Serie: Was braucht Heessen?

Ehemalige No-Go-Area: Was wurde aus dem einstigen Brennpunkt Schottschleife?

Die Schottschleife im Jahr 2001: Die Wohnungen waren heruntergekommen, die Bewohner kämpften mit vielfältigen Problemen.
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Die Schottschleife im Jahr 2001: Die Wohnungen waren heruntergekommen, die Bewohner kämpften mit vielfältigen Problemen.

Einst war die Schottschleife bundesweit in den Medien: Als Brennpunkt mit Wohnungen ohne Warmwasser und Chaos, dafür mit Chaos und Gewalt. Wie hat sich die Gegend weiterentwickelt? Diskutieren Sie mit (Formular am Ende des Artikels)!

Hamm-Norden – Was braucht der Norden? Die Antworten auf diese Frage unterscheiden sich tatsächlich vom Gesamtbezirk Heessen in Hamm, und das nicht nur, weil der Norden zwei Bezirken angehört, neben Heessen auch noch Bockum-Hövel. Deutlich wird das an der Schotttschleife. Die Geschichte des einstigen Brennpunkts zeigt, was der Norden braucht – und vor allem: Was er nicht braucht.

StadtteilHamm-Norden
Einwohner13.621 (Stand: 2017)
SGB-II-Quote in Hamm-Norden*29,7 (Stand: 2017)
SGB-II-Quote in ganz Hamm 15,1 (Stand: 2017)

 *Anteil der SGB-II-Empfänger an der Zahl der Einwohner unter 65 Jahren

Schottschleife in Hamm-Norden: Einst stand die Hälfte der Wohnungen in dem Brennpunkt leer

Wer heute nachschaut, ob in dem Wohngebiet mit den vielen Mehrfamilienhäusern eine Wohnung zu haben ist, wird fündig: Genau eine bietet die Wagner Hausverwaltung an: zweieinhalb Zimmer, 65 Quadratmeter, 284 Euro Grundmiete.

Das war mal anders. Im November 2001, also vor fast genau 20 Jahren, stand die Hälfte der Wohnungen leer. So ist die Schottschleife, zu der auch die Straße Schlagenkamp gehört, ein Beispiel dafür, wie man eine Siedlung herunterwirtschaftet – und wie man sie wieder aufpäppelt. 664 Wohnungen gibt es in den Häusern. Errichtet wurden sie von der Neuen Heimat, einem Unternehmen der Gewerkschaften auf dem Wohnungsmarkt. Nach vielen Jahren der Blüte geriet die Wohnungsbaugesellschaft in den 1980er Jahren in Schieflage – Gründe: sinkende Nachfrage nach Wohnungen und Korruption. In NRW gingen tausende Wohnungen an die LEG, die „Landesentwicklungsgesellschaft“, die damals dem Land NRW gehörte. Darunter waren die Häuser an Schottschleife und Schlagenkamp. In einem guten Zustand waren die Wohnungen nicht mehr.

Folge von sinkender Nachfrage und Korruption: Ganze Siedlung zum Schnäppchenpreis verkauft

Einen Teil wollte die LEG sanieren – und das durch den Verkauf von anderen Neue-Heimat-Wohnungen finanzieren. So wurde ein Käufer für die Häuser im Hammer Norden gesucht – der fand sich in Mustafa Arslan, einem Hammer Unternehmer, und seiner Firma „Gesellschaft für Immobilien- und Vermögensverwaltung“ (GIV). Der Kaufpreis von offiziell etwa 11 Millionen Euro galt als Schnäppchen.

Der Kaufpreis lag in Wahrheit aber noch 1,5 Millionen niedriger, das kam erst später heraus. Auch, dass es zahlreiche Hinweise gab, dass Arslan und die GIV nicht wirklich flüssig waren. Und so startete der neue Besitzer nach etwa einem Jahr eine Sanierung und blieb stecken.

Entwicklung zum Brennpunkt: Zustand der Wohnungen ändert sich von schlecht zu katastrophal

Der Zustand der Wohnungen verschlimmerte sich, von schlecht zu katastrophal. Mieter blieben monatelang ohne Heizung und Warmwasser, die Elektrik war marode, Möbel geräumter Wohnungen lagen vor Häusern. Einige Mieter organisierten sich, andere zogen weg.

