel zu gerne. Wir blicken nach vorne, auch wenn das im Moment sehr schwerfällt.“

So sah es mal aus: Eine neue Lagerhalle (rechts) für den Winzerbetrieb der Familie war erst kürzlich aufgebaut worden. Vom weißen Haus vorne steht nur noch die Hälfte.

Spendenaktion für Hammer Hochwasser-Opfer

Wolfgang und Rita Laerbusch sind 1968 nach Hamm gezogen, lebten auf dem Gelände der Waffelfabrik Jaspert im Hammer Süden. Ihre Freizeit verbrachten sie fast ausschließlich in Berge, wo sie viele Freunde haben und in der Schützengesellschaft aktiv waren; 2003 als Königspaar, 2009 als Kaiserpaar, obwohl sie bereits 2007 zur Tochter nach Bad Neuenahr gezogen waren.

Der Kontakt ist nie abgerissen – und das macht sich jetzt bezahlt: „Es ist überwältigend, wie die Resonanz aus der alten Heimat ist. Wir bekommen viel Zuspruch“, sagt Laerbusch. Damit meint er auch die Spendenaktion der Schützen.

Für das ehemalige Königs- und Kaiserpaar, das ohne alles da steht, hat der Verein ein Spendenkonto eingerichtet: Sparkasse Hamm, DE 65 4105 0095 0007 0757 32. Betreff: Rita und Wolfgang.

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