Schottschleife im Jahr 2000: Müll liegt herum, keiner entsorgt ihn.

Die Hängepartie ging über Jahre. Arslan hatte die 664 Wohnungen zu Beginn des Jahres 1999 gekauft, schon ein Jahr später waren die Wohnungen wieder auf dem Markt – aber niemand wollte sie haben. Im August 2000 begann die Sanierung – da hatte der Käufer schon monatelang alle Mieten kassiert. Ins Stocken kam die Sanierung bereits im Dezember.

„Bild“ berichtet: Skandal um Schottschleife schlägt bundesweit Wellen

Der Skandal von billig von der NWR-eigenen LEG verkauften Wohnungen, die nicht saniert wurden, und katastrophale Wohnbedingungen boten, zog Kreise. Nicht nur der Stadtrat tagte immer wieder, auch das Landesparlament wurde aufmerksam. Und die „Bild“-Zeitung griff das Thema auf. Unter dem Titel „Die vergessene Siedlung – Niemand fühlt sich für das Elend verantwortlich“ lasen Millionen Menschen in Deutschland: „In der Siedlung herrschte das Chaos. Die Menschen leben ohne Heizung, ohne fließend Wasser – umgeben von Müll und eingeschlagenen Fenstern.“ Oder: „Du gehst vorbei an leeren Cola-Dosen, alten Flaschen, Zeitungen, zerknüllten Zigaretten-Packungen, Autowracks auf der Straße, Sperrmüll, den die Mieter hinterlassen, wenn sie nachts heimlich ihre Wohnungen räumen.“ Auch weitere überregionale Medien berichteten.

Schottschleife: Gericht setzt Zwangsverwaltung ein

Der WA verfolgte das Thema teilweise fast täglich, und nachdem im Mai ein Gericht eine Zwangsverwaltung einsetzte, konnte der WA langsam Fortschritte berichten. So heißt es in der Ausgabe vom 8. November 2001: Das Haus Schottschleife 2 bekommt Heizungen, der Schlagenkamp 13 eine Vollsanierung. Aber dort steht auch: „Von den 664 Wohnungen stehen die Hälfte leer.“

Im gleichen Monat wird erstmals Dieter Wagner als möglicher Käufer erwähnt. Und der Kauf klappt, wenn auch mit Verzögerung. Haus für Haus wird saniert, und das Stadtteilbüro Hamm-Norden übernimmt mehr und mehr die soziale Arbeit. Die Selbstorganisation der Mieter bringt sich ein. Und so titelt der WA im September 2002: „Nachdem das erste Haus komplett saniert und das Umfeld in Ordnung gebracht worden ist, werden die schönen Seiten des Quartiers wieder sichtbar.“

Neuer Vermieter an Schottschleife investiert - Siedlung wieder gepflegt

Der damalige CDU-Ratsherr Klaus Schwennecker beschreibt den Prozess so: Wagner habe eng mit dem Stadtteilbüro zusammengearbeitet, auf die Zusammensetzung der Mieter in den Häusern geachtet, Nachbarn und den Präventionskreis einbezogen und Wohnungen saniert.

Die Schottschleife heute: Die Häuser sind saniert, Leerstand gibt es kaum.

„Hier ist jetzt alles sauber, kein Müll liegt rum, die Rasenflächen sind sauber, die Häuser auch, und wenn jemand auszieht, steht schon der nächste bereit, um einzuziehen, Leerstände gibt es praktisch nicht mehr.“ Die Siedlung gehört bis heute dem Wagner-Unternehmen. Frank Wagner investierte 2016 in die Kita Noah und 2018 in zwei weitere Häuser mit zusammen 48 Wohnungen. So sieht Zukunft aus.

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Das Thema kommentieren können Sie außer über das Formular auch unter dem passenden Post auf der WA-Facebookseite und per Mail an heessen@wa.de.

Mehr zum Thema lesen Sie in der Print-Ausgabe des Westfälischen Anzeigers vom 21. August. Die Serie „Was braucht Heessen?“ endet mit dieser Folge.

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